HAUSHEER

Aktualisiert: 8. Aug.

Die «Hausheeren» waren in der frühen Neuzeit eine typische Wollishofer Familie. Ja, man könnte fast meinen, die Familie sei eine Wollishofer USP (unique selling position) gewesen, war das Geschlecht doch hier am See sehr zahlreich, anderswo aber fast nicht anzutreffen. In Wollishofen stellten die Hausheeren eine Zeitlang zusammen mit den Familien Asper in etwa die Hälfte aller Familienvorstände. Während die Asper aber schon früh auch Bürger der Stadt Zürich waren, blieben die Hausheeren Wollishofer Bauern – teils bis tief ins 20. Jahrhundert hinein.


Erste Erwähnungen


Die ersten aktenkundigen Vertreter dieses Geschlechts finden sich allerdings nicht in Wollishofen. In der Bro­schüre der ZKB über die Zürcher Familiennamen (1994) wird ein erster «Hausheer» genannt, der 1357 am Zürcher Rennweg gewohnt haben soll: «Chueni Husherr». Ein zweiter – «Walther Husherre» – war zwar 1369 Pfründer des Marienaltars von Kilchberg; er dürfte aber in Bremgarten (AG) gelebt haben. 1435 rückt das Ge­schlecht schon Richtung Seegemeinde: in einer Urkunde im Staatsarchiv tritt ein «Heiny Husher an der Bleichy» als Zeuge einer Grenzbereinigung auf.* Dieser Heiny wohnte im Gebiet des Bleicherwegs, also zwar nicht in der Gemeinde Wollishofen, aber bereits in der Obervogtei. Dabei dürfte es sich um den gleichen Heini gehandelt haben, der in den Zürcher Steuerbüchern des frühen 15. Jahrhunderts im «Münsterhof, vor dem Tor» verzeichnet ist. 1408 zahlte dieser zusammen mit seiner Frau, «mit sin wip», 5 Schilling, 1410 allein deren drei, 1417 wieder 5 Schilling an Steuern. Es ist gut möglich, dass «Heiny» Ahnherr der Wollishofer Hausheeren ist. Jedenfalls erscheint in einer Urkunde im Stadtarchiv 1492 ein erster Wollis­hofer Hausheer: «Konrad Hausheer zu Wollishofen» verkaufte dem Prior des Augustinerklosters einen Jahreszins.**


Eine gute Quelle für die Verortung von Geschlechtern im Alten Zürich ist die Ehedatenbank des Staatsarchivs.* Dort sind alle Heiraten aus den Zürcher Kirchenbüchern verzeichnet. Als erste Verehelichung eines Hausheers in der Pfarrei Kilchberg, wozu Wollishofen gehörte, findet sich da ein Beat Hausheer, der 1541 Katharina Widmer in Kilchberg zur Frau nahm. Diese Zuordnung des Geschlechts zu Kilchberg ist fast sicher eine Zuordnung zu Wollishofen. Und Beat war nur ein «erster Fall», die Datenbank weist in der Folge im 16. Jahrhundert weitere «Kilchberger» Hausheeren aus – sowohl Männer als auch Frauen. Erster Bräutigam, der unzweifelhaft als Wollishofer gekennzeichnet ist, ist Rudolf Hausheer, der 1592 Elisabeth Bleuler heiratete: er wird als von der «Erdbrust», sie von «Wollishofen» her stammend bezeichnet.


Ein toller Tag dürfte der 1. August 1543 in Wollishofen gewesen sein: Damals heirateten zwei Hausheeren zwei Frauen aus der Familie der Hottinger: Jakob heiratete Anna, Hans Verena. Eine zünftige Doppelhochzeit!!


Eintrag Bevölkerungsverzeichnis 1634: Nr. 59 Hans Rudolf Hausheer, Barbel Vollenweiderin.

Staatsarchiv Zürich, E II 700.62.


Eine erste Übersicht über die Familien Hausheer findet sich im Bevölkerungsverzeichnis von 1634.* Dort sind neun Familienväter mit Namen Hausheer aufzufinden. Diese neun hiessen mit Vornamen: Heinrich, Paulus, Uli, Jagli, Balthasar, Hans Erhart, Rudolf, Caspar und Hans Rudolf – alles mehr oder minder traditionelle Zürcher Männervornamen jener Zeit. Ob alle neun von einem zugezogenen Landmann namens Hausheer abstammen, ist nicht gesichert, aber möglich. Verfolgten wir die These weiter, dass «Heini von der Bleichi» bzw. ein Sohn von ihm Ahnherr gewesen sei, und nehmen wir als Dauer einer Generation 25 Jahre an, so wären die Familien 1634 bereits die 7. Generation nach dem Ahnherrn, die in Wollishofen sesshaft waren! Also verwandt, aber teils bereits recht entfernt verwandt.


Nehmen wir zwei Einträge von 1634 besonders unter die Lupe! Der 1598 geborene Hans Rudolf Hausheer, verheiratet mit Barbara Vollenweider («Barbel Vollenweiderin»), lebte in der Erdbrust, gemeinsam hatten sie drei Kinder: Paulus, Barbeli, Hans Rudolf. Der Hausvater war ein Ehrenmann, wie sich gleich noch zeigen wird. – Eine zweite Familie des Verzeichnisses 1634 wohnte im Weiler «auf dem Rain»: Paulus Hausheer und Verena Zellerin dürften im Haus Rainstrasse 6 gewohnt haben, sie hatten aber nur eine Tochter, Regula – keine Söhne. So ging es rauf und runter. Die eine Familie blieb nachweislich über Jahrzehnte in der Erdbrust wohnen, andere Familienzweige zügelten, einzelne starben auch – ohne Söhne – aus.


Hausheeren in Ehren...


Insgesamt dehnten sich im 17. Jahrhundert Familien Hausheer aber weiter aus. Alle dürften grundsätzlich in der Landwirtschaft tätig gewesen sein. Wenige kamen auch zu Reichtum, einzelne ragten gar aus der Dorfgemeinschaft heraus, so etwa waren im 17. Jh. über weite Strecken Vertreter des Geschlechts Untervögte – also sozusagen Gemeindepräsidenten. Es ist zum Beispiel ein Dokument erhalten, ebenfalls aus dem Jahre 1634, das einen Rudolf Hausheer als «Sohn des verstorbenen Untervogts Hausheer von Wollishofen» nennt. Wir haben gesehen, dass 1634 nur zwei Familienoberhäupter Hausheer Rudolf hiessen, so darf angenommen werden, dass es sich bei «Rudolf» um den oben geschilderten von der Erdbrust handelte.* Hans Rudolf Hausheer trat 1673 altershalber vom Amt zurück, und starb 1676, im hohen Alter von 78 Jahren. 1680 ist erneut ein Untervogt Hausheer bezeugt: Hans Caspar war sein Name, er dürfte Sohn von Rudolf gewesen sein (*1655).


Im 18. Jahrhundert sind Hausheeren als Schulmeister und als Ärzte, sog. «Landchirurgen», belegt. Paulus Hausheer, geboren 1649, Schulmeister, aus der Untervogtsdynastie, starb zwar schon 1711. Doch auch Ende des 18. Jahrhunderts ist nochmals ein Hausheer Schulmeister. Und Ärzte dieses Namens gab es spätestens seit 1750 mehrere. In einer Umfrage 1782 gab der Pfarrer als Ärzte Wollishofens an: «Kilchmeier Jacob Hausheer, nat. 1729, und sein Sohn Hs Jac. Hausheer nat 1756. Beide verständige sorgfältige Männer. Der Sohn hatte zu Strassburg studirt, und bey schweren Fällen hohlt er eben bey Hrn Dr. Rahn Rath und Anweisung.»* Der Sohn lebte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Und ein nicht näher verwandter Namensvetter war Dr. Wilhelm Hausheer, 1800-1870, der im bürgerlichen Zürich Kantonsrat war (1846-1854). Alle drei Ärzte waren auch Mitglied der Bürgerlichen Abendgesellschaft Wollishofens!


Überliefert ist auch ein Wappen der Hausheer! Ob es alt ist, d.h. vor 1800 belegt ist, ist nicht bekannt. Das folgende schöne und schön gerahmte Wappen stammt aus dem Besitz der Hausheer aus dem Haumesser.


Familienwappen Hausheer. In Wollishofer Privatbesitz.***


...und in Schande


Dass nicht alle Hausheeren wirtschaftlich und sozial Glück hatten, sei mit zwei weiteren Anekdoten belegt. So schrieb etwa Pfarrer Schmutz 1746, dass Cleophea Köchli ihm klage, ihr Mann, Heinrich Hausheer «hause übel»; er sitze «in Gesellen-, Schund- und Wirtshäusern», wo er «esse, trinke, spihle, die Zeit versäume, übel anwende, offt ganze Tage und Nächte ausbleibe.»** Trotz vehementem Eingreifen des Pfarrers änderte sich das nicht. Das Problem blieb zum Ende des Pfarramtes bestehen. – Noch berühmter wurde ein weiterer Hausheeren-Fall: So kann man in der Zürcher Chronik lesen, dass am 1. November 1804 «der erst 20 Jahr alte Wilhelm Hausheer von Wollishofen, Wagner, wegen Ermordung einer Weibsperson mit dem Schwert hingerichtet» worden sei. Sowohl die Rede des Pfarrers als auch die «Justizgeschichte» Hausheers wurden in Broschüren publiziert und sind erhalten! – So tief konnten also auch die Hausheeren, die sonst so redlich und fleissig erscheinen, sinken.


19. Jahrhundert und später


Auch im 19. Jahrhundert waren die Hausheeren noch aktiv in Wirtschaft und Gemeinde. Neben dem bereits erwähnten Arzt Wilhelm Hausheer ist in dieser Hinsicht noch vom langjährigen Gemeindepräsidenten Kaspar Hausheer zu berichten, über den die NZZ anlässlich seines Hinschieds 1856 schrieb: «Der jüngsthin verstorbene Hr. alt Gemeindspräsident Kaspar Hausheer von Wollishofen, ein Mann der strengen Schule, durch hellen Verstand, verbunden mit Biederkeit vortheilhaft ausgezeichnet, dabei unermüdlich fleissig, sparsam, mässig, hat für Armen- und Schulzwecke seiner Heimatgemeinde die ansehnliche Summe von 500 Frk. vergabt. Sein Andenken wird im Segen bleiben.»


Haumesser 22 mit Familie J.J. Hausheer. Um 1900. Fotograf unbekannt. Privatbesitz***.


Hausheer-Huber vom Haumesser


Der Ahnherr der Hausheer-Huber-Familie war Heinrich Hausheer, geboren 1776, der 1811 Barbara Huber von Dielsdorf heiratete. Das Paar wohnte im Haumesser und hatte vier Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten. Hier interessiert sein letztgeborener Sohn Heinrich Hausheer, geb. 1823, der 1851 Barbara Bockhorn von Pfäffikon ZH heiratete. Von ihm weiss man, dass er sein Haumesser-Gut als Pfand für einen Freund stellte – und verlor: Er musste das Haus verkaufen, um die Schuld des Freundes zu bezahlen. Seine inzwischen erwachsenen drei Söhne Albert, Joh. Jakob und Joh. Heinrich taten sich indes zusammen und kauften dem Vater das Haus gemeinsam ab. Doch das Anwesen genügte nicht, um drei Familien zu ernähren. Nachdem der mittlere Bruder Jakob (*1853) Barbara Hausheer von nebenan (vom Weinberg) geheiratet hatte und deshalb ausbezahlt wurde, bestimmten die beiden verbliebenen Brüder mit Los, wer der Nutzniesser sein sollte: Das Schicksal wählte den jüngsten Bruder: Heinrich (*1854). Dieser blieb im Haus, verstarb aber bald und hatte keine Söhne mit männlichen Nachkommen, weshalb sich der Name Hausheer verlor.


Der älteste Sohn Albert (*1852) musste durch den Losentscheid zwar das Haus im Haumesser räumen, er blieb aber in Wollishofen, denn er besass weiterhin eine Scheune und einige Stücke Land. So blieb er Wollishofer als Obstbauer – und er schaffte es, sich und seiner Familie ein neues Heim, ein Haus im Oberdorf, zu erstehen: Neben der alten Kirche waren kurz vor der Jahrhundertwende, um 1895, drei sog. Baumeisterhäuser erbaut worden, heute am Simmlersteig gelegen. Albert kaufte Simmlersteig 18 und zog mit Ehefrau Amalie Vonrüti und den drei Töchtern Emma, Bertha und Amalie ins Dorf hinauf. Diese Geschichte kennen wir – mindestens teilweise – bereits vom Blog über den Haumesser. Doch auch hier: Mit drei Töchtern verlor sich der Name Hausheer auch am Simmlersteig.


Emma und Otto Wettstein-Hausheer (aus dem privaten Familienalbum). Privatbesitz***.


Die älteste Tochter, Emma, heiratete 1915 den Sekundarlehrer und Geograph Dr. Otto Wettstein, der im Simmlersteig einzog, und im Hans-Asper-Schulhaus unterrichtete. Das ganze Haus Simmlersteig 18 – ein Dreifamilienhaus – war im Besitze von Albert Hausheer gewesen, es ging über an die Tochter Emma und die Wettsteins, der Name Hausheer verlor sich auch hier nach Ableben von Emma vollständig.


So kommt es, dass von der grossen Hausheeren-Sippe in Wollishofen, die einst einen gehörigen Anteil an Wollishofen hatte, mit der Zeit, auf jeden Fall nach Eingemeindung und Beginn des 20. Jahrhunderts, bis heute nichts mehr erhalten geblieben ist. Sucht man heute auf telsearch den Namen Hausheer in Wollishofen – man wird kaum mehr fündig! Ein einziger Eintrag!


Tempi passati!



(SB)

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* Fundstellen im Staatsarchiv Zürich: H I 156; Ehedatenbank in Katalog integriert; E II 700.57; A 120; E IV 10 (Zürichsee)

** Fundstellen im Stadtarchiv: I.A.4233; Tagebuch Pfarrer Schmutz VI.WO.C.4.c.

*** Unterlagen Familie Hausheer-Huber in Privatbesitz.

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