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WARME STUBE

Aktualisiert: 5. Dez. 2025

Die Schweiz als Teil Mitteleuropas geniesst die Vorzüge eines gemässigten Klimas. Das heisst: nicht zu heisse Sommer, nicht zu kalte Winter. Dennoch ist Heizen im Winter seit je angesagt, zuerst vor allem mit Holz, später mit fossilen Brennstoffen. Was die Zukunft diesbezüglich bringt, scheint noch offen.

 

Wie wichtig in Wollishofen das Holz fürs Heizen (neben dem Holz fürs Bauen) schon im ausgehenden Mittelalter war, davon zeugt ein altes Dokument – das älteste, das im Staatsarchiv Zürich spezifisch zur Gemeinde Wollishofen erhalten ist: die Holzordnung in der «Offnung» von 1531. Dort heisst es im ersten Artikel: «Deß ersten, daß Gemeinwerck und Gerechtigkeit der Höltzeren, alßo so mann daß Holtz außtheilt, daß dann einem jeden zu Herbst nach altem Brauch nüt weyter geben noch werden solle, dann nach dem unter vil Gerechtigkeit hat.» Man erfährt daraus also, dass die Gemeinde «gemeinsames Holz» in Form gemeinsamer Forste besass, deren Ertrag jährlich im Herbst gerecht auf alle Gemeindebürger ausgeteilt wurde. Und es wird auch klar geregelt, dass nach «altem Brauch» (der weiterhin gelten solle) dieser Holzertrag fürs eigene Heizen in Wollishofen verwendet werden soll, und nicht an Dritte verkauft werden dürfe.


Erneuerte Holzordnung Wollishofens 1571 (Eingangspassage, StAZH A 120, Nr. 13).

 

Schon 1571 wurde die Holzordnung erneuert und verschärft. Das deutet darauf hin, dass die Ressource Holz knapp war und die Verteilung strenger geregelt werden sollte. In den Beratungen des Rates von Zürich nahm die Frage der Holzknappheit immer wieder breiten Raum ein. Das Problem verschärfte sich zusehends, was sich unter anderem in einem steigenden Holzpreis ausdrückte. Da Zürich mit dem Sihlwald schon früh ein grosses Waldreservoir besass, konnte der Rat allfällige Mängel oft mit Zusatzlieferungen mildern. Wollishofen kam aber kaum je in den Genuss dieser Ausgleichsmassnahme. Und auch der Zürcher Rat suchte stets nach neuen Lösungen, sei es durch Verbrennen von Torf oder Schürfen nach Kohle. Sowohl Torf als auch Kohle (es handelte sich in der Frühzeit meist um Braunkohle) hatten den Nachteil, dass sie in den Heizöfen schlechter brannten als Holz, d.h. eigentlichen Gestank erzeugten und entsprechend ungern verwendet wurden. Gleichwohl finden sich Hinweise auf das Verbrennen von Torf noch im 19. Jahrhundert, z.B. als für «Maytag 1838» ein «sonnenreiches Wohngemach» im Haus No. 8 in Wollishofen zur Vermietung ausgeschrieben war, bei dem «Platz zu Holz und Torf» vorhanden sei (Zch. Wochenblatt 7.12.1837).

 

Kachelöfen als wichtige Innovation

 

A propos Heizöfen: Lange war die Küche der einzige geheizte Raum im Bauernhaus, indem im Herd ein offenes Feuer brannte, und der Rauch durchs Dach ins Freie entwich. Erst in der frühen Neuzeit wurde der Kachelofen erfunden, der eine eigene «Stube» heizen konnte (meist wurde der Ofen von der Küche aus bedient). Die Neuerung der Kachelöfen brachte nicht nur für den Brandschutz, sondern auch fürs Raumklima grosse Vorteile, und war entsprechend ein Luxusprodukt – ein teurer Luxus, auf den man stolz war. Man schmückte die Kachelöfen oft mit Malereien, in Zürich meist in den Wappenfarben verfertigt. Im Zentrum platzierte man oft eine Kachel mit den Namen der Eheleute, die dem beheizten Haushalt vorstanden. Während in Zürcher Bauerndörfern teils noch viele solche alten Kachelöfen erhalten sind, verloren sich im stadtnahen Wollishofen diese Zeugen bäuerlichen Winterlebens fast vollständig. Als Foto erhalten hat sich vor allem die Ofenkachel aus einem Bauernhaus «auf dem Rain» von 1753: Das Ehepaar Hausheer-Hausheer, das 1747 geheiratet hatte, konnte sich den «Luxus» eines Kachelofens erst 7 Jahre nach der Hochzeit leisten, obwohl der Ehemann 1753 ein «Geschworener», also ein Mitglied des Gemeinderates war!!*

 

«Geschwornen Hans Jacob Haußheer und Anna HausHeer, Sein Ehegemahl. 1753».

Foto Ortsmuseum.

 

Erhalten haben sich in Wollishofen nur wenige Kachelöfen, etwa einer aus dem 19. Jahrhundert im Haus zur Hoffnung oder einer im Haumesser:


Ein schöner Wollishofer Kachelofen im Erdgeschoss von Haumesserstrasse 19. BAZ.


Und natürlich zwei Kachelöfen im Ortsmuseum, etwa im Salon:


Weisser Ofen an der Widmerstrasse 8, im Salon (Ortsmuseum). Foto SB (2025).



Wachsende Gemeinde, wachsender Bedarf an Brennmaterial


Wie so vieles änderte sich auch das Heizen an der Schwelle zum 19. Jahrhundert. Das hatte mit dem politischen Wandel zu tun, mit dem Bauboom, der auf die Gleichheit von Stadt und Land und die neue Niederlassungsfreiheit folgte. Und natürlich mit der Industrialisierung, die einsetzte. Der wichtigste Faktor des Heizungswandels war die Erfindung und Realisierung der Eisenbahn – in der Schweiz bekanntlich ab 1847 –, welche Kohle als Brennmaterial nicht nur globaler verfügbar machte, sondern auch bessere Qualität in die Schweiz brachte. Paradoxerweise bewirkte die Eisenbahn zunächst einen starken Anstieg der Holzpreise, weil sie selber in den Anfängen mit Holz betrieben wurde. Der Wechsel zu Kohle bei der Eisenbahn beförderte dann aber auch eine breitere Verwendung von Kohle in allen möglichen Anwendungen. Es ging zwar noch eine Weile, bis die Kohle das Holz als Heizungsmaterial auch in privaten Haushalten ablöste, aber Ende des 19. Jahrhunderts war es so weit. Vielleicht bemerkten es die Holzhändler am frühesten, dass der Bedarf nach Kohle anstieg. Zuerst dürften die öffentlichen Gebäude auf Kohle – und auf Zentralheizung – umgestellt haben, das waren in Wollishofen die Schulhäuser. Spätestens im frühen 20. Jahrhundert gab es nicht nur genügend Kohle, sondern auch technische Systeme, um Ein- und Mehrfamilienhäuser angenehm mit Kohle zu heizen.

Die Zürcher Freitagszeitung berichtete bereits im April 1897 über die Tätigkeit der «Schweizerischen Baugesellschaft», die an der Bellariastrasse Projekte verfolgte: «In Zürich, Winterthur, Lausanne und Genf erhalten die Häuser Zentralheizung, und zwar an den beiden erstgenannten Orten Warmwasserheizung (nach System Gebr. Sulzer und Gebr. Lincke).» Doch richtig Schwung erhielt die private Nachfrage erst nach dem 1. Weltkrieg.

Ein Wollishofer Holz- und Kohlenhändler: Jakob Bryner


In Wollishofen dürfte es die von Bassersdorf eingewanderte Familie Bryner gewesen sein, die diesen Wandel am stärksten mitgemacht und mitgesteuert hat. Vier Generationen – vier Jakob Bryner in Reihe – prägten dieses Familienunternehmen.

Ende der 1860er Jahre kam Stammvater Jakob Briner (damals noch mit i geschrieben!) von Bassersdorf nach Wollishofen, zusammen mit seiner Frau Regina Bindschedler und dem einzigen Kind Jakob (geb. 1860). Die Familie kaufte Haumesser Nr. 14. Jakob – der Vater – war ursprünglich Landwirt, hatte aber in Wollishofen ab 1869 eine Anstellung als Förster und übte diese Tätigkeit bis kurz vor seinem Tod anfangs 1902 aus. Er hatte tagtäglich mit dem Heizmaterial Holz zu tun – vielleicht die Basis für den Beruf des Sohnes:

Dieser gründet als 23-jähriger, im Jahr 1883, eine eigene Firma: Kohlen-Bryner – zu Beginn der Firmentätigkeit auch im Holzhandel aktiv. Zuerst wirkte er vom Elternhaus aus und gründet noch dort eine eigene Familie. Mit Ehefrau Luise Hausheer – einer Wollishoferin – und drei Kindern zügelte man kurz vor der Jahrhundertwende in ein bestehendes Wohnhaus an die Seestrasse 297, später zu 361 umnummeriert. Gut 50 Jahre lang prägte das Haus mit seinem Schriftzug «Kohlen-Bryner» die Seestrasse, zwischen Eisenhändler Pestalozzi und der Bachstrasse – unmittelbar oberhalb der Bahngeleise – gelegen.


Kohlen-Bryner 1951, vor dem Abriss, Seestrasse 361 neben Eisenhändler Pestalozzi, BAZ.


Gute Geschäfte - wachsende Konkurrenz Im Jahr der Eingemeindung 1893 war Bryner der einzige Kohlenhändler in Wollishofen!  20 Jahre später gab es gemäss Adressbuch 1913 dann zwei Wollishofer Kohlenhändler: Angst E, Seestr. 485 und Briner, Jak., Seestr. 361. Im Jahr 1930 war zudem mit Ernst Flück ein Händler an der Seestrasse 320 zugegen, nicht weit vom Bryner-Stammhaus im Haumesser 14. In den 1930er Jahren war zudem die Familie Irminger an der Mutschellenstrasse im Kohlenhandel aktiv: Konkurrenz also!

Werbung war daher wichtig, beispielsweise 1940: «Die Firma Kohlen-Bryner, Zürich 2, Seestraße 361, empfiehlt Ihnen, Ihren Kohlenbedarf möglichst in Kobry-Koks 20/30 mm einzudecken, da Sie keine andere Kohle mit dem gleichen Heizwert und zu so billigen Preisen erhalten können.»


Das Geschäft lief gut, Bryner erschien regelmässig bei öffentlichen Ausschreibungen als Lieferant von Kohle, machte Werbung in entsprechenden Publikationen (z.B. 1933). Er dürfte einen wesentlichen Teil seines Erfolges dem Umstand zu verdanken haben, dass grosse öffentliche Gebäude (Schulen, Spitäler, Heime) mit Kohle beheizt wurden.

Die Nähe zu den Geleisen war zudem geschäftlich wichtig, Kohlenhandel hauptsächlich Logistik und Transport. Deshalb war Bryner auch immer «Fuhrhalter».

Das Geschäft lief insgesamt so gut, dass Bryner anderen in Wollishofen Geld leihen konnte!


Inserat 1933 in Zeitschrift "Heime für die schwererziehbare Jugend", (e-rara)


1946 starb Firmengründer und «a. Fuhrhalter» Jakob Bryner. Das jüngste der drei Kinder – Sohn Jakob (geb. 1898) – hatte das Geschäft übernommen und gab dem Unternehmen ein neues «Gesicht»: Denn nur wenig nach dem Tod des Vaters wurde das Haus an der Seestrasse abgerissen, die Bryners zügelten als Familie nach Kilchberg, wohnten also nicht mehr im Geschäftsdomizil. Das Gebäude Seestrasse wurde 1953 durch einen grossen Neubau mit Wohnungen und Geschäftsräumen ersetzt, der noch heute steht. Für gut 20 Jahre prangte das bekannte «Bryner» Logo noch am grossen, neuen Gebäude. Zwischen Haus und Geleisen waren (und sind bis heute) grosse Lager- und Logistikräumlichkeiten zu finden, sogar mit eigenem Gleisanschluss, für einen Kohlehändler ein grosser Pluspunkt.

Zu dieser Zeit wurde Platz frei im Haumesser, und so konnte Dachdecker Weber ab 1950 im früheren Bryner-Stammhaus Raum für seine Geschäftstätigkeit mieten. Seit anfangs 1980er Jahre nutzt er die grossen Bryner-Lagerräume zwischen Seestrasse 361 und den Bahngeleisen. Denn: Im Jahr 1975 starb der dritte Jakob Bryner, im gleichen Jahr wurde die Firma Kohlen-Bryner aufgegeben und im Handelsregister gelöscht. Die veränderten Heizgewohnheiten seit den 1960er Jahren – Erdöl statt Kohle – hatten vermutlich dazu geführt, dass der vierte Jakob, geboren in den 1930er Jahren, nicht mehr mit Kohle handeln wollte.


Aufgrund dieser Wechsel der Energieträger – zuerst von Holz zu Kohle und später von Kohle zu Erdöl – verschwanden nicht nur Firmen, sondern auch Kohle- und Holzöfen – und damit auch die schönen Kachelöfen aus den inzwischen anderweitig geheizten Stuben in Wollishofen.




Sebastian Brändli und Ursula Hänni


* Dieser Geschworene Jacob Hausheer ist identisch mit dem im Blogbeitrag Einzugsgeld genannten Säckelmeister Hausheer (auf dem Rain, Haushalt 75).

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