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FREDY SCHÖRGHOFER

Aktualisiert: 15. Juni

Wie kommt Fredy Schörghofer in unseren Wollishofer Blog? Wer erinnert sich noch an ihn?

 

1948 eröffnete Bäckermeister Fridolin «Fredy» Schörghofer (1907-1986), der die Bäckerei an der Ecke Kilchbergsteig / Rumpumpsteig betrieb, das Tea Room «Rumpumpstube». Das Haus – Kilchbergsteig 13 – ist bekanntlich das erste Schulhaus Wollishofens; es wurde auf Initiative von Pfarrer Schmutz 1749 den schulkritischen Wollishofer Bauern aufs Auge gedrückt. Der Pfarrer erhielt allerdings nicht nur Recht von der Geschichte – auch die Wollishofer lernten die Schule als Institution für die Bildung des Nachwuchses schätzen –, man sollte den Pfarrer auch ehren, finanzierte er diese erste Bildungseinrichtung Wollishofens doch zu einem grossen Teil aus seinem eigenen Sack. Architekt war übrigens der bekannteste Zürcher Baumeister seiner Zeit: David Morf! Er war später auch für die beiden stattlichsten Barockbauten Zürich, das Zunfthaus zur Meisen und das Haus zur Krone, dem heutigen Rechberg, zuständig.

 

1827 erhielt Wollishofen ein «neues», zweites Schulhaus vis-à-vis der Kirche, und das Haus am Kilchbergsteig wurde zum Wohn- und Gewerbehaus. 1860 installierte man dort eine Bäckerei, die bis weit über den 2. Weltkrieg in Betrieb war. Und eben: Seit den frühen 1940er Jahren war Bäcker Schörghofer für den Betrieb verantwortlich, später übernahm er auch die Liegenschaft.

 

Die Schörghofers – ein österreichischer Familienname – stammten zwar aus Salzburg, Fridolin wurde aber 1907 in Arbon geboren und kam um 1940 als gelernter Bäcker nach Zürich. Hier wurde er schnell Zürcher. Er war offensichtlich ein guter Bäcker, auch ein guter Verkäufer und Kommunikator, ein lebenslustiger Mensch, ein Unterhalter: Schon früh rieten ihm Freunde und Bekannte, sich doch als Wirt zu betätigen: «Schörgi, du bisch de geboore Beizer.» Das erzählte jedenfalls ein guter Freund Schörghofers, der Journalist und Autor Fritz Herdi, dem wir viele Zürcher Geschichten, vor allem seine «Limmatblüten» verdanken.*


«Rumpumpstube» am Kilchbergsteig 13. Denkmalpflege. 1976. BAZ.


Auf diesen Ratschlag von Freunden dürfte die Gründung des Café-Restaurants in Wollishofen zurück geführt werden können. 1948 brachte die NZZ jedenfalls die Neuigkeit einer weiteren Leserschaft zur Kenntnis: «Man müßte schon in Archiven suchen und Manuale durchblättern,» heisst es dort, «um die Etymologie der in ihrer Verstümmlung nicht gerade zürcherisch anmutenden alten Flurbezeichnung „Rumpump“ zu erfahren. Zwiefach erscheint dieser Name im Kern des einstigen Dorfes Wollishofen, als „Rumpumpsteig“ und neuerdings als Schild der vor wenigen Tagen eröffneten Gaststätte „Rumpumpstube“, einer längst wünschenswerten Ergänzung der Konditorei-Bäckerei Fridolin Schörghofer am Kilchbergsteig 13 in Wollishofen.» (NZZ 21.6.1948)


«Rumpumpstube» am Kilchbergsteig 13. Um 1950. Ortsmuseum.


Zwei Bemerkungen zum obigen Foto. Erstens vergleiche man die beiden Fotos und beachte das Dach: Die beiden Mansarden, die zum heutigen Erscheinungsbild des alten Hauses passen, stammen offensichtlich aus der Zeit zwischen 1950 und 1976 (konkret 1951)! Und zweitens: die Belegschaft. Ganz links dürfte der Bäcker stehen, dann Backstuben- und Tea-Room-Personal gemischt. Am rechten Rand findet sich der Chef, Schörghofer, mit Hund! Kein Parkplatz, alles sauber, riesige Blitzableiter aus der Zeit um 1800: ländlich-sittliches Wollishofen!


Karriere im Niederdorf


Doch offensichtlich behagte Schörghofer die Rolle des Wirts besser als jene des Bäckers. Es zog ihn in die Innenstadt. Fritz Herdi berichtet:«Als ich Schörghofer kennenlernte, war er noch Bäckermeister. In der Wintersaison unterhielt er als Gast ein ganzes Lokal mit Sprüchen, Liedern und nicht zuletzt mit Hawaiigitarren-Imitationen, die er mit den Fingern und seiner Nase fabrizierte. Item, vor 22 Jahren [1954] fing er mit wirten an und hörte mit rauchen auf.  "Hudli-Beiz" und "Pinguin-Bar" waren sein Start. Dann übernahm er das "Alt-Züri", wo Gottfried Keller schon ab und zu eine Flasche gekippt hatte. Und dort begann der Erfolg sowohl mit eigenen Gesangseinlagen als auch mit sich produzierenden Gästen.»


In Aktion


Schörghofer war also bald nicht mehr nur Wirt, nicht nur «Restaurateur», wie er sich im Adressbuch vorstellte, sondern Unterhalter, Sänger, Produzent, Künstler. Als solcher hatte er sich schon in der «Alt-Züri-Bar» einen Namen gemacht, erst recht wurde er damit dann aber im «Grobe Ernst» an der Stüssihofstatt 16 berühmt. Dort hatte Restaurant- und Bar-Unternehmer Ernst Grob das legendäre Lokal gegründet, und dort wurde Schörghofer für Jahre der Gerant, nein: die Seele des Hauses. Abend für Abend sorgte er am untern Ende der Stüssihofstatt für Ambiance, für Stimmung, zusammen mit seinen begabten (und auch weniger begabten) Gästen. Alle durften mitmachen, konnten mit dem schwergewichtigen und stimmgewaltigen Wirt aber kaum mithalten. Zum Team gehörte auch der Pianist Sigi Kremo, der jede Stimmlage und Tonart begleiten konnte.


Das Haus Kilchbergsteig 13 blieb in Schörghofers Besitz, die beiden Betriebe – die Bäckerei und das Tea-Room – gab er aber weiter. 1960 betrieb eine Frau Laubscher die Bäckerei (mit Sohn Gottlieb), während Arthur Vogt das «alkoholfreie Restaurant» betrieb.


Doch die Post ging im Niederdorf ab: Die «Anreicherung» des Programms in kultureller Hinsicht lag Schörghofer im Blut – wie nicht nur Fritz Herdi bemerkte. Auch der Unternehmer Ernst Grob war im Bild. Von ihm ist ein Brief an Schörghofer vom 28. August 1974 erhalten, in dem eine Auswertung des ersten Halbjahres vorgenommen wird. Grob urteilte streng und verlangte Steigerung in allen Aspekten. Nebst anderen Ratschlägen heisst es da: «Es ist zu ergründen, ob durch Reklame, Spezial-Gags etc. die Umsätze noch etwas verbessert werden können.» Zudem erfolgte Klartext: «Ich bitte Sie höflich, als Gerant des Restaurants ‚ZUM GROBE ERNST‘, mir für die übrigbleibenden vier Monate des Geschäftsjahres 1974 konkrete positive Vorschläge zur Verbesserung der Resultate bis zum 3. September 1974 schriftlich zu unterbreiten.» Was Schörghofers Antwort war, entzieht sich unserer Kenntnis. Doch es dürfte in der auf die erste Septemberwoche angesetzten Sitzung «mit sämtlichen Geranten» recht heftig zu und her gegangen sein.**


In der Zeitung «Die Tat» erschienen in den Jahren 1969 bis 1972 ungefähr zehn kleine Texte unter dem Titel «Bummel durch das nächtliche Zürich». Und auch zum 78. Geburtstag von Kremo erschien 1975 ein Artikel, in dem das Zusammenwirken von Schörghofer und Kremo in den Mittelpunkt gerückt wurde: «Fridolin "Fredy" Schörghofer engagierte Sigi Kremo vor 18 Jahren als Pianist in die "Alt-Züri-Bar" an der Schoffelgasse , und als "Schörgi" vor 12 Jahren den "grobe Ernst" als Gerant übernahm, zügelte auch Sigi an die Stüssihofstatt. Allabendlich unterhält Sigi ein anspruchsvolles Publikum, Gäste, die oft und gerne das Programm bereichern.»


«Pianist Sigi Kremo, der demnächst seinen 78 . Geburtstag feiert, und Wirt Fredy Schörghofer sorgen im «grobe Ernst» für fröhliche Stimmung.» (Die Tat 17.7.1975)


Anlass für Fritz Herdis Hommage an «Schörgi» im Nebelspalter 1976 war dessen Abschied vom «Grobe Ernst». Es waren vor allem gesundheitliche Probleme – «Das cheibe Bei» und «s Härz märksch halt au» –, die den Wirt und Sänger, den «singenden Wirt» zum Aufgeben brachten. Er war ja auch schon 69 Jahre alt, und er wollte noch reisen, wollte «privat» werden, wie Künstler ihre Pensionierung auch umschreiben. Wohnhaft war und blieb er aber in Wollishofen, am Kilchbergsteig, bis zuletzt.



(SB)

 

* Einen längeren Text über Schörghofers Leben und Wirken veröffentlichte Fritz Herdi 1976 im Nebelspalter unter dem Titel «Limmatspritzer» (Nebelspalter 102 (1976), S. 26).

** Besagter Brief in der Sammlung MZ. – Die anderen Geranten waren in den weiteren Etablissements von Ernst Grob angestellt: Kunsthaus-Restaurant, Johanniterbräu, Carrousel, Chilbibar, Snack-Bar Gans, Pinguin-Bar, Hudli-Beiz sowie See-Restaurant (am Mythenquai 61).


Nachtrag:


Zwei Kommentare zu Schörghofer Geschichte möchte ich noch anfügen.


Heimwehwollishofer H. L. erinnert sich: «Herr Schörghofer war im Quartier gut bekannt. Er wohnte mit seiner italienischen Lebenspartnerin im alten Wöschhaus seewärts der Rumpumpstube. Mit seinem Chysler Valiant kam er zum Parkieren zwischen der Rumpumpstube und dem Wöschhaus kaum um die Ecke und hatte mit seiner Leibesfülle Schwierigkeiten beim Aussteigen, da die Autotür nicht ganz geöffnet werden konnte. Er hat uns Kinder immer zugelacht und gewunken, wenn wir vom Brotholen in der Bäckerei Laubscher den Rumpi runter an die Renggerstrasse liefen.»


Und W.A. berichtet, er habe als Bub, *1942, das Brot «mit dem Chräzli am Rücken» in der Bäckerei geholt, der Kilo-Laib zu 47 Rappen. Das Geld habe die Mutter ihm «jeweils abgezählt» mitgegeben. Mit «Unbehagen» habe sie den Aufschlag auf 51 Rappen zur Kenntnis genommen. Die Überquerung der Albisstrasse war offenbar schon damals nicht ohne: «Einmal war am Überqueren der Albisstrasse, die damals noch nicht asphaltiert war, sondern mit ‘Bsetzisteinen’ belegt. Es kamen zwei Tramzüge – damals noch mit den ‘Elefanten’ von 1937. Einer kam von der Butzenstrasse herab und zugleich einer vom Morgental herauf. Intuitiv stellte ich mich in der Mitte zwischen den beiden Tramgeleisen auf – und vergass dabei, dass ich ja noch mein ‘Chräzli’ am Rücken hatte. Die beiden Wagenführer erkannten die Gefahr, dass ich wahrscheinlich zwischen den beiden Tramzüge eingeklemmt und verletzt worden wäre. Beide stoppten ihre Tramzüge: Notbremsung! Und einer von den beiden lehnte sich zum Fenster seines Abteils hinaus und belehrte mich.»

 

Vielen Dank für diese Zusatzinfos!


Albisstrasse um 1952, mit Bsetzisteinen, wo W.A. mit dem Chräzli die Strasse überquerte!

Sammlung MZ. Gelaufen 3.5.1952.

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