MARIA LA ROCHE
- Sebastian Brändli

- 14. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Im reformierten Wollishofen ist die Erinnerung an Pfarrer Ernst La Roche (1903-1978) noch wach, der 1942 hierher berufen wurde. Des Pfarrers Nachkommen wohnen zum Teil noch hier – geprägt von ihren Jugendjahren an der Rainstrasse. Nun will es ein «Zufall», dass sich Wollishofen und La Roche erneut berühren: Maria La Roche (1870-1952), eine Malerin aus der Familie – eine Tante des Wollishofer Pfarrers – malte einst in unserem Quartier ein Aquarell, das den Hof Honrain zeigt. Das Bild war lange in Kilchberg und sogar in Südfrankreich, und ist erst unlängst wieder nach Wollishofen zurückgekehrt. Doch der Reihe nach!

Hof Wollishofen um 1920. Aquarell von Maria La Roche. Privatbesitz.
Im Pfarrhaus der ländlichen Basler Gemeinde Ziefen kam am 7. April 1870 Maria als drittes Kind von Emanuel La Roche und seiner Ehefrau Esther Valeria Stockmeyer zur Welt. Der Vater, ein Pfarrer, wie schon sein Vater, und auch schon sein Grossvater! Vor Maria wurden zwei Buben geboren, der ältere, Emanuel, ward Architekt, und Friedrich führte die theologische Familientradition weiter. Nach Maria folgte noch Elisabeth, die Tänzerin wurde. Maria zeichnete als Kind gern und gut, und schlug mit ihrem Interesse dem Vater nach, der neben seinem Pfarrberuf auch als «Konservator der Sammlung», der öffentlichen Basler Kunstsammlung, amtete. So ward es möglich, dass Maria den Beruf der Malerin ergriff. Sie wurde Schülerin des bekannten deutschen Malers Heinrich Thoma, der sich nach langen Wanderjahren in Karlsruhe niederliess. Von Thoma wurde sie in der ganzen Breite ausgebildet, nicht nur Ölbilder, auch Zeichnungen, Radierungen und Lithographien sind von ihr erhalten; besonderes Interesse verdienen ihre kleinsten Kunstwerke – offenbar waren ihre Ex Libris-Fähigkeiten weitherum bekannt.
Als Maria als ausgebildete Malerin nach Basel zurückkehrte, dürfte sie zwei Optionen gehabt haben: Entweder die Karriere einer Mutter durch Heirat – mit der Malerei höchstens als Hobby –, oder die ledige Variante als Malerin. Doch ob sie als Frau grosse Aufträge erhalten würde, stand nicht fest. Dennoch wählte sie Option 2 und blieb ledig, sie widmete sich ganz der Kunst. Wie gut sie davon leben konnte, ist offen, auf jeden Fall malte sie zahlreiche Baselbieter Dörfer, vor allem für eine Baselstädtische Kundschaft. In der zeitgenössischen Kunstszene war sie aber eine bekannte Figur; sie war Mitglied der Gesellschaft Schweizerischer Malerinnen und Bildhauerinnen, und sie beteiligte sich auch an der SAFFA 1928.

Karl Christoph Bernoulli, Philosoph, mit Kreide gezeichnet von Irene Zurkinden, 1968.
Wie es dazu kam, dass Maria dem 20 Jahre älteren Karl Christoph Bernoulli (*1897) begegnete, ist nicht überliefert. Die Familien La Roche und Bernoulli dürften aber gut bekannt gewesen sein; es existiert sogar ein Exlibris des Vaters Carl Christoph (1861-1923), Oberbibliothekar in Basel, aus der Hand von Maria La Roche. Vater und Sohn Bernoulli stammten natürlich aus der berühmten Basler Mathematikerfamilie, der Sohn war Geisteswissenschaftler mit grosser Kunstaffinität. Als dieser 1981 starb, schrieb die NZZ: «Bernoulli [war] ein Zauberer, daraus machte er seinen Beruf, den eines Antiquars und Innenarchitekten. Seine Witterung war unfehlbar, sein Geschmack schlackenlos, seine Kennerschaft unübertroffen, sie machten ihn zum künstlerischen Mentor von Sammlern, Industriellen, Museen; von begabten Menschen, mit denen er einen Weg suchte und oft genug den richtigen fand.» Von dieser Begabung profitierte auch Maria La Roche. Schon zu Lebzeiten erfuhr sie seine Förderung, und als sie 1952 starb, übernahm Bernoulli den künstlerischen Nachlass, wohl in der Meinung, die Bilder nach und nach zu verkaufen. Doch dazu kam es nicht. Vielmehr blieb das Konvolut zusammen und überdauerte gar den nächsten Erbgang, so dass ein Oeuvre, das es wohl nur knapp übers familiäre Umfeld hinaus geschafft hatte, recht gut erhalten blieb.
Aus dieser Sammlung kam Marias Werk über den Hof Wollishofen/Honrain als einziges, das als Landschaftsbild eine identifizierbare lokale Situation zeigt, unlängst «zurück nach Wollishofen». Die meisten der Aquarelle zeigen Naturschönheiten im Kleinen und Grossen. Weshalb Maria – wohl in den 1920er Jahren – in Wollishofen malte? Wir wissen es nicht genau.* Aber wir wissen, dass Maria in den 1920er Jahren auch in Zürich lebte (sie war an der Waffenplatzstrasse gemeldet), und in der Zentralbibliothek Zürich wird ein Blatt mit einer Zeichnung des Bürglis in der Enge aufbewahrt. Zudem wäre es durchaus möglich, dass es mit Christoph Bernoulli zusammenhing, denn dieser kaufte sich bzw. für seinen verehrten akademischen Freund Ludwig Klages (1872-1956) in Kilchberg ein Haus an der Rigistrasse – dem ersten an dieser steilen Strasse erbauten Wohnhaus. Weshalb er dem Psychologen Klages unter die Arme griff? Weil er ihn, den Erfinder der wissenschaftlichen «Charakterlehre», interessant fand, und er die mannigfaltigen Angriffe auf seinen Freund mit einem stillen Wohnort besänftigen wollte. Das gelang und gelang auch nicht, weil Klages auch von Kilchberg aus seine allzu waghalsigen Thesen vertrat, gleichwohl aber ein wohliges Nest für seine manchmal wohl etwas ausschweifende Lebensweise erhielt.

Kilchberg, Rigistrasse 36, im Besitz der Familie Bernoulli, lange Zeit bewohnt vom deutschen Charakterforscher Ludwig Klages. Abgerissen um 2000. Privatfoto.
Natürlich kannte Pfarrer Ernst La Roche, der Sohn von Friedrich, seine Tante Maria, aber von ihrem Wollishofer Aquarell wusste er wohl nichts. Es ist aber auch nicht ganz geklärt, wie der Basler Pfarrer 1941 nach Zürich-Wollishofen fand. Denn eigentlich hatte er sich in Celerina als Pfarrer installiert, er lernte gar romanisch (Puter), damit er seine Engadiner Schäfchen gut verstehen und ihnen die Predigt in ihrer Sprache vortragen konnte. Auch später in Zürich kam noch regelmässig das «Fögl ladin», die Engadiner Wochenzeitung, an die Rainstrasse! Über Landquart/Igis näherte sich Pfarrer La Roche dann aber von Osten her der Schweizer Metropole – sein Sohn meint, es wäre der Kinder wegen gewesen, wegen der Ausbildung und den höheren Bildungseinrichtungen in Zürich. Klar ist aber, dass sich La Roche gerne in Zürich aufhielt, kaufte er doch gegen Ende seiner beruflichen Tätigkeit in Wollishofen – im Wissen, dass er auch «sein» Pfarrhaus aufzugeben hatte – in unmittelbarer Nachbarschaft ein eigenes Haus, das er bis zu seinem Tod bewohnte. Zwar kehrte er nochmals für eine Zeitlang als Aushilfspfarrer nach Celerina zurück. Aber seine Kinder – sie rede(te)n ja reines Zürichdeutsch – blieben auch mit dem wohlklingenden Basler Familiennamen in Zürich und wurden gute Zürcher.

Aus: Beni La Roche und Ursula Rellstab. Der Professor und der grosse rote Fisch.
Eine letzte Episode soll noch nachgetragen werden, eine letzte Episode von Basler La-Roche-Kunst in Wollishofen: Beni, der mittlere Sohn von Pfarrer Ernst La Roche, wurde Grafiker und Aquarellist. Als Selbständiger arbeitete er oft mit Linolschnitten, ein Werk aus seiner Hand ist ein schönes farbiges Bilderbuch, das er zusammen mit Ursula Rellstab 1968 herausgab: «Der Professor und der grosse rote Fisch». Die Illustrationen bilden den roten Faden der Geschichte, sie sind alle von Beni. Mir gefallen die Bilder sehr, sie zeugen auch von der Kinderbuch-Hausse der 1960er und 70er Jahre, am besten gefällt mir ein komplexes Bild eines Hauptbahnhofs, je nach Sichtweise könnte es Basel, Zürich oder St. Gallen sein.
Sebastian Brändli
* Möglicherweise ist das Aquarell auch älter, entstanden im Rahmen einer Serie von Bildern Marias mit «geschickt gewählten Motiven vom Zürichsee»; diese wurde 1914 im Zürcher Kunsthaus gezeigt (vgl. NZZ 11.7.1914).




Kommentare