EIN «HOCHHAUS» IN WOLLISHOFEN – avant la lettre

Aktualisiert: 1. Jan.

Auf dem Panoramabild von Paul Julius Arter (ca. 1837), das vom Bürglihügel in der Enge aus aufgenommen wurde, sieht man in der Ferne das benachbarte Wollishofen. Im Ausschnitt aus diesem Gemälde unten gewahrt man links den See und das Muraltengut, in der Bildmitte ist das Oberdorf Wollishofen erkennbar. Aus der nur angedeuteten bäuerlichen Siedlung ragt ein hohes Haus mit individuellen Zügen heraus. Erkennen Sie es?

Panorama der Stadt Zürich (Ausschnitt Wollishofen) von Paul Julius Arter.

Reproduktion Berichthaus 1986 (Original Zentralbibliothek Zürich).

 

Beim hohen Haus in Wollishofen handelt sich um das sog. «Lavaterhaus», später wurde es auch «Weberhaus» genannt. Es stand am Anfang der alten Kalchbühlstrasse, also praktisch noch an der Albisstrasse (Albisstrasse 85). Nach dem Zweiten Weltkrieg musste dem wachsenden Individualverkehr weichen (Abriss 1961).


«Lavaterhaus», Albisstr. 85. Fotograf Heinrich Weber-Dressler 1917.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.


In der NZZ vom 3. Februar 1961 war zu lesen: «Vielen dürfte das hochragende alte Haus an der Albisstraße aufgefallen sein, das durch sein stark vorkragendes zweites Obergeschoß die Blicke auf sich zieht. Es gehört zu den bemerkenswertesten Bauten des alten Wollishofen, und wenn es demnächst dem Ausbau der Straße weichen muß, dann verschwindet ein interessanter Zeuge des einstigen Bauerndorfes.»


Das Haus war indessen kein Zeuge der bäuerlichen Gemeinde Wollishofen. (Gleichwohl reut einen der Abriss auch 60 Jahre danach noch.) Das Haus wurde 1723 vom Stadtzürcher Färber Kaspar Abegg erbaut. Schon bald geriet es in den Mittelpunkt eines heftigen zünftischen Streits. Denn die städtischen Zunftgenossen kritisierten, dass Abegg neben dem Haus eine Seiden- und Baumwollfärberei eingerichtet hatte. 1727 eskalierte die Lage. Abegg wurde vom Rat gebüsst und musste versprechen, spätestens im Jahr darauf mit dem Färben aufzuhören. Allein Abegg hielt sich nicht daran, weshalb die Färber nun selber aktiv wurden. Am 30. März 1729 kreuzten sie, dreissig Mann, in Wollishofen auf und zerstörten alle Einrichtungen, verwundeten den Sohn Abeggs, und entfernten die Seiden- und Baumwollstoffe. «Man kann sich gut vorstellen, welch aufregendes Ereignis das für die Bewohner Wollishofens war», schrieb der NZZ-Redaktor. Für die Färberei in Wollishofen bedeutete es das Ende.


Flugaufnahme Wollishofen mit «Lavaterhaus» im Vordergrund. Um 1960.

Foto Gaberell Thalwil.

Sammlung MZ. Gelaufen am 8.9.1963.


Das Haus kam später in den Besitz des Freihauptmanns Hans Heinrich Lavater. Pfarrer Schmutz besuchte Lavater Ende Oktober 1746 in seinem Zuhause und notierte später in sein Tagebuch:


«Auf den Abend besuchte ich Herrn Hauptmann Lavater des Regiments von Zürich, der sich nun zu Wollishofen bey seinem Herrn Sohn, der hier ein schönes Landgut hat, alle Zeit aufzuhalten gedenket.» Und er gibt auch die Gründe an, die Lavater sen. zu diesem Entscheid geführt haben: Lavater habe einen «Gutschlag gehabt» – «Gutschlag» und auch «Tropfschlag» sind die Zürcher Begriffe der damaligen Zeit für Schlagfluss bzw. Herzinfarkt. 1758 verkaufte die Familie Lavater das Haus dann weiter an den Wollishofer Salomon Weber.


Die Phase der Familie Lavater muss eindrücklich gewesen sein. Das Haus hiess fortan «Lavaterhaus». Auch Emil Stauber nennt das Haus in seiner Ortsgeschichte so, was später auch zu Kritik Anlass gab, die kurze Dauer des Lavater'schen Besitzes könne nicht ausschlaggebend für die Benennung des Hauses sein. Die Publikation «Wolishofer Bilderbuech» von 1953 verwendet deshalb auch den Namen «Weberhaus» – nach der langjährigen Wollishofer Besitzerfamilie Weber.


(SB)


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