ALS WOLLISHOFEN NOCH REFORMIERT WAR
- Sebastian Brändli

- 15. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Von 1525 – dem Jahr der Zürcher Reformation – bis 1798 war Wollishofen gesetzlich reformiert. Die helvetische Verfassung gebot dann erstmals Religionsfreiheit, die – unterbrochen durch die konservative Phase mit der sog. Mediation und der Restauration – ab 1830 wieder galt: zuerst durch die kantonale Verfassung von 1831, dann ab 1848 auf Bundesebene. Dass die Wohnbevölkerung Wollishofens sich konfessionell mischte, kam aber nicht auf einen Schlag, sondern entwickelte sich langsam. Und noch lange Zeit galten Zürcher Gemeinden als reformiert, waren mehrheitlich von reformierten Bürgerinnen und Bürgern bewohnt, andere Glaubensbekenntnisse galten als minoritär.
Zentrum und Mahnmal der reformierten Konfession in Wollishofen war und ist die «alte Kirche». Sie wurde bekanntlich 1702 eingeweiht, zuvor waren die Untertanen am linken Seeufer der Kirche St. Peter in Zürich unterstellt; in die Kirche, zur Taufe und zur Messe, gingen die Wollishofer Bauern nach Kilchberg – siehe Beitrag NEUE KIRCHENWEGE. Wollishofer Paare schlossen nach 1702 ihre Ehe teils in der hiesigen Kirche, teils aber auch – mit einem Berechtigungsschein des Pfarrers versehen – anderswo; beliebt war auch hier St. Peter in Zürich. Die erste und eben «alte» Kirche Wollishofens setzten die damaligen Behörden auf ein Grundstück, das zwischen den alten Zentren der Gemeinde lag, im Zentrum eines Vierecks zwischen Ober- und Unterdorf sowie den Siedlungen Erdbrust und Am Bach. Die Kirche bildete ein neues Zentrum, das noch heute vielen als «das Zentrum» Wollishofens gilt. Dass die alte Kirche bis ins 20. Jh. hinein Zentrum der Reformierten war, zeigen viele Abbildungen und Events, so beispielsweise die Einweihung des neuen Glockengeläuts nach der Renovation während des 1. Weltkrieges.

Alte Kirche Wollishofen. Glockenaufzug 1925. Sammlung MZ. Nicht gelaufen.
Reformierte Feste waren damals Dorffeste. Für die Glockeneinweihung wurden Schülerinnen und Schüler eingeladen, vielleicht auch aufgeboten, um die zukunftsweisende Kraft eines solchen Events zu unterstreichen. So heisst es z.B. in einem Bericht der NZZ 1936 (19.10.): «Zu einem stimmungsvollen Fest- und Feiertag wurde der vergangene Samstag für die Kirchgemeinde Wollishofen, da am Vormittag deren Kirchenpflege das für ihre neue Kirche bestimmte Geläute aus Aarau erhielt und durch ihre Sonntagsschüler am Samstagnachmittag, den herrlichstes Herbstwetter überstrahlte, in den Glockenturm emporziehen ließ.» Für viele gehörten Schule und Kirche noch zusammen, und Schulhauseinweihungen und Glockenaufzüge hatten vieles gemeinsam.

Mädchenumzug bei der Schulhauseinweihung 1912. Ortsmuseum.
Ein Hauch von Multireligiosität
Diese vormoderne konfessionelle Konstellation entsprach aber längst nicht mehr den demografischen Gegebenheiten. Inzwischen waren viele katholische Gläubige aus der Innerschweiz oder auch schon aus Italien eingewandert; die Katholiken blieben aber länger noch eine Gruppe fürs sich. Einen Hauch von Multireligiosität brachte indes der Bau der katholischen Kirche St. Franziskus an der prominenten Lage beim Morgental. Doch mutet es wie ein konfessioneller Wettbewerb an, dass nach dieser Einweihung 1927 die Reformierte Seite auch modernisierte und – durchaus auch an prominenter Lage – eine neue Kirche baute. Zwar wurde das Grundstück auf der Egg schon in den 1910er Jahren gekauft und für eine grosse reformierte Kirche reserviert, doch verzögerte sich der Bau stark. Erst zwölf Jahre nach der katholischen Einsegnung konnte auch die Innovation auf Zwinglis Seite eingeweiht werden.

Ein besonderes Spektakel bot die Installation des Hahns auf dem reformierten Himmelsturm per Helikopter. Was heute (oft zum Leidwesen der Nachbarn) gang und gäbe ist, der Einsatz von Helikoptern im Bauwesen, war damals allerdings noch eine absolute Ausnahme, weshalb eben auch von «Spektakel» gesprochen werden kann. Erhalten hat sich ein Filmdokument, das diese Aktion zeigt. Das nebenstehende Foto stammt aber aus der NZZ.
Helikopter hievt 1955 Hahn auf den Turm (aus NZZ 28.3.1955).*
Liberal oder positiv?
«Als Wollishofen noch reformiert war» tönt so, als wäre damals, im Zeitalter der Monokonfessionalität, alles friedlich zu und her gegangen. Dem seien einige gegenteilige Erinnerungen entgegengestellt. Fazit: Allein mit sich waren die Reformierten auch nicht immer einig, auch nicht immer glücklich. Das fing schon mit der Trennung der sog. «Wiedertäufer» im Jahre 1525 von der entstehenden Reformierten Kirche in Zürich an. Und die Orthodoxie der Zürcher Kirche verschmolz in den Folgejahrzehnten mit dem staatlichen Absolutismus, und gab sich so über Jahrhunderte keineswegs besonders friedlich. Ein wichtiger Gegensatz in Zwinglis Kirche führte zudem nach dem Zeitalter der Aufklärung zur Spaltung zwischen «Positiven» und «Liberalen», die im 19. Jahrhundert Schwung aufnahm, und weit bis ins 20. hinein die Glaubensrealität der Reformierten prägte. Die Pfarrwahl war so auch in Wollishofen, wo über Jahrzehnte nur ein Pfarrer amtete, immer wieder eine Richtungswahl. Waren die Pfarrer in Wollishofen (und Kilchberg) zu liberal, so pilgerten die Wollishofer im 19. Jahrhundert ins Fraumünster, wo traditionell auf eine konservative Ausrichtung Wert gelegt wurde. Erst im 20. Jahrhundert erreichte man mit der Anstellung mehrerer Pfarrpersonen eine gewisse Pluralität im Rahmen des gleichen Glaubensbekenntnisses.
1902 starb Pfarrer Schweizer, nachdem er über 50 Jahre in Wollishofen geamtet hatte. Seine Ausrichtung scheint zunächst liberal, später aber positiv gewesen zu sein. Als altgedienter Pfarrer erhielt er in den letzten Amtsjahren in der Person von Hauri einen Pfarrassistenten, der nach Ableben das Hauptpfarrers sich für das hiesige Pfarramt interessierte. Orientiert über die Diskussionen sind wir vor allem dadurch, dass sich das Thema Pfarrwahl offenbar auch gut eignete, im noch jungen Quartierverein QV diskutiert zu werden. In der Tat beschäftigte sich der QV nach seiner Gründung 1900 nicht nur mit säkularen Quartierfragen, auch die Wahl der Kirchenpflege und andere kirchliche – natürlich reformierte – Themen wurden in öffentlichen Versammlungen, die vom QV einberufen wurden, diskutiert. Aus heutiger Sicht ein Unding, damals offenbar kaum der Rede wert. Zwar gab es einmal (am 25.8.1903) ein protokolliertes Votum, dass zu bedenken sei, dass ja auch «Angehörige anderer Konfessionen» anwesend seien; doch ein Gegenvotum plädierte für Fortsetzung der Diskussion, und es wurde protokolliert: «Die Angehörigen anderer Konfessionen können sich einfach der Stimmabgabe innert dem Vereine enthalten.» Die reformierte Mehrheit liess sich von der Anwesenheit anderer Konfessionen nicht beirren!!
Gerade Hauris Wahl wurde auch unter positiv versus liberal diskutiert, denn Hauri dürfte sich zwar positiv positioniert, aber dennoch zwischen den Parteien gestanden haben. Der Kirchenpflegepräsident Charles Honegger, der Seidenfabrikant, selber eher konservativ eingestellt, äusserte sich denn auch kritisch zu einer möglichen Wahl Hauris, indem er zu Protokoll gab: «Herr Charles Honegger bringt die Osterpredigt des Herrn Vikars vor, die bei den positiven Theilen unserer Bevölkerung bezügl. der Auffassung einer gewissen Stelle auf Widerspruch gestossen sei.» Dem hielt allerdings ein Aufgeklärter entgegen, was so protokolliert wurde: «Herr Lehrer Fritz Billeter glaubt nicht, dass es einen Pfarrer gebe, der allen resp. beiden Richtungen gerecht werden könne.» (Sitzung vom 9.6.1903). Fazit war, dass Hauri als fähiger Theologe, der später sogar kantonaler Kirchenratspräsident wurde, offenbar relativ deutliche Sympathien genoss und schliesslich auch gewählt wurde.
Höhepunkt und Rückgang
Mit dem wachsenden Wollishofen wuchs auch die Zahl der reformierten Gläubigen, sodass im 20. Jahrhundert bald mehrere Pfarrer angestellt wurden. Auf Grund der Volkszählung 1930 wurde eine zweite Pfarrstelle eingerichtet, auf diese wurde Ernst Amacher, vormaliger Spitalseelsorger in den Spitälern, gewählt. Er deckte die Bedürfnisse der Arbeiterschaft und der religiös-sozialen Gemeindemitglieder ab, wie in der Kirchengeschichte 1952 festgehalten wurde. 1941 waren es schon drei Pfarrstellen: Neben dem Nachfolger von Hauri, Karl Maurer, und dem Nachfolger von Amacher, Eduard Rosenmund, wurde damals Ernst La Roche, gewählt. Mit der grossen Kirche blieb auch im Ortsbild das Reformierte dominant, auch damals waren reformierte Feste noch Volksfeste.
Es folgte 1952 mit Hans Schneider ein vierter Pfarrer, dem Wachstum wurde zudem mit dem Bau des Quartier-Kirchenzentrums am Hauriweg begegnet. Ab 1964 stiess Walter Wettstein dazu: Damit waren – aufgrund der hohen Mitglieder- und insbesondere Konfirmandenzahlen – fünf Pfarrer in Wollishofen tätig: Ein Höhepunkt war erreicht. Die Pfarrer teilten die Arbeitsgebiete unter sich auf (Jugend, Alter, Bildung, usw.), man wählte die Pfarrschaft nun nicht mehr in erster Linie nach theologischer Richtung. In den 1970er Jahren wechselte aufgrund von Pensionierungen die Besetzung: Oswald Eggenberger, Peter Spinnler und Erich Hollenstein wurden Teil des 5er-Teams, das sich dann aber ab 1980 zu verkleinern begann.

Pfarreinsatz 1964 von Walter Wettstein in der Neuen Kirche Wollishofen. Foto FA Wettstein.
Wie hat sich die Zeit seither verändert: Seit Jahren wächst zwar die Bevölkerung von Stadt und auch Wollishofen wieder an, doch die Zahl der kirchlich Gesinnten und Mitglieder nimmt ab, auf jeden Fall bei den beiden Hauptkonfessionen der Schweiz, den Reformierten und den Katholiken. Vorangegangen ist eine gewisse Säkularisierung; die reformierten Aktivitäten erreichten je länger je weniger die breite Bevölkerung. Die Kirche auf der Egg wurde zu gross und schliesslich für kirchliche Zwecke überflüssig.
Auf jeden Fall sind die Zeiten vorbei, als Wollishofen noch reformiert war – ausschliesslich reformiert war.
Sebastian Brändli
* Auch in der Schweizer Wochenschau erhielt der Helikoptereinsatz in Wollishofen im April 1955 Aufmerksamkeit.




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