SCHINDLERS IDEE
- Sebastian Brändli
- vor 59 Minuten
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Caspar Schindler war Sohn jenes Glarner Landammanns Dietrich Schindler (1795-1882), der 1842 – auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere – seinem Heimatkanton den Rücken kehrte, nach Zürich emigrierte und fortan auf dem Landsitz Kreuzbühl (beim Kreuzplatz) ein standesgemässes Leben führte. In Zürich gehörte der Vater bald zur «alten Elite», er erhielt 1855 das Zürcher Bürgerrecht, und Sohn Caspar wurde 1868 in die Gesellschaft der Schildner zum Schneggen aufgenommen (Schild Nr. 10); auch heiratete der Sohn eine Tochter aus dem einstigen Zürcher Regiment, aus der Ratsherrenfamilie Escher vom Glas.Â
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Caspar Schindler (1828-1902) besuchte das Seminar Fellenbergs in Hofwyl und studierte Landwirtschaft an der Akademie in Hohenheim. Als er 1853 nach Zürich zurückkehrte, vermählte er sich mit Elise Escher, Tochter des Direktors Martin Escher-Hess, und ging, wie der Nekrolog 1902 festhielt, «einem Wunsch und Rat [seines Schwiegervaters] folgend, von der Landwirtschaft zum kaufmännischen Beruf über, indem er das eher im Niedergang befindliche Meyer'sche Seidengeschäft zum Steg erwarb.» Es gelang ihm «durch unermüdlichen Fleiss», das Geschäft wieder in die Höhe zu bringen. Im Zentrum stand die «Fabrikation von Seidenbeutelchen» – eine «blühende Spezialität». Caspar begnügte sich aber nicht mit diesem wirtschaftlichen Erfolg. Er war bestrebt, die Welt zu verbessern, und das Seine durch Hilfestellung und philanthropisches Wirken beizutragen. So war er bei der Gründung der Eleonoren-Stiftung fürs neue Kinderspital 1868 als Quästor dabei; er verantwortete die Finanzen und besorgte das «Fundraising». Zudem wirkte er ehrenamtlich in weiteren sozialen Einrichtungen jener Zeit.
In den 1880er Jahren startete er eine besondere Initiative, zusammen mit Gleichgesinnten, worunter sich auch Ernst Gladbach, Professor für Architektur am Polytechnikum, befand: Es war das Ziel, fleissigen und braven Arbeitern die Möglichkeit zu eröffnen, aus eigener Kraft sesshaft zu werden und ein eigenes Heim aufzubauen. Zu diesem Zweck schrieb Schindler einen Wettbewerb für praktikable und preisgünstige Bauten aus, prämierte die besten Ideen und verwertete die Eingaben zu einer konkreten Standardlösung.
Die Resultate des Wettbewerbs, die realistischsten Lösungen, präsentierte er in seiner Schrift «Klein, aber Mein» im Jahre 1886.

Entwurf eines Arbeiter Einfamilienhäuschens.
Kompiliert von Caspar Schindler, gezeichnet von Ernst Gladbach.
Aus "Klein aber mein", 1886.
Schindler war ein Pionier, er war mit seiner Idee aber nicht allein. Ja, mehr noch: In England, der Wiege der industrialisierten Welt, waren schon mehrere Siedlungen in seinem Sinne erstellt worden. Es waren meistens Pfarrer – aber auch Frühsozialisten –, die versuchten, durch geeignete Wohn- und Lebensformen das Schicksal der «arbeitenden Klasse» zu verbessern. Dazu gehörte nebst den eigenen vier Wänden auch der eigene Garten, in dem die Arbeiterfamilie im Stile der Selbstversorgung Gemüse und Obst ziehen sollte. Wer eigenes Gemüse pflegt, revolutioniert nicht!
Die eigentliche «Gartenstadtbewegung» setzte zwar erst kurz vor 1900 ein, aber einzelne Vorhaben waren schon älter. So versuchte sich zum Beispiel der bekannteste Zürcher Frühsozialist, Karl Bürkli, in einem Reformprojekt des gemeinsamen Wohnens, Arbeitens und Konsums, indem er um 1855 in Amerika eine Lebensutopie (Bürklis Vorbild, Charles Fourier, nannte solchte Projekte Phalanstères) realisieren wollte – allerdings scheiterte das Projekt kläglich, und Bürkli kehrte nach Zürich zurück.
Schindlers Idee in Wollishofen
Wie genau es geschah, dass die Idee von Caspar Schindler in Wollishofen umgesetzt wurde, ist nicht bekannt. Ob Schindler selber davon wusste, weiss man auch nicht. Er hatte in seinem zweiten Heft Beispiele aus Altstetten und Wipkingen skizziert, Wollishofen war wohl nicht auf seinem Radar. Klar ist aber, dass nach Mitte der 1880er Jahre Caspar Haupt (1814-1889), zuvor wohnhaft in Adliswil (wohl mit Bürgerrecht Regensberg), in Wollishofen an der damaligen Landstrasse ein Stück Land kaufte, um die Idee Schindlers relativ genau umzusetzen. Das 1887 erbaute Haus an der Kilchbergstrasse 49, das heute noch steht, war sein Werk. Vom Äusseren und von den Massen her war es eine gute Kopie der Schindlerschen Pläne. Einzig die Eingangspartie sollte ein bisschen geräumiger sein als dasjenige des Vorbildes, so rückte insbesondere der Beginn der Treppe in den oberen Stock etwas nach hinten. Und der markante Einsatz von Fachwerk war auch anders als bei Schindlers Projekt. Sonst dürfte das Originalhaus von 1887 aber eine perfekte Umsetzung gewesen sein.

Das Haus von Caspar Haupt im Originalzustand, kurz vor 1900,
im Besitz von Ernst Zehnder. Foto in Privatbesitz.
Caspar Haupt war, als er im November 1877 nach Wollishofen zügelte, schon 73 Jahre alt. Er hatte einen Grossteil des Lebens hinter sich: er war Vater von drei erwachsenen Töchtern aus erster Ehe, und er war in jenem Jahr zum dritten Mal verheiratet. Wir wissen nicht viel aus seinem Leben. Es ist aber anzunehmen, dass er nicht nur ein treuer Schindler-Follower, sondern auch ein Wagner-Fan war, ist doch «Abendstern» als Hausname belegt – mit grosser Wahrscheinlichkeit nach der berühmten Arie im Tannhäuser; Wagner selber lebte in der Enge ebenfalls in einem mit diesem Namen versehenen Haus! Die Tafel war beim Kauf des Hauses vom neuen Besitzer im Keller gefunden worden: Sie ist allerdings nicht datiert, weshalb auch eine kleine Möglichkeit besteht, dass die späteren Eigentümer dem Haus den Wagnernamen gegeben haben.

Abendsstern. Originales Hausnamensschild. Wohl um 1888. Privatbesitz.
Lange konnte Haupt sein neues Heim nicht geniessen, schon zwei Jahre nach Einzug ereilte ihn der Tod, das Haus wurde verkauft. Es war der Schlosser Ernst Zehnder mit seiner Frau Elisabeth, geborene Jäck, die das Haus erstanden, und ihre erste Schmiede in Wollishofen im Keller einrichteten. 1905 finden wir weiterhin einen Zehnder im Haus, aber keinen Schlosser mehr, sondern Otto, der Gerichtsweibel wurde. Die Schlosserei war an die Widmerstrasse 1 gezügelt worden. Während des langen 20. Jahrhunderts blieb die Familie Zehnder im Haus. Erst gegen Ende der 1990er Jahre erstand der heutige Besitzer, der Kunsthistoriker Dieter Ulrich, das Anwesen und restaurierte es vorbildlich. Als Stilfachmann und Kunstspezialist des 19. Jahrhunderts war es ihm ein Anliegen, das Haus möglichst in den Urzustand zu versetzen – natürlich in Abstimmung (oft auch in Auseinandersetzung) mit den Vorgaben des Denkmalschutzes.
Von den zahlreichen Details der Wiederherstellung soll hier nur eines herausgegriffen werden. Im Erdgeschoss waren neben der Küche ursprünglich drei kleine Zimmer geplant – so ist es jedenfalls im Originalplan verzeichnet. Gebaut wurden indessen nur zwei, das eine etwas grösser, repräsentativer, indem zwei geplante Räume zu einem eigentlichen Wohnzimmer vereinigt wurden. Dieses Zimmer ist getäfert (halbhoch), in der Mitte der Innenwand führt ein Kamin aufs Dach: Ursprünglich war hier ein Ofen installiert. Ulrich stiess beim Abnehmen der letzten Tapeten auf vier Schichten. Die unterste Schicht führte das halbhohe Täfer, das in gehörigem Abstand vor dem Kamin aufhörte, als Malerei weiter; diese warme Zone wurde durch eine rosa Wandbemalung, die Marmor imitierte, aufgewertet. Natürlich stellte sich die Frage, was genau vom Urzustand übernommen werden sollte: die Aufteilung in zwei Zimmerchen, die nie gebaut wurden? die originale Heizung, die längst ersetzt war? die rosa Marmorierung?

Albumblatt zur rosa Marmorierung im Wohnzimmer. Dieter Ulrich. Privatbesitz.
Der neue Besitzer war es auch, der den Zusammenhang mit Caspar Schindlers Bauvorschlägen entdeckte und damit weitere gesicherte Vorgaben für die Renovation erhielt.

Neu instandgestellt: Kilchbergstrasse 49 an einem milden Frühjahrsabend (26.3.2024).
Foto Hansruedi Lienhard ©.
Heute ist das Schindlersche Arbeiterhäuschen ein Baudenkmal und architektonisches Kleinod an der «Alten Landstrasse», das sich im Inventar der Denkmalpflege befindet. Die Kilchbergstrasse beherbergt bekanntlich auch viele weitere Architekturjuwelen – neben der Alten und der neuen Kirche das Rumpumpgebäude und das Gasthaus Bürgli, das Haus zur Hoffnung und den Kern des Quartiers Erdbrust sowie mehrere Schulhäuser mit Denkmalcharakter. Vor 1830 führte die Alte Landstrasse zwischen Kirche und Erdbrust fast ohne anstossende Häuser über unverbautes Bauernland. Heute ist sie ein Freilichtmuseum mit zahlreichen Juwelen und grossartiger Lebensqualität geworden, wo Temporeduktion und Verkehrsberuhigung längst realisiert sind, und es keine weiteren baulichen Massnahmen mehr braucht.
Dank an Dieter Ulrich für die Gespräche und die Unterlagen.
Sebastian Brändli
