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WOLLISHOFER GESCHICHTSPIONIERE

Aktualisiert: 27. Dez. 2023

Die Wollishofer Ortsgeschichte beginnt mit dem 20. Jahrhundert. Der Kanton Zürich war zwar im europäischen Kontext ein Pionier der Ortsgeschichte, allerdings waren es nur wenige Gemeinden, die sich schon im 19. Jahrhundert mit ihrer lokalen Geschichte beschäftigten – etwa Fluntern, wo Pfarrer Denzler schon Mitte des 19. Jahrhunderts eine Kirchengeschichte schrieb, oder Freienstein-Rorbas-Teufen, über die Karl Dändliker, der nachmalige Professor für Geschichte an der Universität und am Polytechnikum, als Student eine erste «wissenschaftliche» Ortsgeschichte im Kanton Zürich verfasste. Wer sich mit dem Thema Zürcher Ortsgeschichte mehr beschäftigen will, konsultiere meinen Aufsatz im Neujahrsblatt der Antiquarischen Gesellschaft zu Zürich auf das Jahr 2002. Damals unter dem Titel «Lokalgeschichte als Geschichtsschreibung von unten?» (Leider ist er noch nicht digital veröffentlicht.)


Johann Rudolf Hauri, 1902


Die Wollishofer Ortsgeschichte beginnt mit dem Pfarrvikar «H. Hauri», der Pfarrer Schweizer gegen Ende von dessen Amtszeit zu Hilfe kam. Er nutzte die Gelegenheit und vertiefte sich in die Kirchengeschichte Wollishofen, die natürlich auch Orts-, Dorf- und Sozialgeschichte ist. Seine «Kurze Geschichte der Kirchgemeinde Wollishofen» erschien 1902, zum 200-jährigen Jubiläum der alten Kirche. Sie wurde in Wollishofen selber gedruckt bei H. Hauser. 1903 wurde Hauri dann von der Kirchgemeinde zum Pfarrer gewählt. Als Spitze seiner Laufbahn wurde er als oberster Kirchenvertreter Zürichs, zum Präsidenten des Kirchenrats des Kantons Zürich, ernannt. Er amtierte bis zu seinem frühen Tode 1939.


Erste Ortsgeschichtliche Broschüre von Pfarrvikar H. Hauri, Wollishofen 1902.


Spezifisch zur Kirchengeschichte ist auch die Schrift von Pfarrer Eduard Rosenmund zum 250 Jahre Jubiläum der alten Kirche (1952). Dieses Büchlein wurde offensichtlich in grosser Auflage gedruckt, findet es sich doch immer wieder in Antiquariaten und auf Flohmärkten.


Conrad Escher, 1906


Einen zweiten Anlauf für eine Wollishofer Ortsgeschichte machte der Stadtzürcher Jurist und Politiker Conrad Escher, geboren 1833. Er studierte die Rechte in Zürich, Leipzig und Göttingen – wo er 1856 auch dissertierte. Später durchlief er eine Gerichtskarriere und machte auch politisch in der Aera Alfred Escher von sich reden: Er gehörte zu den Liberalen, war Stadtrat in Zürich, später von 1867-1885 Gemeinderat in der Enge. Auch war er über 40 Jahre Kantonsrat, wo er sich stark für die erste Eingemeindung der Zürcher Vororte engagierte (Volksabstimmung 1891).


Als Publizist und Historiker veröffentlichte Escher zahlreiche Ortsgeschichten, so jene der Enge sowie von Wiedikon und Wipkingen, die alle zwischen 1913 und 1918 in Buchform erschienen. Seine Erkundigungen in Wollishofen waren zwar chronologisch die ersten, erschienen aber nicht als Buch, sondern als Folge von sieben Artikeln in der Zürcher Wochenchronik des Jahres 1906.* Dieser Forschung verdanken wir einige Informationen, die nur Escher beibringen konnte, weil er sich Zeit nahm, mit ansässigen Wissensträgern zu plaudern und sie auszufragen, um so eine verlorene Welt, die Welt Wollishofens in der Zeit des Alten Zürichs, nochmals in seinen Geschichten aufleben zu lassen.

Dr. Conrad Escher, 1833-1919.


Eschers Herangehensweise ans Thema war nicht streng wissenschaftlich; heute würden wir seine Recherchen eher dem Journalismus zuordnen. Er näherte sich der Wollishofer Geschichte durch Spaziergänge und Besuche – bei Einheimischen und bei Städtern mit Bezug zu Wollishofen. Herausgekommen ist eine Form von Alltagsgeschichte, meist ausgehend von Bauten, die er noch angetroffen hatte, oder die kurz zuvor bereits verschwunden waren. Wir erinnern uns: Im Jahr seiner Spaziergänge, 1906, war Wollishofen erst seit einer Dekade Teil von «Gross-Zürich» – eingemeindet –, und erst seit fünf Jahren mit einem Tram an die Stadt angeschlossen!


Emil Stauber, 1926


Das erste ortsgeschichtliche Werk eines «richtigen» Historikers ist das stattliche Buch von Emil Stauber (1869-1952). Stauber war zwar Primarlehrer, er hatte allerdings auch Geschichte an der Universität Zürich studiert. Seine Dissertation behandelte das «Schloss Wyden» – zeitlebens blieb er der Burgengeschichte verbunden, war aber auch ein regelrechter Ortshistoriker.


Dr. Emil Stauber war ein angesehener Historiker, er amtete viele Jahr als Mitglied des Vorstands der Antiquarischen Gesellschaft Zürich. Sein opus magnum, die Geschichte Andelfingens, über Jahre erarbeitet, gab er in drei dicken Bänden heraus. Wollishofen war seine letzte Station als Lehrer. Seine Wollishofer Ortsgeschichte war ein Auftrag des Quartiervereins, der mit diesem Werk sein 25jähriges Bestehen feierte. Stauber war indessen auch in Wollishofen ein begeisterter und begeisternder Lehrer, er war es auch, der den in Vergessenheit geratenen Brauch der «Lichtkläuse» wieder einführte und bekannt machte.



Dr. Emil Stauber, 1869-1952


Emil Staubers Ortsgeschichte «Alt Wollishofen», 1926 herausgegeben zum 25-jährigen Bestehens des Wollishofer Quartiervereins, ist ein grossformatiges Buch, mit reichhaltigem historischem Material und vielen Abbildungen – teils Drucke von farbigen Künstlerarbeiten, teils alte Fotografien. Letztere verdankte er nicht zuletzt Heinrich Weber-Dressler, einem Wollishofer Architekten, der im Sinne eines genuinen Heimatschützers viel dazu beitrug, dass Wollishofen nicht zu einem einseitig modernistischen Quartier wurde, sondern einige Sehenswürdigkeiten aus der Zeit der bäuerlichen Frühzeit bewahren konnte.




Neuere Ortsgeschichte


Dieser Heinrich Weber-Dressler (1898-1966), Architekt, war für Wollishofen und seine Ortsgeschichte eine wichtige Figur. Er war Sprössling jener alten Wollishofer Familie Weber, die im Oberdorf, im sog. Lavater-Haus, zuhause war. Sein Wissen über das «Dorf» in allen Details war immens, seine Neugierde echt und breit, sein Interesse an der baulichen Entwicklung gross. Und er war ein begabter Fotograf. Wir verdanken ihm nicht nur einige ortsgeschichtliche Arbeiten, sondern vor allem viele sehr schöne Fotografien, die das Wollishofen seiner Zeit, also in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, zeigen. Viele seiner Fotos sind im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt eingefügt, ein Teil seiner Sammlung liegt in der Grafischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich. Ein wichtiger Teil befindet sich zudem in der Obhut des Ortsmuseums Wollishofen: eine geordnete und beschriftete Sammlung von Fotos aus der Architektur- und Besitzergeschichte von Wollishofer Bauten.


Heinrich Weber-Dressler in doppelter Begleitung. 1918. Ortsmuseum.


Ausgehend von einer Ausstellung zur Eröffnung des Schulhauses Neubühl gab Jakob Knecht, Sekundarlehrer im Hans-Asper Schulhaus, eine volkstümliche Ortsgeschichte Wollishofens heraus: «Wollishofen – Vom Bauerndorf zum Stadtquartier» (Zürich-Wollishofen 1960). Im Geleitwort wird die Zielsetzung vom damaligen Präsidenten der Kreisschulpflege Uto, Paul Nater, so beschrieben: «Die vorliegende Arbeit will nicht als wissenschaftlich-systematische Ortsgeschichte beurteilt werden; sie will ein eigentliches Volksbuch sein.»


«Die vorliegende Arbeit will nicht als wissenschaftlich-systematische Ortsgeschichte beurteilt werden; sie will ein eigentliches Volksbuch sein.»

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Feld geweitet: Es waren mehrere Autor:innen mit der Wollishofer Geschichte beschäftigt. Für das Hundertjährige Wollishofens bei der Stadt Zürich 1991 redigierte Fred Winkler eine Vorlage von Rudolf Meier und publizierte die gemeinsame Arbeit unter dem Titel «Wollishofen - Damals und heute» (Sulgen 1993). – «Zürich-Wollishofen. In alten Ansichtskarten» heisst ein querformatiges gediegenes Buch im Verlag Renate Reinhard-Meyer, das wunderschöne Ansichtskarten aus der Sammlung von Rolf Reinhard der Öffentlichkeit zugänglich macht (Zürich 1990). – Martin Illi legte mehrere kleinere Publikationen zum Thema vor, insbesondere stammt auch der Beitrag «Wollishofen» im Historischen Lexikon der Schweiz aus seiner Feder. Neueren Datums sind Studien über einzelne Aspekte, so etwa das Buch über das Neubühl von Mani La Roche (der an der Rainstrasse aufgewachsen ist).



(SB)

 

* Die Ausgaben der Chronik der Stadt Zürich (1899-1918) sind digitalisiert.


Foto (Bildnachweis): Emil Stauber in der NZZ vom 1.9.1952.


Für weitere ortsgeschichtliche Literatur Wollishofens siehe unter ÜBER UNS.

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