WOLLISHOFER LUSTORTE
- Sebastian Brändli

- 5. Nov. 2021
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Juli
- Wie bitte? Wollishofer Nusstorte?
- Nein! Wollishofer Lustorte!
- Was soll das sein?
«Lustorte» in Wollishofen. Damit sei nicht an ein bekanntes Etablissement an der Ecke Mythenquai/Seestrasse erinnert. Mit «Lustorten» sind Orte der Erholung, des Geniessen in moralisch einwandfreier Umgebung gemeint: also Ausflugsrestaurants, Landpensionen, die früher vor den Toren der Stadt Ruhe und gesunde Luft versprachen, so wie zum Beispiel die «Frohalp», also «Restaurant und Pension Frohalp». Das hatte ja Tradition, es sei nur an den Blog Tivoli erinnert, wo Hauptmann Bodmers «Lust- und Wonnhaus» beschrieben wurde!
Eine allgemeine Kulturgeschichte von Restaurants in der Schweiz ist noch nicht geschrieben. Zwar gibt es Einzeldarstellungen über Gasthäuser – von besonders prominenten, zum Beispiel über die Kronenhalle, gibt es besonders viele. Aber über die Restaurants von früher als solche, mit ihren vielen Funktionen und ihrem (fast überall schlechten) Ruf – zumindest, wenn man den Pfarrherren und ihren Klagen über übermässigen Alkoholkonsum Glauben schenken will – nicht. Und leider gibt es auch kaum gute lokalgeschichtliche Darstellungen, zum Beispiel von Wollishofer Restaurants: von Beizen, schicken Lokalen und Ausflugsorten – eben «Lustorten». Hier sei ein kleiner Überblick geboten. Weniger von den «Beizen» des Dorfes im 19. Jahrhundert als von den «auf dem Land» gelegenen Aussichts- und Ausflugsrestaurants.
In dieser Beziehung ist – wie oben geschehen – zuerst die Frohalp zu nennen, die heute völlig vergessen ist. Nur noch die Frohalpstrasse erinnert daran, dass Wollishofen auch eine «Alp» hatte. Sie lag an der Ecke Butzen-/Frohalpstrasse und bot neben dem Restaurant mit grossem Garten auch Gastzimmer an. Es war also auch eine Pension vor der Stadt. In der Zürcher Wochenchronik (24. Juli 1915) wurden früher erschienene Bilder der Stünzihäuser (Blog folgt) kommentiert, wobei es heisst: «Gegenüber dem untern Block liegt das den Ausflüglern wohl bekannte Restaurant Frohalp, schief vom obern Block das neue Waisenhaus Entlisberg.»

Restaurant und Pension Frohalp. Foto J. Wartenweiler. Um 1900.
Sammlung MZ. Gelaufen am 15.9.1904.
Das Frohalp war wichtig für den Nahtourismus der Stadt, war aber auch für die Einheimi-schen eine gute Stube. Das dürfte auch für das Restaurant Höcklerbrücke gegolten haben. Dieses Restaurant war ein Unikum, obwohl auch es sich als Ort der Freude vor den Toren der Stadt entwickelte. Auf der Ansichtskarte ist zu sehen, welche Bedeutung auch bei der Höcklerbrücke dem Garten zugemessen wurde – ein untrügliches Zeichen für Ausflugs-Tourismus. Viel später erlangte die Höcklerbrücke erneute Berühmtheit: wegen des dort stationierten Nachtclubs Dillon’s.
Die Höcklerbrücke selber wurde beim Autobahn-Ausbau mit Westumfahrung «gerettet» und etwas weiter flussaufwärts verschoben. Das Restaurant erhielt indessen keine zweite Chance: Die Häuser Allmendstrasse 73 und 75 wurden 2005 abgerissen.

Restaurant Höcklerbrücke. Edition Photoglob. Sammlung MZ. Nicht gelaufen.
Bis zum heutigen Tag als Restaurant überlebt hat indessen das Ausflugsrestaurant Muggenbühl. Wobei zu unterscheiden ist zwischen oberem und unterem Muggenbühl – das untere, das an der Abzweigung der Thujastrasse von der Mutschellenstrasse stand, steht nicht mehr. Aber das obere Muggenbühl mit Wirt Ernst Bachmann ist nicht nur für Vereine und für Friedhofsbesucher eine gern genutzte Sommer-Fazilität. Wer an einem schönen Sommermittag über den Parkplatz des Muggenbühls schlendert, sieht immer wieder Perlen der Automobilgeschichte – ein Zeichen für die ausgewählten Ausflügler der Muggenbühls.

Muggenbühl bei Zürich. Um 1900. Sammlung MZ. Gelaufen am 9.10.1902.
Zum Muggenbühl schreibt unser Gewährsmann Emil Stauber: «Das Muggenbühl ist zweifellos eine alte Siedlung.» Jedenfalls erscheint es bereits 1634, im ersten Bevöl-kerungsverzeichnis Wollishofens, damals im Besitze des «Rottmeisters» Felix Bleuler. Eine Zeitlang war es später im Besitze von Stadtbürgern. Seit 1767 führte dann die von Hittnau stammende Familie Bosshard den Hof und das Restaurant Muggenbühl – bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts ist es im Besitze der Stadt Zürich. Der Name «Muggenbühl» bezeichnet übrigens tatsächlich ein Bühl mit «Muggen», mit Mücken. Die Allmend mit ihren Nass- und Sumpfgebieten war wohl ein herrlicher Brutort für Insekten aller Art, die halt auch ihren Weg auf die Anhöhe, aufs Muggenbühl, fanden.
Als letztes Etablissement dieser Reihe steht das «Bürgli», das Restaurant Bürgli bei der alten Kirche Wollishofen. Das Bürgli Wollishofen sieht alt-ehrwürdig aus, ist aber im Vergleich zu frühmodernen Tavernen und Gasthöfen jung – aus dem 19. Jahrhundert. Gleichwohl gehört es – wie die alte Kirche zwischen den Siedlungskernen Wollishofens liegend – zum Kernbestand des dörflichen Zentrums. So wurde das Bürgli zusammen mit der alten Kirche als Ensemble zum Kern denkmalschützerischer Bestrebungen der 1950er Jahre, die in der Schutzunterstellung des ganzen Viertels – Kirche, alte Schulhäuser und Bürgli – führte. Damit ist der Kern alt-Wollishofens weder das ehemalige Oberdorf noch das Pendent Unterdorf, sondern eine siedlungsmässig spät eingezonte Sphäre um Rumpump und alte Kirche. Ein Ausflugsziel für Sonntagspromenaden ist das Bürgli heute nicht mehr, wohl aber ein Ort der Geselligkeit und des Feierns. Und natürlich des Guten Essens.

Restaurant zum Bürgli. Wollishofen. Um 1905. E. Schmid, Bürgli.
Sammlung MZ. Gelaufen am 24.11.1907.
Kehren wir zum Schluss nochmals zu den Lustorten Wollishofens zurück: Da darf ein Hinweis auf das «Lusthaus auf dem Freudenberg» nicht fehlen! Freudenberg? In Wollishofen? Die Kantonsschule Freudenberg steht in der Enge, auf dem Areal einer Villa, die Freudenberg hiess. Aber in Wollishofen? Ein Lusthaus? Ja. Völlig vergessen, aber einst ein Versuch, das schöne ländliche Dorf mit Weinbergen kurz nach der bürgerlichen Regeneration von 1830 auch touristisch aufzuwerten. Im Zürcherischen Wochenblatt fand sich am 27. April 1837 nämlich folgender Eintrag: «Indem [ich] Unterzeichneter für das früher auf dem Muggenbühl genossene Zutrauen höflichst danke, verbinde anmit zugleich die Anzeige, daß ich nun die ehemalige Bärische Wirthschaft in Wollishofen mit einem Speisepatent von dem jetzigen Eigenthümer übernommen. Die schöne Aussicht auf dem Lusthaus zum Freudenberg, so wie die Versicherung reinlicher, billiger und pünktlicher Bedienung, lassen mich auf einen zahlreichen Zuspruch hoffen. Der sich höflich empfehlende Jakob Weber.»
Auch der in Wollishofer Gastronomiegeschichte geübte Autor war nach Lektüre dieser kryptischen Annonce zunächst ratlos. Unklar war jedenfalls, aus welcher Familie der inserierende Jakob Weber stammte. Dann war unklar, welcher «Bär» bei der «Bärischen Wirtschaft» aktiv war. Dann wo diese Wirtschaft gestanden haben soll, wo sich also der Wollishofer Freudenberg befunden haben könnte. Klar wurde nur, dass Weber sich vorher im Muggenbühl als Pächter verdient gemacht hatte. Beginnen wir also bei den Personen: Der gesuchte Jakob (Jacob) Weber wurde gefunden; er stammte von den Webern im Rain ab, wurde 1770 geboren, bildete sich zunächst als Metzgerknecht aus und arbeitete in Zürich. Er verheiratete sich 1807, wurde 1810 «Wirth» im Muggenbühl und amtete auch als «Gemeindrath» (alles gemäss Bürgerverzeichnis 1799 im Stadtarchiv). Im gleichen Dokument findet sich auch der Hinweis auf den Bürger Bär, der spätestens seit 1799 auf der «mittleren Mutschelle» wohnte – als Tochtermann nach Wollishofen gekommen. Von ihm ist 1832 ein Gesuch aktenkundig, auf diesem Hof, wo bisher eine Weinschenke bewilligt war, eine regelrechte Tavernenwirtschaft einzurichten. Der Regierungsrat wies das Gesuch 1833 aber ab.
Doch die mittlere Mutschelle führt uns zum Wollishofer Freudenberg. Denn in seiner Ortsgeschichte (Tafel 12, Bild 4) bringt Emil Stauber den Begriff «Freudenberg» für den Hügel, auf dem sich die heutige Schürwies und die Etzelstrasse befinden. Hier war offenbar einst - für relativ kurze Zeit - ein «Lusthaus» in Betrieb: Eine Garten- oder Sommerfrische, welche Weinschenk Bär und später Wirt Jakob Weber betrieben, und letzterer 1837 sein Lusthaus den Kunden mittels Annonce in der Zeitung anpries.
Sachen gibt's!!
Sebastian Brändli




Kommentare