WO ZÜRCHER SCHIFFE RUHEN
- Ursula Hänni
- vor 11 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Wollishofen und der See – ein wichtiges Nebeneinander und Miteinander, über das wir schon mehrfach berichtet haben. Im Beitrag DAMPFSCHWALBE beschreibt Sebastian Brändli die ersten dampfgetriebenen Schiffe mit dazugehörigen Wollishofer Haltestellen. Die heutige, prominente und grosse Werft – eine echte Wollishofer Sehenswürdigkeit – wird dabei nur kurz gestreift. Ihrer Geschichte mit Bildern gehört nun dieser Beitrag!

Werft mit Dampfschiffen, Foto ca. 1923. Sammlung MZ
Ab 1835 fuhren erste Dampfschiffe auf dem Zürichsee, damals für die «Zürich-Wallensee-Gesellschaft». Die Nordostbahngesellschaft NOB, Besitzerin der linksufrigen Eisenbahn, übernahm 1874 den gesamten Schiffspark auf dem Zürichsee – wurde somit gewissermassen zu einem Gemischtwarenladen punkto Verkehrsmittel. Weshalb die NOB? Weil die Bahn die Konkurrenz des Schiffverkehrs damals noch fürchtete. Der Siegeszug der Bahn war nicht gottgegeben!
Neu ab 1880: Werft Wollishofen
Der Bau der Eisenbahnlinie am linken Seeufer löste eine Welle von Landanlagegesuchen aus. Das grösste war ein Gesuch der NOB selbst, die ab 1878 ihre Dampfschiff-Werft auf neu gewonnenem Land zu erstellen begann und 1880 die bestehende Schiffswerft von Riesbach nach Wollishofen in die fertiggstellten Gebäude verlegte.*

Aufgeschüttetes Land neben der Werft. So dürfte es auch ausgesehen haben, als 40 Jahre zuvor das Land für die Werft dem See abgetrotzt wurde! Foto 1927 BAZ
Alle Zürichseeschiffe am Standort Wolllishofen
Mit der Entstehung der SBB gingen alle Schiffe der bisherigen NOB dann aber 1902 in den Besitz der Zürcher Dampfboot-Aktien-Gesellschaft über: Diese war 1891 als kleine Lokal-Schiffgesellschaft gegründet worden und bot Pendelfahrten – auch nach Wollishofen – an. Sie hatte ihre Werft damals in Kilchberg, in der ehemaligen Hutfabrik Schooren. Mit dem grossen Wechsel resp. der Zusammenlegung 1902 verfügte die ehemals kleine ZDG mit einem Schlag über die gesamte Schiffsflotte des Zürichsees, d.h. 19 Schiffe! Inklusive Werft-Gelände in Zürich-Wollishofen mit verschiedenen Gebäuden. Anlässlich der Einweihung des Raddampfers «Stadt Zürich» im Jahre 1909 wurde in den Reden auf diese Vorgeschichte hingewiesen. Betont wurde, wie prekär die Gründung einer eigenen Schiffahrtsgesellschaft, ohne Kombination mit der Bahn, gewesen war. Der damalige Verwaltungsratspräsident, Kantonsrat Brunner-Vogt, meinte, die neue Gesellschaft habe «fast seit ihrer Gründung mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen» gehabt, was er auf die «Konkurrenz der beiderseitigen Uferbahnen» zurückführte; der so reduzierte Verkehr auf dem See und die dadurch bedingten (zu) billigen Fahrtaxen seien die Hauptursache dieser Schwierigkeiten gewesen! Erst mit festen Subventionen habe man «festeren Boden unter den Füßen» gespürt.**
Die Werft in Wollishofen war seit jeher keine Bauwerft für komplett neue Schiffe, sondern primär eine Wartungs- und Reparaturwerft. Der dazugehörige Hafen dient bis heute als Winterquartier. In den Jahren mit Seegfrörni sind daher eindrückliche Fotos entstanden!

Im Winter 1891 bei der Schiffswerft, BAZ
Es gab davor und parallel zur «grossen Werft» auch kleinere Werften in Wollishofen: Heinrich Treichler, bekannt als Erbauer der WÖSCHI 1870, gründete bereits im Jahr 1859 eine Werft für Motor-, Segel- und Ruderboote. Wenn man damals von «Werft Wollishofen» sprach, meinte man die Treichler'sche! Sohn Alfred Treichler baute dazu noch eine eigene, zusätzliche Werft, gleich neben der ZSG. Nach seinem frühen Tod übernahm bis 1914 die Bootbaufirma Faul den Standort, und im gleichen Jahr folgte noch eine solche namens Pedrazzini. Nicht zu vergessen die Stämpfli Werft, die neben der ehemaligen Holz-Badi erstellt wurde, über die wir im Beitrag WELTMEISTER berichtet haben.

Ansichtskarte ca. 1910: rechts die grosse Werft, in der Bildmitte die private Werft von Alfred Treichler, dem Sohn des Wöschi-Gründers. Sammlung MZ
Ein Schiff namens Wollishofen
Ab 1891 verkehrte ein Schraubendampfer namens «Wollishofen» auf Limmat und Zürichsee! Dieser war von Escher Wyss gebaut worden und konnte 40 Personen mitnehmen. Es war eines von mehreren baugleichen Schiffen, alle hörten sie auf Ortsnamen: Riesbach, Enge, Rüschlikon, Zollikon, Thalwil, Goldbach, Küsnacht und Bendlikon, welche alle 1890 und 1891 von der dann neu gegründeten, Zürcher Dampfboot-Aktien-Gesellschaft (ZDG) in Betrieb genommen und für die oben erwähnten Pendelfahrten in eben diesen Orten eingesetzt worden waren. Anlässlich der Übernahme aller NOB-Schiffe 1902 hat die ZDG die «Wollishofen» – wie auch weitere Schwesterschiffe – verkauft.***

Links im Bild: der Schraubendampfer "Wollishofen", ca. 1900, AK in Privatbesitz
Ab 1903 war es also die Zürcher Dampfboot-Aktien-Gesellschaft (ZDG), welcher alle Schiffe auf dem Zürichsee gehörten und die auch die Werft in Wollishofen betrieb. Sie wurde 1957 aufgrund der technischen Entwicklung resp. dem Wegfallen von Dampfbooten in «Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft» (ZSG) umbenannt.
Neue Werfthalle 1984
Die Schiffe der ZDG resp. der ZSG wurden im Lauf der Jahre immer grösser, was für die 1880 fertiggestellte Werfthalle zum Problem wurde. Beispielsweise wurde das Gebäude für die 1952 in Betrieb genommene «Linth» zwar extra noch etwas vergrössert, aber beim Stapellauf konnte das Schiff nicht von der Slipanlage genommen werden; das in den See reichende Gleis und das Seil waren zu kurz ...dank Seemans-Kniffen konnte das Schiff schlussendlich dennoch ins Wasser gleiten. Es brauchte aber nochmals Jahrzehnte und viele mühsame Aufslippen-Prozedere, bis 1984 die neue, grosse Halle fertig wurde.

Der Neubau entsteht . Foto 1983. Sammlung MZ
Dank des übers Areal führenden «Stegs» und dem Weg auf dem Dach des Quergebäudes haben Wollishoferinnen und Wollishofer jederzeit Gelegenheit, diese bis heute wichtige Anlage von Nahem zu bestaunen und die im Freien ruhenden, grossen Schiff anzusehen!
Auch das noch!
1911 wurde die Wollishofer Werft zum Schauplatz eines Unfalls, welcher ein Verbrechen verhindern konnte!

Der Bund, 14. Juli 1911, Ausgabe 02
Ursula Hänni
* «Wollishofen ist anders». Das Seeufer Wollishofen und seine historische Entwicklung, Daniel Kurz, Amt für Städtebau, 2024
** NZZ Nr. 164, 15. Juni 1909, Ausgabe 03 *** Zürichsee-Schiffahrt: Geschichte, Technik, Kultur / Gut Verlag Stäfa, 1986
