100 JAHRE GBZ2
- Sebastian Brändli

- vor 5 Stunden
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100 Jahre sind heute kein Alter mehr. Und gleichwohl ist es immer erstaunlich, dass Menschen gesund und munter diese Marke erreichen. Bei Organisationen ist es ein bisschen anders. Aber auch da ist es sehr erfreulich, wenn das 100-Jahr-Jubiläum mit einer funktionierenden, lebendigen und nützlichen Institution verbunden ist. Das ist bei der GBZ2, der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Zürich 2, der Fall.

Blick über Wollishofen, insbesondere über die Bauten der GBZ2. 2017.
Drohnenfoto gbz2.
Gründung und erste Jahre
Im Februar 2026 ist es so weit: Die GBZ2 kann ihren 100. Geburtstag feiern. Ins Leben gerufen wurde die Genossenschaft in Wollishofen, ausgehend vom eigentlichen Gründer, dem «kant. Steuersekretär» Paul Bonnet (1884-1954), der mit seiner Frau Luise und wenigen weiteren Interessierten die Idee verfolgte, mittels einer eigenständigen Organisation in Wollishofen ein Vereinshaus zu erstellen. Vorbild war das Volkshaus in Zürich-Aussersihl, das Vereinen und anderen gemeinnützigen Einrichtungen Räumlichkeiten für Sitzungen und Versammlungen sowie den Arbeitern und Angestellten, die in ihren Wohnungen über kein Bad verfügten, eine Badeanstalt bot. Bonnet wohnte damals an der Balberstrasse in einem Haus der schon länger bestehenden ABZ (Allgemeine Baugenossenschaft Zürich). Und er sagte sich, was die können, kann ich auch! Also gehörte zum Genossenschaftszweck von Beginn weg auch die Förderung bezahlbaren Wohnraums.
Für den Zweck des Vereinshauses konnten keine öffentlichen Subventionen erwartet werden, weshalb dieser Zweck hinausgeschoben wurde und auch später nicht realisiert werden konnte. Aber die junge Genossenschaft schaffte es, relativ billiges Bauland beim Morgental zu kaufen und als erstes zwei grosse Wohnblocks zu realisieren. Dazu waren viel private Initiative, ideenreiche und fachkundige Mitstreiter und kreditwillige Banken sowie die Stadt Zürich mit 2. Hypotheken nötig. Schon bald kamen weitere Bauetappen an der Tannenrauch-, Morgental- und Rainstrasse dazu. In fünf Etappen entstand bis 1932 ein kleines Wohn-Wollishofen – eine grosse Leistung!
Grossen Anteil an der grossen Leistung hatte auch Architekt Arnold Huber-Sutter (1868-1948), der der GBZ2 sehr verbunden war, ihr 1926 unmittelbar nach der Gründung auch beitrat. Und von Beginn weg über die ganze Bauzeit aller fünf Etappen diente er als unbestrittener «Hausarchitekt». Wie genau er zur GBZ2 fand, ist nicht überliefert. Auffallend ist aber, dass Huber-Sutter schon Architekt der ersten genossenschaftlichen Wollishofer Wohnsiedlung, dem «Bergdörfli», war (1912). Es wäre also gut vorstellbar, dass Bonnet deshalb auf ihn aufmerksam geworden war und auf ihn zuging. Auch die gute Zusammenarbeit mit Präsident und Vorstand spräche dafür. Und auch sonst hatte Huber-Sutter zuvor schon in Wollishofen gebaut, neben dem «Bergdörfli» und seinem Eigenheim vor allem die feudale «Casa felice» an der Rainstrasse 36. Arnold Huber-Sutter war so etwas wie ein Platzhirsch der Wollishofer Architektur jener Aufbruchsjahre.
Zwar fehlte Huber-Sutter an der eigentlichen Gründungsversammlung, es wurden von ihm aber für diese Sitzung erste «Scizzen» verfasst und gezeigt. Es hatten zuvor also mit dem Initianten Bonnet vorbereitende Sitzungen stattgefunden, in denen die wichtigsten Fragen bereits besprochen worden waren. Huber-Sutter war als Doyen, er war der älteste der Gründungsväter, rund zwanzig Jahre älter als Bonnet, und als erfahrener Architekt eine grosse Stütze. Er war zudem bereit, zu Beginn ohne Honorar zu arbeiten, damit die Sache ins Rollen kam. Später verlangte er eine übliche Entschädigung, die jeweils von den Bau- und Finanzfachleuten des Vorstandes geprüft wurde. Huber-Sutter war nicht nur entwerfender und planender Architekt, sondern meistens auch Bauleiter (siehe nächste Abbildung mit Ausschreibung). Vor allem zu Beginn war er auch der einzige, der mit den städtischen Stellen vertraut war und alle Verhandlungen mit dem Quartierplanungsbüro und dem städtischen Bauvorstand, damals «Dr. Klöti», dem späteren Stadtpräsidenten, führte. Bald teilte sich Huber-Sutter diese Aufgabe dann mit Carl Urscheler (1889-1948), auch er Mitglied und Architekt, aber auch Mitglied des Vorstandes als sogenannter «Delegierter der Stadt»; hauptberuflich arbeitete er im städtischen Hochbauamt! Auch Urscheler hat sich um die GBZ2 sehr verdient gemacht, war ein loyaler Genossenschafter und Mieter – bis auch er sich als Architekt in Wollishofen ein Eigenheim baute (an der Ecke Staub-/Etzelstrasse).

Obwohl das Vereinshaus nicht zustandekam, wurde das Projekt Bad realisiert, und zwar im ersten Wohnblock, Albisstrasse 48-54: das «Bad Wollishofen». Wollipedia-Leser:innen kennen diese Einrichtung, die bis Mitte der 1950er Jahre bestand.

Albisstrasse 48-54 war der erste Wohnblock der GBZ2. Oben mit Metzgerei und Coiffeur, und Bad in der Mitte, unten 1965 noch mit Metzgerei und Coiffeur, in der Mitta aber die neue Drogerie. Jahresbericht GBZ2.
Mit den fünf Etappen war ein respektabler Baubestand der GBZ2 erstellt. Damit war die Neubautätigkeit aber für lange Zeit abgeschlossen. Der Abschluss der Bautätigkeit in den frühen 1930er Jahren hatte sicher mit der rasanten Entwicklung Wollishofens als Wohnquartier zu tun, die zahlbares Bauland in der Nachbarschaft rar machte. Für den Vorstand hatte dies allerdings markante Folgen. Nicht, dass es ihm langweilig geworden wäre, weil man nicht mehr «bauen» konnte, vielmehr verschoben sich die Aufgaben: Man war nun eine grosser Vermieterin, mit anspruchsvollen Genossenschaftern und Mieterinnen, dazu kamen die schrecklichen Auswirkungen von Wirtschaftskrise und Zweitem Weltkrieg. Auch die Aufgabe, die Bausubstanz gut zu erhalten, benötigte grosses fachmännisches Wissen und viel Arbeit.
Erst im 21. Jh. wurde mit dem Ersatzneubau Tannerauchstrasse 85-87 das «Neu-Bauen» wieder aufgenommen und eine eigentliche weitere Wohnbaute erstellt. Interessant ist nicht nur diese massvolle «Expansion», sondern auch das realisierte Bauprogramm: Es ermöglicht einen attraktiven Nutzungsmix zwischen jungen und älteren Genossenschaftern und Genossenschafterinnen. Damit ist eine wichtige Weiterentwicklung der GBZ2 angestossen.
Einen Beitrag ans Quartier leisten
Eine wichtige Politik der GBZ2 bestand in der Idee, nicht nur für die eigenen Genossenschafter, sondern auch fürs Quartier als Ganzes da zu sein und Gutes zu tun. Das kam insbesondere dem Morgental zugute. Die Geschäftszeile an der Tramhaltestelle, wo einst die «Wirtschaft Zum Morgental» dem Areal – soll man Platz sagen? – den Namen gab, war ein Werk der GBZ2. Von Anfang an dabei waren immer ein Coiffeur, eine Metzgerei; und auch der LVZ, der Lebensmittelverein Zürich, war stets Mieter, nicht nur am Morgental, sondern auch noch mit einer Filiale an der Wachtelstrasse.

Lebensmittelverein Zürich, heute COOP, Mieterin der GBZ2 am Morgental 1963. Jahresbericht GBZ2.
Raindörfli
Das Raindörfli gehört zwar zur GBZ2, ist aber als Einfamilienhaus-Siedlung ein Sonderfall, darüber haben wir auch schon berichtet (es ist übrigens der Wollipedia-Blogbeitrag mit den meisten Klicks!). Als die Genossenschaft auf Antrag des Vorstandes entscheiden musste, ob man Land für genossenschaftliche EFH für Familien, mit grosser Grünfläche – nach dem englischen Muster der Gartenstadt – erwerben wollte, kam in der Diskussion die Frage auf, ob denn überhaupt genügend Nachfrage nach dieser Art des genossenschaftlichen Lebens vorhanden sei. In der Folge bekamen die Befürworter des Vorstandsantrags mehr als Recht. Das Angebot wurde zum Renner, auch heute ist es noch völlig aktuell. Zum Raindörfli zählt man übrigens auch die zwei MFH an der Wachtelstrasse (14/16, 24/26) sowie – nicht zur GBZ2 gehörig – die fünf privaten EFH Im Raindörfli 15-25.
Die GBZ2 hat ein schönes Archiv, der Blogautor durfte sich darin umsehen. Es wurde auch eine kleine Schrift zur Geschichte erarbeitet, wozu mehrere Interviews mit Mietern und Genossenschafterinnen geführt wurden. Dabei konnten auch Details entdeckt werden, die während der langen Lebenszeit der Genossenschaft wieder vergessen worden waren.

Modernste Waschmaschinen für die GBZ2! Aus: Das Wohnen, Band 6, 1931.
Eine Frage, die sich immer wieder stellte: Welchen Wohnstandard sollte die GBZ2 ihren Mietern bieten? Welche Haushaltsgeräte sollten in den Wohnungen eingebaut sein, und welche in der Verantwortung der Mieter? Das betraf das Waschen ebenso wie das Radio und den Telefonrundspruch. Bei der Frage nach der Einrichtung der Waschküchen etwa wurden um 1930 die neuesten Angebote konsultiert – und angeschafft (siehe oben). Doch Tumbler gab es damals noch nicht, so blieb der Waschtag auch bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg ein besonderer Tag im Leben der Familien!
Drei Schwestern im Garten an der Ecke zur Morgentalstrasse am Waschtag,
1950er Jahre. Private Fotos.
Die GBZ2 hat in den 100 Jahren ihres Bestehens die genossenschaftlichen Ideale gelebt, schwierige Zeiten gut gemeistert, sich institutionell modernisiert und die Bausubstanz durch Pflege, Renovation und Erneuerung sowie Neubauten konserviert und weiter entwickelt. Sie ist Teil des genossenschaftlichen Wollishofens, aber auch einfach Teil von Wollishofen und von Zürich.
Grosse Gratulation zu 100 Jahren! Es ist Zeit, zu feiern. Die GBZ2 hat dies vor!
Sebastian Brändli








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