WOLLISHOFER RIEGEL

Aktualisiert: 15. Apr.

Leider kein Nussgebäck, kein süsser Leckerbissen. «Wollishofer Riegel» ist vielmehr ein militärischer Fachbegriff. Dazu gleich mehr!


Ein Militärhistoriker bin ich nicht. Aber zwei Beobachtungen haben mich im Zusammenhang mit Militär und Wollishofen schon immer gewundert. Einerseits die Anhäufung von Bunkeranlagen im Entlisbergwald – heute mehr oder minder originell mit Farbe besprayt –, anderseits zahlreiche Berichte von Russen und Franzosen, die um 1800 in den Wollishofer Wäldern und Sümpfen sich gegenseitig belauerten – und sich manchmal auch kräftig bekämpften und zuschlugen! Dazu entstand dann umgehend die Frage: «Ob die beiden militärischen Zeugen und Zeichen miteinander zu tun haben?».


Den Begriff «Wollishofer Riegel» verdanke ich der Publikation von Tobias Sigrist, der die Panzersperren des 2. Weltkrieges in Wollishofen minutiös untersucht und nachgezeichnet hat.* Seine Forschungen wurden stark unterstützt durch einen Nachlass, der im Zürcher Stadtarchiv liegt: Erwin Stirnemann war Stadtrat und Oberst – und zuständig für die «Fortifikation Zürich». In seinen Unterlagen finden sich zahlreiche Strategiepapiere und Pläne, wie die sog. «Limmatstellung» befestigt werden könnte, was auch in Wollishofen zahlreiche Bauten erforderte. Denn es war für General Guisan klar: Zürich mit seinen strategisch wichtigen Limmatbrücken war ein «obstacle absolu», das gegen einen Angriff aus dem Norden hätte gehalten werden müssen. Deshalb wurde das Platzkommando Zürich beauftragt, nicht nur das linke Limmatufer, sondern auch am See Panzersperren zu konzipieren und zu bauen. Auf der linksufrigen Seite der Brücken wurden beispielsweise Sprengladungen gelegt! Und die Sperre Wollishofen(-Sihltal) war die erste Befestigung, die durch das Stadtkommando begonnen wurde. Sie sollte die wichtige Verbindungsachse zwischen der Zürich nach Zug und Luzern sperren.


Bunker im Entlisbergwald. Foto: SB (27.2.2021).


Das erklärt die Situation im 2. Weltkrieg. Und nun eben: Was war denn zu napoleonischer Zeit der Grund für die Anwesenheit von Franzosen, Oesterreichern und Russen? Durch den Einmarsch der Franzosen 1798 geriet die Schweiz ins Fadenkreuz der napoleonischen Auseinandersetzungen. Die anti-französische (zweite) Koalition, zu der auch Oesterreich und Russland gehörten, wollte die Schweiz den französischen Truppen wieder entziehen. Auch damals war es die strategische Lage, die Franzosen und Oesterreicher, später Russen, nach Zürichs holte. Bekannt sind die Schlachten bei Zürich 1799, bei denen der französische General Massena zuerst verlor, um später, im September, die Koalition doch wieder zu vertreiben. In dieser zweiten Schlacht bei Zürich spielte Wollishofen zwar nicht die Hauptrolle – die dort lagernden Russen wurden nur mit einem «Scheinangriff» verwirrt. Entschieden wurde die Schlacht bei Dietikon.


Doch im Zusammenhang mit diesem Krieg hatten die Wollishofer wie viele andere Zürcherinnen und Zürcher stark zu leiden. In der Chronik 1845** heisst es: «Im Jahr 1799 wurde Wollishofen sehr hart mitgenommen. Nachdem sich die Franzosen im Juni an den Albis zurückgezogen hatten, wurde das Dorf und die Umgegend von den Oesterreichern und den bei ihnen stehenden Schweizern besetzt, am 14. August von den Franzosen jedoch vergeblich angegriffen, wobei einige Schädigungen an Gebäuden stattfanden.» Und: «Am 29. schlugen acht Kompagnien der Russen im Fischer und vor dem Muggenbühl ein Lager auf. Außer diesen Truppen standen noch viele russische Infanterie, Husaren, Dragoner, Jäger und etwa 4 Kompagnien Kosaken um das Dorf her im Asp, im Erdbrust, am Horn etc. Am 8. September griffen die Franken die russischen Vorposten an und drangen bis in ihr Lager vor, mußten aber wieder zurück. Es fielen 32 Mann. in einem Haus wurde von den Franzosen geplündert, weil man russische Offiziere darin versteckt glaubte. Die Russen, so melden die ausführlichen Notizen, welche vor uns liegen, nahmen Erdapfel, Aepfel, Trauben, das Gras und die Streue.»


Französische und russische Truppen treffen im September 1799 beim Central aufeinander (Stadtarchiv Zürich).








Es war Krieg vor der Haustür! An einen geregelten Alltag war nicht mehr zu denken. Die Truppen – seien es nun Franzosen oder die gegnerischen Alliierten – kamen als Belagerer, wollten unterhalten sein, nahmen sich, was sie wollten und zu brauchen meinten. Der Berichterstatter in der Chronik zog dann folgendes Fazit: «Aus vor uns liegenden speziellen Verzeichnissen geht hervor, daß die Gemeinde Wollishofen vom 6.Juni bis 26. September 1799 in Folge Lieferungen an die Oesterreicher und Russen und in Folge Schädigung 30,000 fl. eingebüßt hat und die Einquartierungslast vom 26. April 1798 bis 13. Februar 1803 47,049 Mann und 17,357 Pferde betrug und daß den Franzosen überdieß 169 Zentner Heu, 42 ½ Mütt Haber, 1903 Rationen Brod und 1903 Rationen Fleisch geliefert werden mußten.»


Ein einfaches, aber authentisches Zeugnis jener französischen Zeit, mit anzunehmendem Wollishofer Bezug, ist in einer Gouache des Malers und Politikers Salomon Landolt (1741-1818) auf uns gekommen. Das Kunstwerk zeigt eine Landschaft an einem Flussufer – wohl der Sihl –, in dessen Mittelgrund vier Soldaten Wache halten, zwei Hauptfiguren in der Mitte, jeder in seine Richtung spähend, und zwei Nebenfiguren am Bildrand hinter dem Rauch eines kleinen Feuers. Wir zeigen den Ausschnitt mit der rechten Hauptfigur, mit geschultertem Gewehr. Die Gouache-Malerei ist etwas grösser als Format A4, die Figuren sind zierlich und von einer überwältigenden, herbstlich anmutenden Natur am Flusse umgeben. Es ist anzunehmen, dass das Bild im Jahr 1799, als der Koalitionskrieg den Kanton Zürich in Atem hielt, geschaffen wurde. Von der Dramatik des Krieges ist im Dargestellten kaum etwas zu erfahren. Eher ist die Aussage, dass Wachen, Wachsamkeit, Frieden bringe. Denn die Zugehörigkeit der dargestellten Soldaten scheint mir nicht klar. Klar ist indessen, dass der Alt-Landvogt Landolt ein Gegner der französischen Intervention war: Er war treuer Vertreter der «aristokratischen» Partei.


Salomon Landolt. Wachposten am Fluss (Sihltal). Auschnitt. Um 1799. Privatbesitz.



Haben die beiden Wollishofer Geschichten, die von 1799 und die von 1940, miteinander zu tun? Ja und Nein. Bei beiden ging es um die militärstrategische Position von Zürich. Aber 1799 fand Krieg auch in Wollishofen statt, 1940 waren es «nur» Befestigungen, der Feind blieb glücklicherweise aussen vor. – Von den Schäden, die 1799 angerichtet wurden, fehlt meines Wissens in Wollishofen jede Spur, anders als beim Schlachtendenkmal auf dem Zürichberg.*** Die Spuren der Fortifikation des 2. Weltkrieges sind jedoch noch vorhanden – und sie sollten auch erhalten werden.


(SB)

 

* Tobias Sigrist: Der Wollishofer Riegel - Zur Bedrohungslage der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Zürcher Heimatschutz, 2015.

** Die alten Chroniken oder Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich (1845), Zitate S. 832ff.

*** Zusatz: Am Kindergartengebäude an der Grütlistrasse (das zwar nicht Wollishofen, sondern Enge, und damit immerhin Kreis 2 ist) prangt ein Prunkstück jener Zeit:


Französische Kanonenkugel 1799. Grütlistrasse. Foto: Bruno Hohl.

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