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VOM «WASCHHÜSLI» ZUM WAHRZEICHEN



Gastblog von Dr. Hans Bosshard

Hans Bosshard studierte Anglistik, Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich, war lange Zeit Chefredaktor von «Reader’s Digest» Schweiz, verfasste 2005 (schon pensioniert) im Auftrag der Kirchgemeinde St. Franziskus eine Schrift über die Wollishofer Katholiken und ihre Kirche. Er wohnt in Kilchberg. Wir baten ihn, ausgehend von seiner Schrift einen Wollipedia-Blog zu verfassen, und wo nötig zu aktualisieren. Wir danken dem Gast-Blogger für seinen Einsatz!


Wollipedia, Sebastian Brändli



Hans Bosshard, Kilchberg



Der lange Weg zur Entstehung der modernen Kirche St. Franziskus

Heute ist die Kirche St. Franziskus, mitten im belebten Verkehrsknotenpunkt Morgental, ein Ort der Stille und Einkehr für die mehr als viertausend Katholiken Wollishofens.

Beim Anblick der leuchtend roten Fassade mit dem imposanten runden Turm dürfte aber nur Wenigen bewusst sein, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren, bis die Kirche ihre jetzige Form und Bestimmung fand.


Im Mittelalter gab es hier keine eigene Kirche; die Gläubigen gehörten zur Pfarrei Kilchberg, was einen Weg von mehreren Kilometern zum Gottesdienst in der «Kirche auf dem Berg» bedeutete. Ab dem 14. Jahrhundert entstanden drei Kapellen in der Gemeinde. Mit der Reformation von 1523 wurden sie jedoch zu reformierten Gotteshäusern, womit es hier keine katholischen Glaubensorte mehr gab. Erst als im Jahr 1807 der katholische Glauben von den staatlichen Behörden wieder zugelassen wurde, konnte die Suche nach einem eigenen Gotteshaus beginnen.


Katholische Kapelle Wollishofen. Sammlung MZ. Nicht gelaufen.*


Ein Hilferuf

Es dauerte noch bis 1901, bis ein geeignetes Lokal gefunden wurde: das sogenannte «Waschhüsli» an der Ecke Butzenstrasse/Albisstrasse, das aber für die rasch wachsende Gemeinde bald zu klein war. Auf einem Flugblatt erging ein – vermutlich von Dr. Paul Usteri** verfasster – «Hilferuf zum Bau der St. Franziskus-Kirche Zürich-Wollishofen», in dem es hiess:


«Auf lichter Höh, entrückt vom Lärm der Stadt, zu Wollishofen zwischen See und Sihl,

möcht’ grüssen dich als nahes Wanderziel ein Kirchlein, das geplant, noch nicht gebaut, dem Heiligen von Assisi wird geweiht, wenn einst es friedlich in die Lande schaut als Zeuge deiner Opferwilligkeit.

Jetzt schliesst ein nüchtern enger Raum noch Hunderte vom Gottesdienste aus,

durch Jahre blieb es nur ihr Zukunftstraum, zu wallen in ein schönes Gotteshaus.

Drum denk’ ich an’s gnadenreiche Jubeljahr, das dir den heil’gen Franz so lieb gemacht,

und bring ein Scherflein seiner Kirche dar, dann wir in ihr auch deiner fromm gedacht.


Endlich gelang es, ein Grundstück an der Albisstrasse beim Morgental zur erwerben. Pfarrer Josef Omlin berief den Architekten Josef Steiner, der zuerst ein Projekt einer Kirche ohne Turm vorlegte. Schliesslich kam ein Bau mit Turm im Basilika-Stil zur Ausführung – mit roter Färbung, was auf eine Empfehlung der städtischen Baubehörde zurückging, die damals eine «farbige Stadt» propagierte.


Neue Franziskuskirche Wollishofen. Um 1927. Sammlung MZ. Gelaufen 2.8.1956.


Eingeweiht wurde die Kirche 1926, im Jubiläumsjahr, als des 700 Jahre zuvor verstorbenen heiligen Franz von Assisi gedacht wurde. Zwei Jahre später war die prächtige Kirche mit dem markanten runden Turm vollendet. Damals stand noch ein Riegelbau direkt vor der Fassade an der Albisstrasse. Im Inneren schmückte der Kirchenmaler Fritz Kunz die Wände mit grossflächigen Fresken, welche den gekreuzigten Christus und den Lebensweg von St. Franziskus darstellten.


Umgestaltung des Innenraums

Der Kirchturm blieb ohne Uhr, bis 1952 auch ohne Glocken. Als sich 1973 eine Erneuerung des Gotteshauses aufdrängte, beschloss die Baukommission nicht nur eine Renovation, sondern auch eine Umgestaltung des Innenraums. Um dem neuen aktiven Gruppen- und Gemeinschaftsleben Rechnung zu tragen, verzichtete Architekt Dieter Schenker auf die bisherige Anordnung des Inneren in der Längsrichtung. Einen einfachen Holzaltar setze er auf einem mobilen Podest mitten ins Kirchenschiff, an der linken, östlichen Seite. Die Holzbänke ersetzte er durch im Halbkreis freistehende Stühle.


St. Franziskus, Kircheninneres, um 1975. Aus der Schrift 2005.


Grossen Widerstand gab es nicht nur gegen den Verzicht auf die Längsorientierung des Kircheninneren, sondern auch gegen den Beschluss, die acht dunklen Fresken wie auch das wuchtige Altarbild zu übertünchen, aber nur so, dass sie später wieder zum Vorschein gebracht werden könnten. Die Einsprachen, vor allem diejenige des kantonalen Denkmalpflegers, waren vergeblich – und die Kirche wirkte nun viel heller.


Gefällige Modernität

Fünfzig Jahre später, im Jahr 2003, beschloss die Kirchgemeindeversammlung auf Vorschlag von Präsident Wolfgang Nigg eine erneute, umfassende Renovation. Das Projekt der Architekten Pius Bieri und Konrad Witzig, den Innenraum der Kirche, mit festen Bankreihen, wieder in der Längsrichtung anzuordnen, fand einhellige Zustimmung. Damit richtete sich der Blick vom Eingang her direkt zum neuen Liturgiebereich mit dem Altar, der so zum dominierenden Raumelement wurde. Licht, Farben und die schlichte Formensprache der liturgischen Elemente vermittelten den Eindruck gefälliger Modernität, weit entfernt von der barocken Fülle früherer Kirchenbauten.


St. Franziskus, Kircheninneres. Um 2005. Aus der Schrift 2005.


Am 21. November 2004 zelebrierte Bischof Amédéé Grab die Einweihungsmesse der neugestalteten Kirche. «Ich hoffe, dass der Geist der Erneuerung weit in unsere Gemeinde hineingetragen wird», sagte Wolfgang Nigg. «Ich wünsche mir, dass unsere Pfarrei eine lebendige Kirchgemeinde sowie eine offene und in gegenseitiger Achtung verbundene Gemeinschaft bleibt, die uns neuen Mut, Kraft und Lebensfreude gibt.»

«Dies hat sich seither bewahrheitet», stellte Diakon Uwe Burrichter, Pfarreibeauftragter St. Franziskus, bei einem kürzlichen Gespräch fest: «Unsere Gemeinde entspricht der Einschätzung von Wolfgang Nigg heute in besonderer Weise. Für alle Generationen sind Kirche und Zentrum St. Franziskus eine Heimat und ein Ort, in der eine offene und ökumenische Kirchlichkeit Wirklichkeit geworden ist.»



 

* Die abgebildete katholische Kapelle, die auch schon im Blog über religiöse Vielfalt präsentiert wurde, stand auf dem Areal der heutigen Albisstrasse 82, am seinerzeitigen Bogenweg (über den Bogenweg folgt später ein Blog).

** Um welchen Paul Usteri es sich handelte, konnte bisher nicht eruiert werden. In Frage kommen zwei promovierte Namensvetter, die Mitte der 1920er Jahre in der Stadt Zürich wohnten: der freisinnige Ständerat (1853-1927) oder der Altphilologe und Professor an der Kantonsschule (1878-1942).



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