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WOLLISHOFER TROTTEN

Aktualisiert: vor 2 Stunden

Wollishofen und der Wein: das war schon mehrfach Thema bei Wollipedia. Eine wichtige Rolle beim Weinbau spielt die Technologie der Kelterung. Archäologische Funde belegen, dass Trotten schon unter den Römern in der nordalpinen Schweiz Einzug gehalten haben, im Gebiet der heutigen Schweiz etwa in Augusta Raurica. Überall ist die Kontinuität natürlich nicht belegt, es spricht aber nicht viel dagegen, dass die Rebbau-Technik grundsätzlich das Mittelalter auch in Mitteleuropa überdauert hat. Die Reben selbst sind sicher mit den Römern vom Mittelmeer her mitgebracht worden. Der Weinkonsum dürfte während des ganzen Mittelalters eine grosse Rolle gespielt haben, also auch die Weinherstellung und damit das Traubenpressen.


Neuplanung der Trotte im Höckler (Anfang 19. Jh.), StAZH PLAN E 89.


Frühe Trotten - frühe Siedlungskerne?


Für die Siedlungsentwicklung waren seit je öffentliche Infrastrukturen bedeutend. Seien es Brücken, Burgen, Kirchen und Klöster, oder auch Herbergen und Gasthäuser. So weisen noch heute Ortsnamen wie Biberbrugg und Ziegelbrücke oder Kyburg und Lenzburg auf solche Entstehung hin. Aber auch Weiler konnten durch Infrastrukturen entstehen oder gefestigt werden. Für die Dörfer am rechten Ufer des Zürichsees, insbesondere für die Weiler an den Hängen des Pfannenstils, gibt es Stimmen, die die Siedlungsentwicklung mit dem Weinbau, insbesondere mit der Positionierung von Trotten zur Weinherstellung in Verbindung bringen: Weiler entstanden dort, wo Einzelhöfe Trotten benötigten, die auch für kleinere Betriebe dienen konnten (die sich eine eigene Trotte nicht leisten konnten). «Weiler folgen Trotten», könnte man verkürzt sagen. Wenn dem so wäre, wäre das sicher für die Anfänge des Weinbaus, vielleicht bis ins Mittelalter, plausibel. Später, in der frühen Neuzeit, wird die Technologie der Trotten allgemeiner, die Zahl der Infrastrukturen nimmt zu. Im Gemeindebann Wollishofen, das werden wir noch genauer anschauen, waren Anfang des 19. Jahrhunderts um die 40 Trotten in Betrieb!


Erste Trotte in Wollishofen?


Auf eine erste Trotte trifft man in Wollishofen im Jahr 1282. Damals verschrieb «Mitbürger Werner», der Sohn Marquards, seiner Ehefrau Elisabeth «seine Güter zu Honrain samt Trotte am Riet zu Wollishofen» «zu Leibding». Neudeutsch: Der Zürcher Bürger Werner (noch ohne Nachnamen) übertrug seine vom Vater ererbten Güter zu Honrain samt Trotte seiner Ehefrau als Lebensversicherung. Diese Urkunde liegt im Zürcher Staatsarchiv (C II 10, Nr. 38). Es ist überhaupt nicht anzunehmen, dass die Trotte am Riet die älteste Wollishofer Traubenpresse überhaupt war, und auch keineswegs, dass sie die einzige im 13. Jahrhundert war. Aber sie ist die früheste, die durch einen Eintrag in einer überkommenen Urkunde belegt ist.


Seit dem 13. Jahrhundert waren Trotten – meist in Verbindung mit den «dazugehörigen» Reben – immer wieder Gegenstand von Verkäufen und Belehnungen. Reben und ihre technologischen Einrichtungen waren teuer und gaben somit gute Kapitalanlagen her. Viele Städter engagierten sich finanziell im Rebbau: So wurden auch zahlreiche Geschäfte von Herren, vom Bürgermeister persönlich oder von anderen hochstehenden Personen, gesiegelt und legitimiert. Besonders interessant ist zum Beispiel ein Dokument, das zeigt, dass Bürgermeister Brun frühe Urkunden selbst gesiegelt hat. So wird im Regest einer Urkunde von 1355 formuliert: «Bürgermeister Rudolf Brun, der Rat und die Zunftmeister der Stadt Zürich urkunden, dass sie 3 Jucharten Reben, in Erdbrust am Horn gelegen, welche nach den frühern Besitzern und nach den Anstössern bezeichnet werden, mit Haus, Trotte, Baumgarten, Ausgelände sowie mit Weg- und Stegrecht usw. verkauft haben an Heinrich Lander von Zürich, den man nennt Ziebein.» (Stadtarchiv I.A.1611) Die Stadt – der Bürgermeister und die Räte – waren also selber ins Geschäft involviert. Wie sie zu den Gütern in Wollishofen gekommen waren, ist leider nicht bekannt, aber sie wollten sie abstossen und verkauften sie einem Zürcher Bürger, den man «Ziebein» nannte. Der Preis war hoch, er betrug 120 Gulden: im 14. Jahrhundert ein grosser Betrag!


Über die Ausdehnung der Rebflächen im Wollishofer Mittelalter sind wir nicht orientiert. In der frühen Neuzeit zeigen sich aber vermehrt Trotten, auch solche, die mehreren Bauern gleichzeitig gehörten bzw. dienten. Neben den in den ersten Urkunden erwähnten Reben im Honrain und in der Erdbrust waren auch seenahe Flächen beim Haumesser oder gegen die Grenze zu Kilchberg hin schon früh Weingebiet. Systematisch orientiert werden wir von den Quellen aber erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Im Wollishofer Zehntenplan von 1785 (dem sog. «geometrischer Plan», der in Kopie auch im Eingang des Ortsmuseums hängt) sind die Agrarflächen mit Signaturen versehen, Rebflächen also markiert. Und von den Trotten wissen wir erstmals aus dem Jahre 1812 Genaueres, als die kantonale Gebäudeversicherung alle Gebäude im Kanton, also auch in Wollishofen, in ihren Büchern verzeichnete. Diese Übersicht wollen wir kurz skizzieren:


Trotten um 1812


Dank Einführung der Brandversicherung im Kanton Zürich durch Beschluss des Grossen Rates im Jahr 1808 wurden alle Gebäude des Kantons ab dem Jahr 1812 aufgenommen und in grossen Büchern (sog. Lagerbücher) verzeichnet. In Wollishofen wurden 95 Gebäudeeinheiten notiert, die in der Mehrzahl aus mehreren Gebäuden bestanden: Wohnhaus, Scheune und Stall, Waschhaus, Trotte etc. Die Numerierung der Einheit wurde deshalb mit Buchstaben ergänzt. So war etwa ein Hof auf dem Rain mit der Nummer 74 versehen: 74A war das Wohnhaus, 74B «ein Schopf und Schweinstall», 74C «eine Scheune mit Zimmer & Keller». In solchen Aufzählungen erschienen auch die Trotten, weshalb wir relativ genau Bescheid wissen. Regelmässig wurden die Angaben überprüft, so dass wir auch über die weiteren Jahre informiert sind, nicht nur über den Gebäudebestand, sondern auch über die Eigentümer.


Zählt man die Einträge, so kommt man für 1812 auf 39 Trotten! Angesichts der 95 Gebäudeeinheiten kann man sagen, dass zu fast jeder zweiten eine Trotte gehörte. Schaut man aber genauer hin, sind die Eigentümerverhältnisse komplexer: Viele Trotten gehörten zwar zu einer Einheit, waren aber im Besitze mehrerer Parteien, man zählt bis zu sechs Eigentümer – andere Trotten gehörten aber auch nur einem einzigen Besitzer. Die Zahl der Trottenbesitzer ist ungleich höher als die Zahl der Trotten, sodass wir von der Anzahl Trotten nicht auf die Anzahl von Weinbauernbetrieben schliessen können. Grob ist aber festzustellen, dass mindestens die Hälfte aller Betriebe mit Weinbau zu tun hatten. Oder auch mit Obstbau, denn die Trotten wurden nicht nur fürs Pressen von Trauben, sondern auch von Obst genutzt.

 

Betrachten wir einige Beispiele: Gebäudeeinheit No. 1 war der Hof Honrain. 1C war «Scheune und Trotte». Der feudale Hof, im 18. Jahrhundert lange Zeit Sitz des Untervogts von Wollishofen, war schon früh Ort verschiedener wirtschaftlicher Tätigkeiten, was durch Kauf der Liegenschaft durch Baumeister Hans Ulrich Staub 1814 sich noch stark diversifizierte. Doch auch dieser Ort früher Industrialisierung verfügte noch lange über eine Trotte, noch 1874 wird verzeichnet: «Trottwerk noch vorhanden». Das Haus No. 3, am Gässli gelegen (heute Honrainweg) wurde im 19. Jh. Handwerkerhaus. Seine Trotte (3B) wurde 1836 «geschlissen». Zum Weiler Haumesser gehörten 3 Trotten (11B, 14A und 15A). Das zeigt, dass die Bauernhöfe des Haumessers stark mit Weinbau zu tun hatten – das heutige Haus zum Weinberg (No. 6, heute Seestrasse 290) zeugt noch davon. Die Haumesser-Trotten verschwanden im Laufe des 19. Jh., das Trottengebäude des Hauses zum Weinberg aber erst um 1920, wegen der Verbreiterung der Seestrasse.


Haus zum Weinberg mit Trottenhaus, um 1900 BAZ. (siehe auch Blog WEINBAU)


Der Beispiele wären noch viele, wir müssen uns beschränken. Trotten gab es nicht nur am See, sondern über den ganzen Gemeindebann, auch im Unter- und im Oberdorf. So etwa auf dem Rain, wo drei Trotten standen (No. 72, 75 und 76), oder auch am Bogenweg, wo das einstige «Hausheer’sche Lehen» des Amtes Oetenbach (No. 77) Anteil hatte an der Trotte von No. 80 – und über ein eigenes «Wasch- und Brennhaus» verfügte (No. 77B). *


Wasch- und Brennhaus am Bogenweg im Jahr1938. Mit Velofahrer Werner Weber (*1923).

Foto: Heinrich Weber-Dressler. BAZ.



Während des 19. Jahrhunderts verschwanden fast alle Trotten, sei es, weil der zugehörige Weinbetrieb einging oder fusionierte, sei es, weil Abriss und Umwandlung zu Bauland für Neubauten attraktiver schienen. Von der einstigen Herrlichkeit sieht man heute praktisch nichts mehr. Immerhin ist dank privater Initiative, vor allem auch durch Hans X. Hagen, wieder Rebbau in Wollishofen existent: Der Verein Wollishofer Wein bewirtschaftet auf einem Gelände unterhalb des Ortsmuseums (wo paradoxerweise historisch gesehen nie Reben waren) einen echten Weinberg! Gekeltert wird er allerdings nicht mehr in Wollishofen, sondern im Kanton St. Gallen, in einem Keller in Bergis (zwischen Walenstadt und Sargans).



Sebastian Brändli


* Ass.-Nr. 213 (gehört zu Ass.-Nr. 211 (= alt 77 A, Lehenhof Oetenbach, Hausheersches Lehen, ab 1840 Familie Reutlinger)



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