DAMPFSCHWALBE

Aktualisiert: 2. Apr.

Wollishofen und der See – ein ambivalentes Verhältnis! Natürlich geniessen alle die schönen Eigenschaften eines Sees: vor allem das milde Klima, aber auch das Baden! Aber da hört es dann schon bald auf! Eine Reihe schöner Restaurants mit Blick auf den See? Eine Promenade mit guter Erschliessung zum öffentlichen Verkehr? Vielleicht gilt dies nicht für die Uferpartien der Badi Wollishofen, der Seerose oder vor allem des Campingplatzes. Ein richtiges «Seequartier» ist Wollishofen aber nicht. Historisch fehlte dazu eine auf den See ausgerichtete Bebauung, etwa ein alter Hafen, der das Zeug zum Fischerdorf gehabt hätte. In unserer Ortsgeschichte kommen kaum Fischer vor. Und auch andere Berufe, die mit dem See zu tun haben, sind in der frühen Neuzeit selten: kaum Schiffbauer, kaum Schiffsfuhrleute. Die modernen Schiffsbauer kommen erst im 19. und 20. Jahrhundert, so auch die Werft der Zürichseeflotte.


Die Industrialisierung änderte die Beziehung zum See. Zunächst war das Seeufer ein Verkehrsvorteil, indem Lasten und Material vor der Erfindung der Eisenbahn gerne auf dem Wasser transportiert wurden. So entstanden am See Fabriken. Dann gab es auch bald Gewerbe, das Wasser des Sees nutzte – etwa die «Wöschi», die Waschanstalt (BLOG folgt). Doch diese neue Beziehung zum See brachte diesen dem Quartier nicht etwa näher, sondern eher im Gegenteil: dort wo Industrie am Ufer entstand, versperrte sie den Zugang zum See zusätzlich.


Wasser braucht es auch für den Dampf! Die Dampfmaschine war ein wichtiges Element der Industrialisierung. Die Erfindung wird allgemein dem Engländer James Watt zugeschrieben, obwohl schon frühere Wissenschaftler das Prinzip entdeckt hatten. Die Innovation, die durch die industrielle Anwendung des Prinzips erfolgte, ist jedoch eng mit Watt verbunden. Der Dampf ermöglichte aber auch anderes als Antrieb für Maschinen. Er revolutionierte auch den Verkehr: Eisenbahn und Dampfschiffe wären ohne die Erfindung nicht denkbar gewesen.


Auf dem Zürichsee fuhr das erste Dampfschiff 1835. Es hiess «Minerva» und bekam bereits 1839 ein Geschwister: den «Republikaner», mit dem erst auch Wollishofen erstmals bedient wurde. Für eine Anlegestation suchte man längere Zeit den geeigneten Ort. Ohnehin war in der Frühzeit der Dampfschiffahrt auf dem Zürichsee das Anlegen am Ufer nur bei den grossen Stationen möglich. In Wollishofen hielt der Dampfer auf offener See, um die Passagiere, die mit Ruderboten vom Ufer übersetzten, aufzunehmen. Das änderte, als kleinere Schiffe die Seeflotte ergänzten, beispielsweise Schiffe vom Typ «Dampfschwalbe». Sie waren wendig genug, um auch kleinere Stege anzulaufen.


Dampfschwalbe auf dem Zürichsee. Um 1902. Burgy Edition.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Und durch die Dampfschwalbe kam Wollishofen zu einer «Dampfschwalbenstation»!

Dampfschwalberstation. Feodor Curdts.

Sammlung MZ. Gelaufen am 2.8.1908.


Auf dem «Übersichtsplan» von Burger&Hofer (1896) ist alles festgehalten: Die Schiff-Station «Huber» sowie die beiden Gebäude der Dampfschwalbenstation – klein, an der Strasse.

Ausschnitt Seeufer Wollishofen. Aus: Übersichtskarte Zürich Burger&Hofer. 1896. e-rara.



Ein besonderes Wollishofer Verkehrsprojekt war der Trajekt – eine Fährverbindung für Eisenbahnwagen – über den See nach Uetikon. 1885 wurde ein solcher für Güterwagen eingerichtet. Weshalb? Während die linksufrige Zürichseebahn 1875 eröffnet werden konnte, kam das gegenüberliegende Seeufer, die sog. Goldküste, erst 1894 zu ihrer Bahn. Das benachteiligte Industrieanlagen von Zollikon bis Rapperswil, insbesondere auch die Chemische Fabrik Schnorf in Uetikon, die grossen Transportbedarf hatte. Um diesem Missstand abzuhelfen, wurde eben eine Fährverbindung für Güterwagen zwischen dem an die Eisenbahn angeschlossenen Wollishofen mit dem Fabrikstandort Uetikon geschaffen. Der Trajekt war bis zur Eröffnung der rechtsufrigen Zürichseebahn 1894 in Betrieb.


In Wollishofen war schon vor dem Dampfzeitalter die Familie Weber für die Schifffahrt zuständig. Das wird beispielsweise durch eine Nachricht im Zürcherischen Wochenblatt vom 1. Juli 1839 fassbar. Dort heisst es: «Der Unterzeichnete bittet Behörden und Privatpersonen, amtliche oder andere Zuschriften ihm nicht durch den Oberrieder Boten, sondern durch Schiffmann Weber von Wollishofen zuzusenden, der bei Herrn Brändli zur Sonne im Kratz seine tägliche Einkehr hat. S. von Birch, Pfarrer in Wollishofen.» Weber bediente die Wollishofer offensichtlich besser als der Oberrieder Bote es hätte tun können!


Die Familie Weber bewohnte ein Haus, das direkt am Ufer, an der Seestrasse zwischen Rumpump und Kloster lag. Emil Stauber bildet es in seinem «Alt-Wollishofen» auf Tafel 49 ab und schreibt dazu: «Dieses Haus gehörte Jahrzehnte lang der Familie Weber, zuletzt bis 1851 dem Schiffmann Weber, der den Kahndienst zu den Dampfbooten besorgte. Von 1851-1908 war es Besitz der Familie Huber; Rudolf Huber war anfänglich Kahnführer. Seit 1908 ist die Stadt Zürich Eigentümerin des Hauses.» Stauber schreibt nichts von der Dampfschwalbenstation, es ist aber unverkennbar, dass das Haus von Schiffmann Weber (nachmals Huber, nachmals Schöni) zum genannten Gasthaus wurde.


Das Haus Weber bzw. die Dampfschwalbenstation wurde 1937 für die «neue Badeanlage» abgebrochen, die Schiffstation 1939 an die Bachstrasse verlegt. Es ist also das Juwel des Neuen Bauens, die heutige Wollishofer Badi, die den Abriss des alten Hauses provoziert hat.


Das Ortsmuseum hütet zwei schöne Fotos, die vor und nach dem Bau der neuen Badi vom gleichen Standpunkt aus (Hoffnungsweg), mit dem etwa gleichen Ausschnitt, aufgenom-men wurden – man beachte den fast identischen rechten Bildrand mit der Wöschi und dem hohen Kamin. Auf dem oberen Bild kann man die Dampfschiffstation und den alten Landungssteg gut erkennen; im Vordergrund das Haus Seestrasse 444, 1875 erbaut und ebenfalls Mitte der 1930er Jahre abgerissen (vgl. Blog SCHÖNE BRIEFE). Das untere Bild ist kurz nach Bau der neuen Badeanstalt aufgenommen (Pergola seit 1943). Es zeigt im Vordergrund die Situation, wie sie auch heute noch ist – nur die Wöschi steht heute nicht mehr, wohl aber das Kamin...


Wollishofer Seeufer vom Hoffnungsweg aus. Um 1935.

Fotograf Heinrich Weber-Dressler. Ortsmuseum.

Wollishofer Seeufer vom Hoffnungsweg aus. Um 1945.

Fotograf Heinrich Weber-Dressler. Ortsmuseum.



(SB)

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