400 LESERBRIEFE
- Sebastian Brändli

- vor 23 Stunden
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Werner Egli (1906-1989) war ein Sozialist alter Schule. Er glaubte an eine bessere Welt, wenn die Menschen sich nur freundlicher begegnen würden, wenn keiner den andern ausbeutete und jeder sich Mühe gäbe, als friedlicher Mensch durch die Welt zu gehen. Mit seiner Ehefrau Fanny Egli-Gäumann bezog er nach der Hochzeit 1939 eine Wohnung der Allgemeinen Baugenossenschaft ABZ in Leimbach. Nach dem Tode von Schwiegervater Fritz Gäumann lud Emma, die Schwiegermutter, das junge Paar samt den zwei Kindern ins «Bergdörfli» ein – in ihre Wohnung, wo Fanny aufgewachsen war, und wo auch sie als Witwe weiterhin wohnte. Werner wohnte von da an in Wollishofen – mit vier Frauen zusammen!
Politisch engagierte er sich als Genossenschafter, aber er war auch Gewerkschafter und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Dort gehörte der als überzeugter Radikaler zum linken Flügel, war bei der Gründung der Jungpartei JUSO dabei und fühlte sich auch als älterer Herr dort zugehörig. Natürlich engagierte er sich auch im Quartier: Er machte in der Wollishofer Feuerwehr mit, fühlte sich in der Kreispartei SP 2 zuhause und war ein engagierter Kommentator seiner Welt. Seine Tochter, Katharina Spörri, hütet noch heute seine Leserbriefsammlung: Es sind über 400 Leserbriefe und Rezensionen in einem stattlichen Ordner versammelt. Dieser Ordner mit Kopien der Briefe liegt vor mir.

Werner Egli beim Schreiben – wohl eines Leserbriefs – im Bergdörfli. Privatfoto.
Werner Egli stammte nicht aus der Stadt. Geboren in Rüti, wo sein Vater als Heizer bei der Eisenbahn arbeitete, lernte er den Beruf eines Gärtners, und er blieb diesem Metier treu, auch als er in Wollishofen wohnte. Er bildete sich weiter und arbeitete bald als Landschaftsgärtner bei der Stadt Zürich. Er half mit, in der wachsenden Stadt Blumenbeete anzulegen und Bäume zu pflegen, und in den Friedhöfen war er oft beim Anlegen neuer Gräber dabei. So vor allem auch im Friedhof Manegg!

Drei Zürcher Stadtgärtner posieren bei der Lettenholzstrasse, Egli ganz rechts. Privatfoto.
Doch nun zu Wernis politischem Engagement, vor allem zu seinen Leserbriefen. Die Originale werden heute im Sozialarchiv aufbewahrt. Gezählt wurden 397 Stück, plus 12 «Erzählungen» und 25 Buchbesprechungen. Dem Archiv wurde der Ordner am 8. Januar 1992 abgeliefert. Es heisst dort, die Sammlung sei «auf Vorschlag von Hansjörg Braunschweig*» übernommen worden, der dem Archivar Dr. Karl Lang gesagt habe, «Werner habe 421 Leserbriefe geschrieben». Lang bezeichnete die Sammlung in einem Brief als «einmalig» und «sie verdiene es, im Archiv, also im Sozialarchiv, aufbewahrt zu werden». Und so liegt sie heute dort, in säurefreiem Karton, «um langfristige Haltbarkeit zu garantieren», unter der Signatur Ar 118. Sogar die damalige Vorsteherin Dr. Anita Ulrich merkte handschriftlich an: «Ich schliesse mich den Worten unseres Archivars an und danke im Namen des Sozialarchivs herzlich für den Nachlass von Werner Egli.»
Diesem Urteil kann der Wollishofer Quartierhistoriker nicht widersprechen. Die Durchsicht des Ordners führt durch mehrere lange Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und reflektiert damit ein wichtiges Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte. Manchmal merkt man gut, dass Eglis Art des Denkens und sein Engagement für eine bessere Welt heute fast etwas vergessen sind – auch in der derzeitigen Sozialdemokratie stehen andere Themen im Vordergrund. Eglis Themenbreite ist beträchtlich, die Texte sind ein buntes Gemisch. Viel Alltägliches, aber auch sehr viel sehr Grundsätzliches. Natürlich stehen politische Fragen im Vordergrund, und fast alle Briefe wurden in linken Zeitungen und Zeitschriften publiziert: im Zürcher Volksrecht, im «Zeit-Dienst» (ebenfalls in Zürich), in der nur weniger Jahre erschienenen «Leser-Zeitung» und in den «Neuen Wegen», der Zeitschrift der Religiös-Sozialen Bewegung. Manchmal gelang aber auch eine Publikation in bürgerlichen Zeitungen, so etwa in der Tat oder im Tages-Anzeiger. Eine spezielle Beziehung hatte Egli zum «Zeit-Dienst», der in der Regel mit dem ebenfalls altlinken Theo Pinkus, Buchhändler und Antiquar, in Verbindung gebracht wird. Pinkus und Egli waren beide Unika: sehr selbstbewusste Vertreter der Schweizer Arbeiterbewegung, immer auf der Strasse am 1. Mai, Pinkus immer mit einigen Exemplaren des Zeit-Dienstes unterwegs, um Käufer und Abonnenten ringend.
Die frühesten Beiträge Eglis stammen aus den frühen 1960er Jahren, es scheint, dass er – mit über 50 Lebensjahren – ein spätberufener Schreiber war. Ein früher Beitrag erschien im VPOD-Blättli: Im März 1960 schrieb er über die Politik in Südafrika unter dem Titel: «Die weisse Schande». Unter dem Titel «Chancen aktiver Neutralitätspolitik» berichtete «W.E.» am 6.9.1967 im Volksrecht über ein Referat von Hans Rudolf Hilty bei der SP Zürich 2 – Hilty war damals Kandidat für den Nationalrat auf der Liste der Sozialdemokraten und Volksrechtredaktor.** Egli verteidigte die Neutralität – aus pazifistischer Sicht – und schrieb deshalb Sätze wie «Die grossen Staaten leiden unter ihrer Selbstverblendung durch Macht» – das ist heute ja doch wieder ganz aktuell – oder «Neutralität ist heute so sehr aufgewertet worden, dass beispielsweise nur ein Neutraler UNO-Generalsekretär werden kann.»
Ein grosses Thema für Egli war die Positionierung der Schweizer Arbeiter zu den «Fremdarbeitern». Unter dem Titel «Unsere Fremdarbeiter» reflektierte er im Öffentlichen Dienst 1967 die Frage: «Was sagt ein Sozialist zum Fremdarbeiterproblem?», und doppelte im Volksrecht im gleichen Jahr nach (1967 wurde James Schwarzenbach in den Nationalrat gewählt, und startete die sogenannte Schwarzenbach-Überfremdungs-Initiative): «Die Ausländer und wir Schweizer».
Sehr spannend ist die Haltung des Arbeiters Egli gegenüber den linken Intellektuellen, die damals mehr und mehr zur Sozialdemokratie fanden. So etwa geriet ihm die Kandidatur von Adolf Muschg 1975 als SP-Ständeratskandidat in den falschen Hals, fand aber nach einiger Zeit die Kandidatur doch sehr stimmig, wenn er betonte, dass «auch Akademiker Werktätige» seien, und deshalb auch für die Sozialdemokratie kandidieren könnten. Er berichtete davon, dass er zu Beginn des Wahlkampfs Muschgs sehr skeptisch gewesen, aber an einem Podium der Kandidaten in Horgen eines Besseren belehrt worden sei. Im Bezirkshauptort am linken Seeufer, so Egli, wo für die FDP Fritz Honegger, für den LdU Albin Heimann, für die BGB (heute SVP) Rudolf Meier (damals als Bisheriger) mit Muschg die Klinge kreuzten, habe dieser die politische Sache der Sozialdemokratie gut vertreten, schrieb W.E.: «Du warst überzeugend, Dein Hebelarm der längere, Deine politischen Perspektiven die zukunftsträchtigeren, denn sie sind sozialistisch.» Ein Gläubiger!

Werner Egli und Fanny Egli-Gäumann: Bohnenschälen mit den Enkelkindern. Privatfoto.
Weitere Schwerpunkte der Sammlung gelten dem Waldsterben, der «Schweiz ohne Armee» und der Zürcher Stadtpolitik, insbesondere auch Ursula Koch. Wollishofer Themen gab es auch, sie waren aber neben den Grossen Themen der Welt eher Nebensache. So findet sich etwa die Gründung einer Frauengruppe in der Kreispartei 2 der SP in den 1960er Jahren (wo seine Frau Fanny die erste Präsidentin war) in der Sammlung, mehrmals der Autobahn-Einschnitt im Entlisberg seit 1961 und dessen Kämpfe. Gerade in diesen kam Werner auch an seine Grenzen, so war er plötzlich auch mit deutlich bürgerlichen Stimmen in einem Boot. Unvergessen ist das Bild, das er vom Entlisbergeinschnitt mit einem Titel über einem Leserbrief markierte: Der Einschnitt sei wie eine «Narbe im Gesicht einer schönen Frau»! Ganz wichtig war auch die denkwürdige «Seeufer-Abstimmung» im Juni 1984. Deren Ausgang dreissig Jahre später mit Abriss der Franz-Garage und dem gewaltigen neu erstellten Wohnblock mit Seesicht hätten ihn furchtbar aufgeregt – er musste es nicht mehr erleben.
Zeit seines Lebens war Werner Egli ein Kämpfer für eine bessere Welt. Es gab Mitstreiter, die ihn fast das ganze Leben begleiteten, andere Bezugspersonen waren vielleicht nur kürzere Zeit bei seinen Projekten dabei – gemeinsam ist aber, dass diese Freundinnen und Freunde keineswegs nur auf der linken Seite des Spektrums zu finden waren. Menschen mit dem «Herz auf dem rechten Fleck» konnten auch anderswo politisieren, wenn auch ein linker Akzent unverkennbar ist. Auf Runde Geburtstage hin entstanden mehrfach Alben mit Gratulationen, die seine Bezugswelt von nah und fern rekonstruieren lassen. Ganz wichtig für Werner war der schon genannte Hansjörg Braunschweig, und auch Andi Gross. Als Werni 80jährig wurde, widmete Ronald Nowotny im damals noch existierenden «Zürich 2» seinem Leben eine ganze Seite; darin wurden der Sozialist, der Gärtner und der Familienmensch gleichermassen gewürdigt (9. Mai 1986).
Sebastian Brändli
* Hansjörg Braunschweig (1930-1999), Präsident der SP Kanton Zürich (1976-1982), Nationalrat (1978-1990).
** Hans Rudolf Hilty war auch Schriftsteller: Aus meiner Sicht ist sein Buch «Bruder Klaus oder Zwei Männer im Wald» (Rentsch Verlag, Zürich 1981) sein Opus Magnum; es ist auch heute noch überaus lesenswert!




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