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KING & Cie.

Aktualisiert: 18. Nov. 2023

Wollishofens Platz in der globalen Wirtschaftsgeschichte ist nicht unbedeutend. Wir konnten schon in einigen Blog-Beiträgen Hinweise auf grosse Wollishofer Würfe geben, etwa wenn Karl Gustav Henneberg die Rote Fabrik erbauen liess und seinen erfolgreichen Handel mit Seide mit eigener Seidenproduktion ergänzen wollte. Erinnerungswürdig ist auch die Firma MADAS, die von der Seestrasse 356 aus den Weltmarkt für analoge Rechenmaschinen beherrschte, bis die Erfindung digitaler Maschinenrechner, der Computer, dem Siegeszug abrupt ein Ende setzte. Die beiden erwähnten Innovationen – Wollishofer Weltmarktseide und Wollishofer Rechenmaschinen – sind heute allerdings völlig von der Bildfläche verschwunden.


Etwas anders liegt der Fall bei der Maschinenfabrik King, die in Wollishofen, an der Ecke Bachstrasse und heutigem Mythenquai, gegründet und erfolgreich hochgezogen wurde. Ihre Wollishofer Produkte sind zwar ausser Mode gekommen, die Firma hat sich aber fundamental entwickelt und ist heute noch, mit Hauptsitz Otelfingen, erfolgreich tätig.


Tauchen wir also nochmals – wie schon im Blogbeitrag AM BACH – in die Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert und sehen uns am Wollishofer Seeufer um.


Blick auf das Seeufer Wollishofens um 1894. Im Zentrum die Maschinenfabrik.

Foto: Wehrli. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Im Zentrum des Fotos entdecken wir – hell von der Sonne beleuchtet – das Fabrikgebäude in der bekannten Ecksituation, mit einem zweistöckigen Hauptgebäude parallel zu Bahn und Seeufer und einem einstöckigen Querbau entlang der Bachstrasse mit vier grossen Garagentoren. Rechts dieser Fabrikanlage befinden sich zwei alte Gebäude, die als Ziegelhütte dem Staubschen Bauimperium zudienten und so etwas wie einen Startschuss für die Wollishofer Industrialisierung bedeuteten (sie wurden erst in den 1980er Jahren abgebrochen).


Dahinter befanden sich schon früh die Werftanlagen der Dampfbootgesellschaft. Im Vordergrund erkennbar – ebenfalls hell beleuchtet: das Wirts- und Wohnhaus der «kleinen Tonhalle» (das Haus steht noch heute, diente in den letzten Jahren als Petite Fleur, unlängst vernahm man den Schliessungsentscheid dieser Einrichtung...). Die linke Seite des Bildes zeigt im Vordergrund Häuser der Zellerstrasse, im Mittelgrund den Bahnhof und die Seestrasse, im Hintergrund das Quartier Enge.


Heute im Museum! Foto: Andreas Urscheler. 2023. Original in Dampfzentrum Winterthur.


Kehren wir zurück zur Maschinenfabrik. Die King & Cie. wurde 1891gegründet. Sie stellte vor allem Dampfmaschinen verschiedener Art her: Dampfkessel, Lokomobile, Dampfwalzen für den Strassenbau. Das Kerngeschäft hatte mit Dampfkesseln zu tun; die Firma war aber auch sonst innovativ und stellte weitere, andere Maschinen nach Bestellung her. Conrad Escher, der Jurist und Historiker aus der Enge, der die Firma 1906 besuchte, berichtet von beweglichen Kranen, die er für ein Produkt mit besonders grossem Potenzial erachtete: «Ein interessanter Artikel, der hier geliefert wird, sind die Arnos mobiles (bewegliche Kranen), welche in Frankreich und in neuerer Zeit auch in der französischen Schweiz bei Neubauten verwendet werden.»


Maschinenfabrik King & Cie. Mythenquai/Bachstrasse. Um 1905.

Aus: Chronik der Stadt Zürich (19.6.1906)


«Eine weitere, sehr sinnreiche Maschine», fährt Escher fort, «und zwar eigener Konstruktion des Herrn King ist der Arthromotor, der für orthopädische Zwecke gebraucht wird. Wenn nach Heilung von Knochenbrüchen und ähnlichen Schäden die Gelenke sich noch nicht frei bewegen, so wird der Patient mit seinem kranken Glied an eine solche Maschine befestigt, und diese führt dann, je nachdem sie eingestellt ist, z. B. fünf Minuten lang gewisse Bewegungen aus und bringt so nach und nach das Gelenk wieder zu vollständiger Gebrauchsfähigkeit.» – Man ist erstaunt über den frühen Zeitpunkt dieser Erfindung, wird doch noch heute an dieser wissenschaftlichen Idee geforscht, und es werden neue Geräte «erfunden», die ziemlich genau der obigen Definition entsprechen.*


Escher gibt uns übrigens auch noch einige persönliche Informationen über «Herrn King» preis, den Erfinder, Ingenieur, Gründer der Firma: «Herr King, der Leiter derselben, ein Mann von 45 Jahren, ist ein Engländer und hat auch ganz das Aussehen eines solchen, spricht aber zürichdeutsch, gerade so, wie es die Zürcher sprechen. Das kommt daher: der Vater, ein Engländer, war lange bei Escher, Wyß & Cie. angestellt; der Sohn besuchte die hiesigen Schulen und fand dann seine weitere Ausbildung in England und anderwärts. Später, bevor er sich selbständig etablierte, war er ebenfalls in der Neumühle angestellt. Herr King ist zugleich der Konstrukteur des Etablissements, welches u. a. viel für die Firma Brown Boveri & Cie. in Baden arbeitet.»**


Von Wollishofen nach Wollishofen


Ein interessanter Tag war der 9. Juni 1908. Er brachte zwei innovative Wollishofer Firmen zusammen. In der NZZ vom 17. Juni wurde berichtet: «Dienstag den 9. Juni brachte die Firma K i n g u. C i e., A.-G., Maschinenfabrik und Kesselschmiede in Wollishofen, einen in ihren Werkstätten erstellten Zweiflammrohr-Dampfkessel von 100 Quadratmeter Heizfläche und 11 Atmosphären Betriebsdruck zur Ablieferung.» Hauptakteur des Tages war also die Firma King & Cie.


Doch wer war der zweite Wollishofer Akteur? Die NZZ verriet dies umgehend: «Dieser 450 Zentner wiegende Koloß von 10 Meter Länge und 2,30 Meter Durchmesser wurde auf einem Spezialwagen der Fabrik zum Bestimmungsorte, dem Etablissement der Waschanstalt, A.-G. in Wollishofen verbracht.» Der King’sche Dampfkessel war also für die «Wöschi» bestimmt.


Von Wollishofen nach Wollishofen, könnte man meinen, also kein Problem. Doch die Verkehrsinfrastruktur war mit einer solchen Transportaufgabe überfordert. Die NZZ beschrieb dies folgendermassen. «Da der Weg von der Straße zum Kesselhaus durch mehrere kurze Kurven führt, konnte der Transport an der Baustelle mittelst Pferden nicht bewerkstelligt werden. Aus diesem Grunde entschloß man sich, den Transport auf der ganzen zu durchfahrenden Strecke mittelst Mannschaft zu vollführen. In flottem Tempo zogen denn auch etwa 100 Arbeiter der Maschinenfabrik King A.-G. die schwere Last die Seestraße hinaus bis in den Hof der Waschanstalt. Der Transport vollzog sich ohne den geringsten Unfall. An einer Schwierigkeiten bietenden Fahrstelle riss das eine der beiden Zugseile direkt am Wagen ab, so daß die ganze Reihe Ziehender zu Fall kam, glücklicherweise ohne irgend welche Nachteile für diese.» Ende gut, alles gut! Leider gibt es kein Foto der Aktion, wohl aber ein Foto vom Transport eines Dampfkessels von Wollishofen nach Wiedikon 1899.


Dampfkesseltransport von der Fabrik King & Cie.

zum Art. Institut Orell Füssli in Wiedikon. 1899.

Aus: Chronik der Stadt Zürich 14.10.1899.


Gegen Ende der 1920er Jahren verliess die Firma King Wollishofen und übersiedelte nach Zürich-Seebach an die Schaffhauserstrasse 468, wo sie bald als «Edward King AG, Maschinenfabrik und Kesselschmiede» weiter produzierte. Heute existiert die Firma als «King Dynamics» in Otelfingen und bezeichnet sich auf ihrer Homepage als «kompetenten Engineering-Partner und Anlagenbauer».***



(SB)

 

*Etwa der Lokomat der Firma Hocoma.

** Edward King, 1861-1920; Einzelfirma ab 1891, Aktiengesellschaft ab 1901. Sohn Frédéric King (1893-1957) übernimmt den Betrieb 1920 nach dem Tod des Vaters.

*** Auf einer anderen Website wird die Firma als in Liquidation bezeichnet. Das wäre das Ende einer über 100jährigen Unternehmensgeschichte!



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