WOLLISHOFER WELTMEISTER
- Sebastian Brändli

- 26. Sept. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Okt. 2025
Es gilt, mehrere Weltmeister vorzustellen. Alle haben mit Rudern zu tun: die Bootsbauer Stämpfli und Melchior Bürgin, alle Wollishofen.
Die Idee, einen Blogbeitrag über den Wollishofer Weltmeister im Rudern, Melchior Bürgin, zu verfassen, ist schon alt. Aber erst im Februar 2025 besuchten Markus Zimmermann und ich den «Melch», wie er von seinem Umfeld genannt wird. Bürgin war vor allem Mitte der 1960er Jahre sehr erfolgreich, am stärksten im Einer – und im Zweier mit Martin Studach. Ein legendäres Duo.
Wir verabredeten uns vor dem Firmengelände der «Stämpfli Racing Boats AG» an der Seestrasse 497 am Wollishofer Seeufer. Unglaublich sportlich – mit seinen über 80 Jahren – begrüsste Melch uns zwei, wie gute Bekannte. Er freute sich sichtlich, dass wir uns für sein Geschäft – und seine Lebensmission interessierten: Boote, Rudern, gesunder Sport. Und noch im Hof stehend wurde uns das Areal erklärt, auf dem einst das Bier-Depot der Marke «Wädenswiler Bräu» für den Raum Zürich stand. Die Firma «Stämpfli Ruder-Rennbote», befand sich nämlich ursprünglich auf der andern Seite des Forellenwegs, das dortige alte Haus Seestrasse 489, in dem mehrere Generationen Stämpfli wohnten und arbeiteten, steht heute nicht mehr. Zügeln musste die Firma im Zusammenhang mit der Schaffung des Hafens Wollishofen in den 1980er Jahren.
Gegründet wurde die Firma von August Stämpfli im Jahre 1895, so erzählt es die Firmengeschichte. Doch es ist belegt, dass schon zuvor die Stämpflis in Wollishofen mit Bootsbau beschäftigt waren, lesen wir doch in einer NZZ im Juni 1879 einen Bericht über das «Seeclubfest», das bei herrlichstem Frühlingswetter habe durchgeführt werden können, nicht zuletzt, um der Taufe des «von Stämpfli in Wollishofen erbaute 4-rudrige outrigged Bootes aus Cedernholz» beiwohnen zu können. Der Zeitungseintrag belegt nicht nur eine frühere Herstellung von Stämpflischen Booten in Wollishofen, sondern auch die Existenz des «Seeclubs» in Zürich, der zusammen mit «Vertretern von 6 befreundeten Clubs», insgesamt mit 260 Personen, die Bootstaufe gefeiert habe. Mag sein, dass die Zürcher Stadtvereinigung von 1891/93 es beförderte, aus der wohl privaten Werkstatt der Stämpflis in Wollishofen eine richtige Firma in «Gross-Zürich» zu machen.

Bootsbauer Stämpfli, Wollishofen, Firmentafel. 2025 (Foto: SB).
Die Firma wurde sehr erfolgreich. Vor allem seit Ende der 1950er Jahre häuften sich die Renn-Erfolge aus dem Hause Stämpfli. So hiess es etwa unter dem Titel «Zürcher Boot für Oxford»: «Die berühmte Rudermannschaft der Universität Oxford, deren Achter Weltklasse darstellt, hat beim Zürcher Bootsbauer Walter Stämpfli einen Achter bestellt, der in den nächsten Tagen nach England geliefert wird. Es ist das erste Mal, dass sich die englische Rudermannschaft mit einem Boot ausländischer Herkunft an den Start begeben will. Das Rennboot ist 17.60 m lang, 61 cm breit und 120 kg schwer. Sein Preis beträgt 8000 Franken.» (NZN 6.12.1965) Oder zwei Jahre später lautete das Urteil in der NZZ: «Achterruderrennboot aus der Bootbauerei Alfred Stämpfli, Wollishofen, Zürcher Rennboote genießen seit Jahrzehnten weltweiten Ruf. Sowohl die Ruderer aus der UdSSR als auch aus den Vereinigten Staaten, aus Japan und aus ganz Europa trainieren und regattieren mit ihnen.» (NZZ 2.2.1967)
Bürgin, geboren 1943, gelernter Turnlehrer und Trainer, trat 1964 in diesen überaus erfolgreichen Betrieb Stämpfli ein, wo er das Handwerk des Bootsbauers on the job erlernen konnte. Seine Faszination für das Zedernholz – nicht das libanesische, sondern dasjenige der Honduraszeder – kommt noch heute frisch rüber. Als Renn-Ruderer wusste und weiss er sehr gut, worauf es beim Bootsbau ankommt. Als wir weiterfragen, zeigt er uns – wie selbstverständlich nach den nötigen Utensilien suchend – wie es geht. Er holt die Wasserkanne, betont, dass, solange er lebe, keine andere (neuere, ohne Beulen) angeschafft werden würde, er holt auch den Strahlofen – auch das ein antikes Stück, das helfen kann, das Holz schneller und trotzdem sorgfältig zu biegen. Wir schauen zu, wie er die Qualität des Holzes analysiert, wie die Jahrringe und die feinen schwarzen Adern zur Qualität beitragen; er netzt die Oberfläche immer wieder, und biegt von Hand das Stück Honduraszeder. Es will nicht auf Anhieb gelingen, er holt ein anderes Stück, und die Vorstellung beginnt von neuem, und bringt umgehend ein ganz erstaunliches Resultat. Als sein «Lehrmeister» amtierte der Chef, der weltbekannte Bootsbauer Alfred Stämpfli (jun.) selber, von ihm übernahm Bürgin 1978 den Betrieb, und führt ihn bis Mitte der 1990er Jahre weiter.

Melch Bürgin, 81jährig, zeigt uns seine Elementaria des Ruderbootsbaus. 2025 (Foto SB).
Holz oder Kunststoff?
Bürgin liebt dieses Holz, er liebt auch Renn-Boote aus Holz. Als er die Firma übernahm, machte er aus dieser Liebe keinen Hehl, und stoppte die von Stämpfli bereits in den 1960er Jahren gemachten Versuche mit Kunststoff-Booten. Die waren zwar schon recht vielversprechend gewesen, und hatten auch schon Furore gemacht! So schrieb etwa die NZZ: «Dem Bootsbauer A. R. Stämpfli in Oberrieden ist es in Zusammenarbeit mit einem schweizerischen Kunststoffunternehmen gelungen, ein Einer-Renn-ruderboot (Skiff) herauszubringen, das die bisher auf dem Markt erschienenen Polyesterboote in bezug auf Leichtigkeit entscheidend übertrifft.» (NZZ 25.3.1970) Doch ein mit Holz verbundener Renn-Ruderer konnte sich aber mit den neuen Materialien wohl zu wenig anfreunden. Aber: die Kundschaft entschied sich mehr und mehr für die Carbon-Boote – und der Kunde ist König. Das musste auch Bürgin einsehen, er sah indessen, dass der Aufbau einer neuen, auf Kunststoff-Technologie eingestellten Werkstatt grosse Investitionen nötig gemacht hätte. Er merkte, dass er Anschluss an ein bereits installiertes Produktionszentrum suchen musste, und er fand in einem ehemaligen Renn-Kollegen, der in England produzierte, einen Geschäftspartner seiner Wahl. Bürgin verkaufte fortan von ihm designte Boote aus Kunststoff, ganz nach Wunsch seiner (vor allem schweizerischen) Kundschaft, die im Vereinigten Königreich produziert wurden. Alles transparent, und nicht minder erfolgreich.
Beim Mittagessen plaudern wir weiter. Woher kommt diese Energie, diese Zielstrebigkeit, diese Eleganz? Bürgin redet auch von seinem Vater, dem Architekten und Ski-Pionier Willy Bürgin (1903-1980). Er sei sehr tatkräftig gewesen, als Vater vielleicht nicht so oft zuhause, aber als Sportler und später Sportfunktionär habe er vieles versucht und vieles erreicht. In den Schweizer Zeitungen der 1930er bis 1970er Jahren trifft man in der Tat oft auf ihn. Es ging meist ums Skifahren.
Aktiv war Bürgin sen. insbesondere im S.A.S., im Schweizerischen Akademischen Ski-Club, wo er als alpiner und auch nordisch-alpiner Pionier mithalf, die Rennarten zu definieren, auch solche, die heute nicht mehr gepflegt werden. Vieles wurde kombiniert, Springen mit alpinen Rennarten, oder Männer und Frauen – wie im Tennis – als gemischte Doppel. Überhaupt war er ein Förderer des Skisprungs und organisierte etwa das «Nachtspringen» auf dem Zürcher Üetliberg (1958); im Rückblick schrieb der Bund: «Bürgin spielte aber auch in der Entwicklung des Skispringens eine wichtige Rolle. So setzte er sich seinerseits für die Wertung mit fünf Sprungrichtern und der Streichung der höchsten und tiefsten Note ein, was gegen den Widerstand der Norweger und Schweden geschah.» (Bund, 25.4.1973).
Aus den Zeitungsberichten erkennt man zudem eine besondere Begabung Bürgins fürs Setzen von Rennstrecken. So heisst es in der Tat am 27.1.1954: «Für den Riesenslalom wählte Willy Bürgin eine flüssige, mit 27 Toren gespickte Piste. Sie verlangte von den Fahrern enormes Können. Wer nicht über genügende Kraft und technische Fähigkeiten verfügte, war verloren.» Bürgin gilt als Begründer der Schweizer Klubmeisterschaften im Skisport und war langjähriger Rennchef des S.A.S. Besondere Fähigkeiten verbanden sich in der Bergsportarchitektur, die Bürgin international bekannt machte. So erstellte er in Mürren ein Ausbildungszentrum für den Ski-Sport, und vor allem war er in führender Position bei den Seilbahn-Werken am Schilthorn dabei! (Dabei traf er natürlich auch auf James Bond…)
Vater Willy war für den Sohn Melch Bürgin offensichtlich ein wichtiges Vorbild in vielerlei Hinsicht.
Melch Bürgin, der über 50 Jahre in Wollishofen lebte, machte in den letzten Jahren noch einen Lebenstraum wahr. Er machte in Freienbach SZ, am Wasser, das von seinem Vater ererbte Sommerhaus wintertüchtig, und lebt nun ganzjährig dort. Noch immer steigt er fast täglich ins kalte Nass, rudert häufig zur Insel Ufnau hin, und pflegt einen immensen Freundeskreis, den er als Sportler und Geschäftsmann – und als Mitglied des Grasshopper-Clubs – aufgebaut hat. Er ist aber auch immer noch häufig als Senior-Chef bzw. für sein jüngstes Hobby: Modellbau – auf der Bootswerft in Wollishofen anzutreffen.
Wir danken Melch Bürgin für die Bereitschaft, aus seinem Leben zu erzählen!
Sebastian Brändli
PS
Auf den Weltmeister-Blogbeitrag reagierte unser Nachbar und Hundefreund Klaus Ganz, der seit Jahrzehnten in Wollishofen wohnt. Er ist emeritierter Endokrinologe – und wie Melch Bürgin ehemaliger Spitzenruderer. Mit Jahrgang 1938 war Ganz sogar noch etwas vor Bürgin aktiv.
Zum Rudern kam Ganz über seinen Vater Ernst, auch er Mediziner (Radiologe) – und erfolgreicher Rudertrainer seit den 1930er Jahren. Er ruderte auch vorne mit, meist im Doppelzweier mit Frédéric Regard (für Aviron Romand Zürich), manchmal auch als Steuermann, so beim Zürcher Achter an der Regatta 1965 in Kiel – zum 300-Jahr-Jubiläum der Kieler Universität. Unvergesslich ist ihm die noble Regatta in Henley (auf der Themse) wo er 1963 mittun konnte. Auf der Tribüne sass oft eine Royal, weshalb das Huttragen für die Zuschauerinnen Pflicht war. 1965 bestand er das Staatsexamen – und das Rudern trat in den Hintergrund.

In Henley wurde im Cup-System gerudert – man gewann eine Konkurrenz zwischen zwei Booten, oder man schied aus. Im Vordergrund der Doppelzweier Regard/Ganz 1963. Privatfoto.
Als Quelle siehe auch: https://www.staempfli-boats.ch/melch-burgin/




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