WOLLISHOFER ORTSBILDER
- Sebastian Brändli

- vor 14 Stunden
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Aktualisiert: vor 41 Minuten
«Ortsbild» ist umgangssprachlich ein harmloser Begriff. Er bezeichnet den Eindruck, der ein Betrachter oder eine Betrachterin von einer Siedlung, einem Dorf, einer Häusergruppe, einem «Ort» beim Hinsehen bekommt. Ortsbilder können ländlich, städtisch oder eine Mischung von beiden, «agglomerativ», sein. Die Idee des Schutzes von Ortsbildern stammt wohl aus dem Bestreben, «idyllische» bäuerliche Konfigurationen nicht einfach einer städtisch anmutenden Modernisierung zu opfern; Ortsbildschutz ist damit eng verbunden mit der Idee des «Denkmalschutzes», bei dem es darum geht, erinnerungswürdige Bauten, Zeugen besonders wertvoller alter Architektur zu schützen. Heute gilt «Ortsbildschutz» als technischer Begriff und Teil des Denkmalschutzes; seine Funktionalität ist in Bau- und anderen Gesetzen von Bund und Kantonen im Zusammenhang mit Denkmalschutz und Denkmalpflege definiert.
Historisch ist der Begriff des «Ortsbildes» bzw. dessen Schutz nicht alt, er scheint ein Kind des 20. Jahrhunderts zu sein. Ein früher schweizerischer Beleg findet sich in der Neuen Zürcher Zeitung, wo der Begriff 1907 mit Verweis auf ein preussisches Gesetz verwendet wird. Dieses scheint den Geist des Ortsbildschutzes bereits voll ausgebildet zu haben, sein Titel sprach sich gegen die «Verunstaltung von Ortschaften und landschaftliche hervorragenden Gegenden aus», der Begriff des «Ortsbildes» erscheint in § 1 (NZZ 2.9.1907). In den Anfängen war Ortsbildschutz in der Schweiz einfach ein Teil der «Heimatschutzbewegung» – ein frühes Beispiel war etwa die Idee, die nahe am Rhein gelegene Altstadtgasse in Eglisau gegen die Pläne einer Anhebung des zu stauenden Rheins integral – eben als Ortsbild – zu schützen.
Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS)
Nicht zuletzt um die «Verstädterung» der Schweiz zu verhindern, verstärkte sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Idee des Ortsbildes bzw. dessen Schutz. Obwohl gemäss Bundesverfassung Heimat- und Denkmalschutz im Prinzip eher der kantonalen als der Bundeshoheit untersteht, war die konkrete Innovation des Ortsbildschutzes ein Bundesprojekt, das es erlauben sollte, «in relativ kurzer Zeit für die ganze Schweiz vergleichbare Grundlagen für die Ortsbildpflege zu erhalten», wie sich der Projektleiter Peter Aebi in der NZZ vom 27.10.1978 ausdrückte. Letztlich entstand die Idee zwar bereits in den 1960er Jahren, den konkreten Anfang nahm es aber 1974, als eine Gruppe von «Architekten, Kunsthistorikern und Planern» eingesetzt wurde, die im Auftrag des Bundes ein «Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS)» ausarbeiten sollte.
Beim Bund waren neben der federführenden Dienststelle für Heimatschutz (die bezeichnenderweise bei Eidg. Oberforstinspektorat angesiedelt war) auch der Delegierte für Raumplanung beteiligt. Erste Ergebnisse lagen bereits 1978 vor. Es war die Idee, diese Bestandesliste nach ihrer Erstellung den Gemeinden in der Schweiz zuzustellen mit der Aufforderung, kommunale Unterschutzstellungen und eigene Inventarisierungen daraus abzuleiten. Der erste Band des ISOS-Projektes erschien 1984, die Stadt Zürich erhielt ihre «ISOS-Ergebnisse» allerdings als letzte in der Schweiz – als Entscheid des Bundesrates erst im Jahre 2016!
ISOS in Wollishofen
Allerdings war Zürich schon vorher aktiv, indem seit den 1980er Jahren ein kommunales Inventar aufgebaut wurde. Schon in den 2000er Jahren veröffentlichte die Stadt zehn broschierte Bände, in denen pro Kreis bzw. Quartier die Objekte, die sich im Inventar befanden, als Präsentation für die Öffentlichkeit. Für eine gesamthafte – nicht abschliessende, aber doch gefestigte – Reaktion auf den Schlussentscheid 2016 brauchte die Stadt aber nochmals zehn Jahre. Erst im März 2026, also im vergangenen Frühjahr, fällte der Stadtrat einen Entscheid über eine gesamthafte Inventarergänzung. Diese Ergänzung figuriert im Rahmen des Bundesratsentscheids sowie des «Kantonalen Ortsbildinventars».
Für Wollishofen brachte die Ergänzung 2026 eine starke Zunahme. Das erstaunt nicht, gilt der aktuelle Ortsbildschutz im Stadtquartier am See weniger dem Erhalt des bäuerlichen Wollishofens – dieses ist entweder längst verschwunden, oder bereits unter Schutz. Die Ergänzungen betreffen vielmehr meist Bauten des 20. Jahrhunderts, die erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand, also gegen Ende des Jahrhunderts, in ihrer Erhaltungswürdigkeit erkannt werden konnten.

Planausschnitt Wollishofen Denkmalinventar Zürich 2026.*
An dieser Stelle kann nicht auf die gesamte Wollishofen betreffende Inventarergänzung eingegangen werden. Aber zwei, drei Punkte sollen speziell hervorgehoben werden, die als Wollishofer Spezialität gelten können: die Bezugnahme früher «städtischer» Bauten auf die bäuerliche Tradition Wollishofens, die Rolle der in Wollishofen stark auftretenden «genossenschaftlichen Wohnentwicklung» durch intensive Aktivität von Baugenossenschaften sowie der Umgang mit dem «fehlenden Quartierzentrum» Wollishofens.
Neue «städtische» Bauten nehmen teils Rücksicht auf die vernakuläre Tradition
Für Spekulanten aller Art war die Eingemeindung eine grosse Wette. Sie witterten grosse Geschäfte durch das Umwidmen von Bauernland in Wohnareale, aber es war auch klar, dass nicht jeder Quadratmeter Acker einfach sofort für Wohnzwecke verwendet werden könnte. Ein wichtiger Faktor war die Erschliessung des Landes durch Quartierstrassen – die Wohnbesiedlung den bestehenden Verkehrsachsen entlang war allerdings gegeben. Und so erstaunt es nicht, dass erste Grossbauten an den alten Landstrassen geschaffen wurden, so etwa im «Oberdorf» an der Albisstrasse zwischen Ziegel- und Lettenholzstrasse, oder an der Seestrasse, ein Hotspot auf der Höhe der Einmündung der Haumesserstrasse, ein anderer in der Nähe der 1890 errichteten Roten Fabrik (Greppi-Häuser). Diese im bisherigen Ortsbild unermesslichen Mammutbauten, als Blockrandbauten hart an der Strasse liegend, erregten aber auch den Missmut der lokalen Bevölkerung, was im Quartierverein zum Ausdruck kam. Eine besondere Form der Annäherung der städtischen und der lokalen Quartierbedürfnisse war der Heimatstil. Architekten bemühten sich, nicht nur in Wollishofen, an die lokale Bauart – an die «vernakuläre» Art des Bauens – mindestens ästhetisch anzuschliessen. Besonders gelang dies in Wollishofen dem damals bekannten Architekten «Oberst Ulrich», der – aus einer alten stadtadeligen Familie stammend – ein gutes Gespür für diese Problematik hatte. Sein Prachtwerk am linken Seeufer ist die Überbauung Albisstrasse 20-26. Samt ihren barock anmutenden Gartenhäuschen sind diese Bauten seit März 2026 im kommunalen Denkmalinventar der Stadt Zürich.

Ländlich-sittliches Ortsbild von Architekt Ulrich: Inventarisiert, Albisstrasse 20-26.
Sammlung MZ.
Stark auftretende «Genossenschaftsarchitektur»
Was beim heutigen Betrachten noch immer auffällt, ist die Dichte genossenschaftlicher Bauten in Wollishofen. Diese «lokale Tradition» sollte auch der Ortsbildschutz aufnehmen. Doch wie? Viele der genannten Bauten stammen aus der gleichen Zeit, und unterscheiden sich deshalb stilistisch wenig. Vielleicht ist die Qualität der Bauten je nach Architekt oder BG-Vorstand unterschiedlich, aber wie dies gewichten? Die Inventarergänzung – und das ist der erste Punkt – nimmt diese Frage auf, meines Erachtens überdacht und vorbildlich. Selbstverständlich können nicht alle Genossenschaftsbauten qua Ortsbildschutz erhalten werden – auch die Baugenossenschaften müssen sich baulich entwickeln können. Doch die konkrete Auswahl der Bauten ist nach genauerem Studium wohl als geeignet oder mindestens verständlich zu qualifizieren. Auch hier ist ein gewisser Akzent auf die bäuerliche Tradition zu erkennen, etwa bei der berücksichtigen Siedlung Meisenweg. Aber auch die Qualifizierung des Raindörflis, das sich bereits seit 2023 im Inventar befindet, ist bemerkenswert: mit dem Raindörfli wird eine Siedlung, die dem Ideal der «Gartenstadt» verpflichtet ist, berücksichtigt – eine auch dem Klimawandel entgegenwirkende Entscheidung.

Inventarisiert: Siedlung Meisenweg. 2014. Foto Hanspeter Dudli. BAZ.
«Fehlendes Quartierzentrum» Wollishofens
Am meisten überrascht hat mich die stadträtliche Aufnahme ins kommunale Denkmalinventar von Wollishofer Bauten im Raum Morgental. Doch gerade dort ist besonders auffällig, dass sich das ganze Vorhaben eben am Ortsbildschutz orientiert: Die Qualität der zu schützenden Bauten liegt darin, dass sie dem Ort eine Identität geben, was für das Zusammenleben und das Befinden der Einwohnerschaft eine wichtige Rolle spielt. Betrachtet man ein Foto von Wilhelm Gallas von 1939, welches das Morgental zeigt, wird deutlich, weshalb dieses als Ortsbild Wollishofens attraktiv ist. Zwar ist auf dem Foto noch die alte Wirtschaft, die dem Ort den Namen Morgental übertrug, als abgewirtschaftetes, baufälliges Haus vorhanden. Doch das, was wir heute als Ortsbild Morgental ansehen, ist auch schon fast vollständig vorhanden. Auch hier waren Baugenossenschaften die Treiber, auf der Bergseite die GBZ2, die gemeinnützige Baugenossenschaft Zürich 2, gegründet 1926, mit ihren mächtigen U-förmigen Wohnblöcken und den Ladenlokalen auf den Platz hinaus. Auf der Talseite die Wohnhäuser Albisstrasse 33-41, die von der 1924 gegründeten (heute nicht mehr existierenden) Baugenossenschaft Morgental errichtet wurden – beide wurden übrigens um 1930 fertiggestellt. Während die GBZ2 mit ihrem Hausarchitekt Arnold Huber-Sutter einen eher schnörkellosen Stil bevorzugte, war die BG Morgental aber noch stark dem (damals schon überkommenen) Heimatstil verpflichtet.

Ortsbild Wollishofer Morgental 1939: Alte Wirtschaft,
mächtige Genossenschaftsbauten, Tramstation. Foto: Wilhelm Gallas. BAZ.

Inventarisiert: Ehemalige Baugenossenschaft Morgental, Albisstrasse 33-41, 2026, Foto SB.
Ortsbilder in Wollishofen: Das sind schützenswerte bauliche Situationen, die wichtige Zeugen aus der Baugeschichte Wollishofens sind und auch aesthetische Merkpunkte zur Identifikation mit dem gebauten Wollishofen bilden. Sie helfen, die Gegenwart aus der Vergangenheit heraus zu verstehen.
Eine Anekdote aus der Wollishofer Denkmalgeschichte soll am Schluss stehen. Sie führt uns in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück, als Denkmalschutz noch keineswegs ein generell anerkanntes Staatsziel war. Im Blogbeitrag zu den Wollishofer Restaurants – den «Wollishofer Lustorten» – wurde bereits erzählt, wie es schon früh zum integralen Schutz der Zone um die Alte Kirche kam. Es ging zunächst ums «Bürgli». Ein Investor erkannte anfangs der 1950er Jahre die schöne Lage des Restaurants Bürgli, er erstand das in die Jahre gekommene Etablissement – um es abzureissen und einen Wohnblock zu erstellen. Verkäufer war die Stadt Zürich als Besitzerin, und niemand aus Wollishofen hatte vom Vorhaben erfahren. Das enervierte die Wollishofer Vertreter im Zürcher Gemeinderat; sie forderten von der Stadt unverzüglich den Rückkauf, um das Bürgli – zusammen mit Kirche und Schulhaus – zu einer Denkmalzone (avant la lettre) zu gestalten und damit den Erhalt zu sichern. Parteiübergreifend reichten die Wollishofer Volksvertreter (wohlgemerkt nur Männer) einen diesbezüglichen parlamentarischen Vorstoss ein – und hatten Erfolg! Mit dieser Pioniertat bekannte sich das politische Wollishofen jener Jahre zum bäuerlichen Erbe ebenso wie zum Schutz schützenswerter Ortsbilder. Heute ist die Zone um die Kirche noch immer unter Schutz – trotz geänderter Gesetzeslage –, und wird auch klar als wichtigster Zeuge aus früheren Zeiten betrachtet. Die Zone war aber bis vor kurzem – was den eigentlichen Schutzumfang betrifft – zu klein bemessen. Zum schützenswerten Ortsbild gehören nicht nur die ältesten Bauten, sondern eben auch die etwas jüngeren Baumeisterhäuser sowie die Grünzone um die Grosse Kirche auf der Egg. Dieser Sicht hat sich die jüngste Entscheidung des Stadtrates betreffend Inventarergänzung – mindestens teilweise – angeschlossen: Neu ins Inventar wurden die Baumeisterhäuser Simmlersteig 18 und Kilchbergstrasse 14 aufgenommen.
Das ist gut so. Vielen Dank!
Sebastian Brändli
* Aus der öffentlich zugänglichen Publikation über die Denkmalinventarergänzung. Publikation zum Stadtratsbeschluss als pdf downloadbar unter:




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