ALBERTS TAGEBUCH
- Sebastian Brändli

- vor 2 Stunden
- 8 Min. Lesezeit
Am 26. Juni 1852 kam im Haumesser in Wollishofen Rudolf Albert Hausheer als Sohn von Landwirt und Schulverwalter Heinrich Hausheer und Anna Barbara Bockhorn zur Welt. Der Pfarrer notierte die beiden Vornamen säuberlich ins Taufbuch der Gemeinde, der Erstname Rudolf gab als häufig vorkommender, altzürcherischer Vorname möglicherweise Anlass zu Verwechslungen, sodass der Junge wohl schon als Kind, jedenfalls später fast immer Albert genannt wurde. Wollipedia-Leserinnen und -Leser kennen Albert Hausheer (1852-1935) längst, denn im Blogbeitrag über die HAUSHEER wurde über seine Geschichte resp. über die Geschichte des Familienzweigs im Haumesser schon berichtet, und dies auch im Beitrag über Ur-Frömmigkeit. Kaum beachtet wurde damals, beim Erarbeiten der früheren Blogbeiträge, eine wichtige Quelle, die wir Albert verdanken: ein Tagebuch. Es handelt sich zwar nicht um ein übliches Notizbuch, das private Ereignisse und Herausforderungen, Empfindungen – Hoffnungen und Ängste – enthält. Aber es ist ein Journal, eine Ansammlung von täglichen Begebenheiten, die wir grob als wirtschaftlich bezeichnen können. Albert dürfte zwar eine Buchhaltung geführt haben, aber keine sehr ausführliche. Oder anders gesagt: das Tagebuch ist wie eine Buchhaltung, mindestens was die geschilderten Aufträge und Ausleihen, die entschädigt werden wollten, angeht. Albert führte Buch über sein Leben, vor allem über sein Geschäftsleben.

Albert Hausheer und sein Pferd Fanny, um 1930. Privatbesitz.
Für den Historiker, der sich mit der Geschichte Wollishofens befasst, ist das Tagebuch Gold wert. Es hält viel Alltägliches fest, teils sehr detailliert, das man sonst nicht weiss. Oft sind genaue Termine, Geschäftspartner und auch der Preis vermerkt. Ebenso werden Gänge zum Notariat oder zur Bank vermerkt, und vieles anderes mehr. Was das Tagebuch aber eindeutig nicht enthält, sind persönliche Bemerkungen zu Familie und Lebenswelt, keine Urteile, aber auch keine Gefühle. In diesem Sinne ist es eben kein «richtiges» Tagebuch, sondern eher ein «Journal». Wir bleiben indes beim Begriff «Tagebuch», weil jeder Tag vorkommt, und weil wir ja definiert haben, was wir darunter verstehen wollen.
Ein kleines Kränzchen möchte ich noch Alberts jüngstem Enkel Ernst widmen, einem Ur-Wollishofer, der im Raindörfli und an der Staubstrasse aufgewachsen ist und zeitlebens hier gewohnt hat, bis er fürs Alter in eine Residenz ausserhalb Wollishofens gezogen ist. Er verstarb vor wenigen Jahren als 101jähriger. Er hat die Originalbände von seiner Mutter, der Tochter von Albert Hausheer, Amalie, geerbt und gehütet, und nicht nur das: auch transkribiert. Grosse Arbeit! Chapeau! Das Transkript liegt heute auch im Ortsmuseum Wollishofen. Es umfasst alle Tagebücher; diese betreffen die Jahre 1899-1920 (mit einigen Unterbrüchen).
Wie Albert zum Baumeisterhaus Simmlersteig 18 kam
Wie bereits im Blogbeitrag über die Hausheeren notiert wurde, hatte Albert zwei Brüder, also wären drei Söhne für die Übernahme des väterlichen Bauernbetriebs im Haumesser zur Verfügung gestanden. Der Hof hätte aber nicht drei Familien ernähren können. Kam dazu, dass der Vater den Hof als Bürgschaft für einen Freund verpfändet hatte, und es beinahe zum Verlust desselben gekommen wäre. Albert verlor dann übers Los seinen Anspruch auf den Hof, erbte aber dennoch einiges, insbesondere auch einiges an Land, das mit der Entwicklung zum Stadtquartier Wollishofen an Wert gewann. Obwohl vom Los benachteiligt, brachte das Familienschicksal keine Armut über den jungen Mann, der 1889 die vier Jahre jüngere Amalie Vonrüti (1856-1943) von Boppelsen geheiratet hatte. Zuerst wohnte man noch im Haumesser, die Kinder kamen ja erst nach und nach. Aber schon bald suchte Albert ein eigenes Zuhause, eine Liegenschaft, die er sich mit seinem Vermögen leisten konnte. Und just zu dieser Frage bringt das Tagebuch interessante Detailinformationen, über die wir bei anderen Handwechseln kaum verfügen.
Albert wollte in Wollishofen bleiben. Über die Suche nach einem neuen Zuhause sind wir über das Tagebuch einigermassen gut informiert. Erste Hinweise gibt es schon 1899: In diesem Jahr wird im September erstmals Interesse an einer Liegenschaft an der Lettenholzstrasse sichtbar; es handelte sich um ein 1895 auf dem Land von Landwirt Johannes Honegger erbautes, einfaches Mehrfamilienhaus. Albert notiert; «in die Kanzlei», d.h. zum Notar, um dort zu erfahren, dass sich das Anwesen neu im Besitze von J. Weber-Meier an der Josefstrasse befinde; Albert sucht diesen in der Folge auf, doch Weber-Meier forderte 33'000 Franken, was Albert ablehnte. Im Oktober interessierte er sich auch für «Land an der Bellariastrasse», das auf einer Gant versteigert werden sollte. Aber auch das Interesse an der Lettenholzstrasse blieb, er notierte eine Gant 1901, die allerdings ohne Erfolg blieb.
Im Sommer 1902 notiert Albert erneut: «Ging auf das Notariat Enge. Fragte an wegen Honeggerschen Liegenschaft an der Lettenholzstrasse.» Offenbar besteht eine Chance, das Anwesen ohne erneute Versteigerung zu erhalten: «Gehe auf das Notariat Enge. Dieses macht Aussicht, dass die Honeggersche Liegenschaft um 28’000 Frk. samt zirka 2 Juchart Wiesland vielleicht unter der Hand verkauft werden könne.» Alberts Angebot war aber offenbar ungenügend – nicht zuletzt auf Rat seiner Freunde –, so dass ein Liegenschaftsspekulant namens Moos* das Gut erwarb, der es baldmöglichst einem Handwerker weiterverkaufte. Damit verschwindet die Lettenholz-Sache aus dem Tagebuch.
Lettenholzstrasse 38, rechts Tannenrauchstrasse 8 (Simmlersteig 18) (Fotos SB 2021)
Nun widmete Albert seine Aufmerksamkeit der Liegenschaft Tannenrauchstrasse 8; dabei handelte es sich um das oberste von ehemals drei Baumeisterhäusern, heutige Adresse Simmlersteig 18. Erbaut ebenfalls 1895 – Architekt war Baumeister Dangel –, gehörte es bald dem Landwirt Kaspar Asper, der zuvor im Hof Tannenrauch gewohnt hatte. Als Kaspar starb, wohl anfangs 1903, wurde klar, dass seine Witwe in Verbindung mit den Erben das Haus nicht halten konnte oder wollte. Albert hatte eine gute Nase und schritt zur Tat. Am 14.10.1903 schreibt er: «Frage Frau Asper im Tannenrauch an wegen Verkauf ihrer Liegenschaft. Sie will sich mit den Töchtern darüber besinnen.» Die Aussprache mit den Töchtern verlief offenbar positiv, denn schon 10 Tage darauf folgt der Eintrag (22.10.1903): «Amalie frägt Familie Asper im Tannenrauch an wegen Verkauf ihrer Liegenschaft. Sie verlangen 55 000 Frk. Gehe abends noch zu Familie Asper, besichtige die Wohnung & den Keller. Mache ein Angebot von 52.500 Frk. Will aber, wenn die Abzugsverhältnisse des Wassers im Keller & Waschhaus ungünstige sind, nur 50.000 Frk. bezahlen.» Trotz negativem Resultat bei den Erkundigungen betr. Keller willigte Albert schon am 23. Oktober 1903 in den Kauf um den geforderten Preis ein. Innert weniger als einem Monat wurde der Kauf abgewickelt, von der Anfrage über die notarielle Fertigung, die am 4. November stattfinden konnte: «Ging auf das Notariat Enge. Der Kauf mit Familie Asper wurde gefertigt. Die Anzahlung betrug 32'500 Fr.. Die Hälfte der Kanzleikosten betrug 165 Frk. Trinkgeld 10 Frk.» Und am 17.12. besiegelt er einen Schuldbrief von 20'000 Frk. zu Gunsten der Erben des Kasp. Asper. Damit war der Umzug vom Haumesser an die damalige Tannenrauchstrasse, heute Simmlersteig, beschlossene Sache.
Was war Albert von Beruf? Was waren seine Aktivitäten für den Lebensunterhalt?
In der Gründungsgeschichte des Quartiervereins Wollishofen liess ich auch Albert Hausheer auftreten und bezeichnete ihn als «Obstbauer, Fuhrmann und Forstwirt».** Er selber sah sich als Landwirt, auch wenn er – anders als sein Vater – keinen klassischen Hof mehr betrieb. Sein Umzug ins «Tannenrauch» war ja auch durch den Anspruch des Bruders auf den heimischen Bauernbetrieb bedingt. Wie gesagt, Albert war deswegen aber nicht mittellos. Er verfügte vielmehr über ein rechtes Kapital, er lieh Nachbarn und Freunde auch Kredite, deren Zinserträge er im Tagebuch häufig registriert. Den Hauskauf 1903 konnte er sich leisten. Die Anzahlung von ca. 30'000 Franken zahlte er bar. Überhaupt macht es den Anschein, dass Albert sein Vermögen intensiv verwaltete, Bekannten auch kleine Kredite gewährte, nie Geld brach liegen lassen wollte. Aber er schreckte auch nicht davor zurück, bei Bedarf Geld zurückzufordern. So notierte er etwa die Kündigung eines Kredits, den er dem Seidenfabrikanten Bernhard Weber-Kölliker gegeben hatte (18'000 Franken). So viel zur Geldseite seiner Existenz.
Seine tägliche Arbeit war aber die eines Landwirts, eines Gärtners, eines Pferdausleihers, eines Wein- und Mosthändlers – und vor allem eines Forstwirts. Er war selber Waldbesitzer im Entlisberg, und er besass auch Wiesland, das er instandhalten und regelmässig mähen musste. Dazu gibt es unzählige Berichte und Notizen. Ich möchte hier einiges zu folgenden Themen zitieren:
Wie Albert das Tannenrauch in Schuss bringt
Welches sein wichtigstes Gebäude am Tannenrauch war
Wie Albert sein Weingeschäft organisiert
Wie Albert das Tannenrauch in Schuss bringt: Es ist rührend zu sehen, wie schnell die Verantwortung für das «Tannenrauch», wie der neue Wohn- und Lebensort immer genannt wird, auf den neuen Besitzer übergeht. Sogleich nach dem Termin im Notariat – die Aspers wohnen weiterhin dort – fängt Albert an, im Tannenrauch Ordnung zu machen. Seine Ordnung. Das erste richtige Geschäft: ein Dolendeckel, zur Abdeckung der Jauchegrube, den er bei der Firma Pestalozzi & Comp. kauft. Dann das Pflanzen eigener Bäume. Am 23. November fragt er Vetter Welti, ob er mit ihm nach Dielsdorf komme, «um Bäume zu holen». Tags darauf dann: «Fahre nach Dielsdorf, hole Bäume bei Gärtner Hug.» Er pflanzt diese darauf am neuen Ort ein, auch «wirft [er] den Compost aus der Mistgrube» – vieles unter Mithilfe des Bruders. Es wird schnell klar, was er vorhat: Das Tannenrauch soll kein normaler Bauernbetrieb werden, sondern vor allem einige Spezialitäten befördern. Im Umfeld des Hauses ist der Garten wichtig, aber vor allem auch die Scheune.

Die Scheune an der (damallgen) Tannenrauchstrasse – Alberts wichtigster Produktionsort. 1932 abgebrochen. Privatbesitz.
Welches sein wichtigstes Gebäude am Tannenrauch war? Eben die Scheune. Schon am 23.10. «Besichtige bei Familie Asper die Scheune.» Und am 11.11.: «Ging mit dem Bruder in den Tannenrauch, besichtigen die Scheune.» Die Scheune ist wichtigster Arbeitsort für den Agro-Multifunktionär, aber sie ist reparaturbedürftig. Albert nimmt die Arbeiten umgehend in die Hand, und findet in «Zimmermann Werner»*** einen Handwerker, der ihm hilft – natürlich gegen Bezahlung. Es gilt nicht nur, das Dach neu zu decken, es werden auch Umbauten vorgenommen, so etwa die Notiz vom 2.12.1903: «Breche den Heudieleboden in der Tannenrauchscheune ab. 2 Maurer versetzen die Barlucke & das Stallfenster.» Der Dielenboden wird nachher wieder mit neuem Holz aufgebaut.

Amalie Hausheer-Vonrüti beim Heuen in der Lochen beim Entlisberg. Um 1900.
Privatbesitz.
Die Reben und der Wein spielten für Albert von jeher eine grosse Rolle. Und das blieb auch nach dem Umzug ins Tannenrauch so. Grundlage war die eigene Arbeit in den eigenen Reben. Oft macht er diese mit seinem Bruder, auch behält er den Anteil an der ererbten Trotte. Die Einträge über Arbeit in den Reben sind unzählbar. Genau 617 Treffer für «Reben» findet das Suchprogramm im Tagebuch: «Reben karsten», «Reben ausziehen», «Reben hacken», «Mist in die Reben führen», «Bohnenstickel in die Reben getragen & gestickelt», «Reben scharren», «Reben anbinden», «Reben läubeln», oder auch «Reben lauben»: die Art der Bearbeitung der Reben ist mannigfaltig, die Arbeit mühsam und gewaltig. Doch auch die Ernte ist nicht nur Freude, sondern nochmals Arbeit, so am 16.10.1899: «Geherbstet 36 Ztr 84 Pfund Trauben gewimmet.» Es scheint aber, dass er nicht nur seinen eigenen Wein organisiert: er macht auch einen regen Wein- und Mosthandel auf. So kauft er aus Boppelsen, der Heimatgemeinde seiner Frau, 1899 ein grosses Quantum ab («4 Saum à 54 Franken»).
Direkt verwandt mit dem Weinbau ist die Arbeit mit Obst und Most. Immer im Herbst wird geerntet und gepresst. Ob Albert auch angekauftes Obst presst? Es ist anzunehmen. Auf jeden Fall werden grosse Mengen verkauft. So etwa im Juli 1899, wo im Tagebuch steht: «Dem Hiestand im Hirschen 100 Liter Most gebracht.». Oder nochmals, im gleichen Monat: «Gärtner Maag bestellt 800 Liter Most auf Ende dieser Woche.» Beide Bestellungen wurden innert weniger Tage bezahlt – was natürlich auch wieder notiert wurde.
Natürlich gäbe es noch viel aus Alberts Geschäftsleben als «Kombi-Landwirt und Handel mit Lebenswaren» zu erzählen. Für heute aber soll Schluss sein. Im nächsten Beitrag zu Alberts Tagebuch werden wir versuchen, seine Freunde und engsten Bezugspersonen zu eruieren. Auch sollen seine gesellschaftlichen «Verpflichtungen» zu diesem Thema gehören.
Sebastian Brändli
* Wilhelm Moos-Weil, von Gailingen, wirkte in Zürich als Liegenschaftenhändler. Wie erfolgreich er war, ist schwer abzuschätzen, seine oftmals spekulativen Geschäfte führten offensichtlich auch auf krumme Wege, so wurde er 1901 gar «wegen bedeutenden Pfandunterschlagungen» verhaftet. Später war er wieder im Geschäft, wurde bei Problemen in der NZN einmal auch als «Gross-Güterspekulant» bezeichnet. Als er 1914 starb, löste eine «konkursrechtliche Nachlass-Liquidation» die Firma auf, die erst 1922 abgeschlossen werden konnte.
** Sebastian Brändli. Stetes Pflügen für ein lebenswertes Wollishofen – über die Anfänge des 125-jährigen Quartiervereins Wollishofen. Zürich 2025.
*** Wohl Jakob Werner, Zimmermeister, Mutschellenstrasse 113.








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