top of page

HAUSHEER'SCHES LEHEN

vor 11 Minuten
6 Min. Lesezeit

Über die in Wollishofen weit verbreitete Familie Hausheer wurde auf Wollipedia schon mehrfach berichtet. Die Familie, die bei uns eben zahlreich, anderswo aber kaum anzutreffen war, umfasste von den mächtigsten und reichsten Zweigen bis zu armengenössigen Familienmitgliedern alle Schattierungen. Dem stolzen Untervogt des 17. Jahrhunderts – Hans Rudolf Hausheer – stand der mittellose Wagner Wilhelm Hausheer entgegen, der 1804 als Mörder verurteilt wurde. Topografisch finden wir Hausheeren fast überall in der Gemeinde – im Viertel Erdbrust, im Ober- und Unterdorf, im Haumesser. Im Unterdorf gab es einen Hof, dem wir im Blog über den Bogenweg und in jenem über die Gant im Hirschen schon begegnet sind: Dieser Hof, der (als einziger) direkt am Dorfbach lag und mit einem Anbau über diesen ragte, gehörte dem Amt Oetenbach, war vor der Reformation dem gleichnamigen Nonnenkloster zinspflichtig, und blieb über die Wende zum 19. Jh. ein Lehen, das auf bestimmte Zeit vergeben und vor allem nicht automatisch vererbt wurde.

 

Plan des Hausheer'schen Lehens (Ausschnitt mit Hof «a»). Um 1792. StAZH Plan B 431.


Solche Lehen nennt man «Handlehen». Bei den Handlehen behielt sich der Lehensherr – in unserem Fall das Amt Oetenbach – die Neuvergabe beim Tod des bäuerlichen Lehensnehmers oder auch nach Kündigung (zum Beispiel nach Ablauf einer vorab definierten Lehensdauer) vor: Es wurde dann neu zur Verleihung ausgeschrieben. Wir erhalten den Eindruck, dass auf der «Gant» im Jahre 1785 (siehe Blog) eine solche Neuverleihung stattfand. Der Hof wurde in der Ausschreibung «Hausheer'sches Lehen» genannt – der bisherige Bauer hiess eben Hausheer; im 17. Jahrhundert hingegen hatte eine Familie Zeller auf dem Anwesen gelebt, weshalb noch 1814 auch vom «Zellerhof» die Rede war.

 

Der 1785 scheidende Lehensmann Hausheer hiess mit Vornamen Heinrich. Von ihm ist bekannt, dass er 1717 geboren wurde (1785 also 68jährig war), in seinem Leben zuvor schon als Gesellenwirt der Wollishofer Taverne geamtet und als «Geschworener» zum damaligen «Gemeinderat» gehört hatte. Weshalb Heinrich das Lehen aufgab? Wohl aus Altersgründen; zudem finden wir im Totenbuch Anfang 1785 den Hinschied von Susanne Blickenstorfer – der Ehefrau Heinrichs! Sie war also aus dem Leben geschieden und hatte den Ehemann allein im Hof zurückgelassen: Das dürfte der Hauptgrund für die Rückgabe des Lehens ans Amt gewesen sein. Doch ob die Gant erfolgreich war, wissen wir nicht genau, es findet sich kein Vermerk, weder in den Notariatsprotokollen noch im Urbar des Amtes. Dass weiter eine Familie Hausheer das Oetenbacher Lehen bewirtschaftete, scheint aber klar, indem sich auf dem Plan des Lehens, datiert aufs Jahr 1792, ein «Hans Hausheer» als Besitzer findet; doch der Name ist nachträglich auf den Plan aufgeklebt worden, welcher Name darunter verborgen wird, bleibt uns unbekannt.


Heinrich Hausheer und seine Frau Susanne hatten keinen Sohn mit Namen Hans, der auf den elterlichen Hof, auf das Handlehen Oetenbach, hätte aspirieren können. Nachfolger Hans Hausheer (1740-1814) war vielmehr Sohn eines Hans Conrad Hausheer, der mit Anna Köchli verheiratet war. Beide Hausheer – Heinrich und Hans – stammten indes aus der Grosssippe Hausheer von Wollishofen, Hans war mit dem Gesellenwirt Heinrich aber nicht näher verwandt. Hans war nun aber ein Vertreter jener Generation, welche die weltpolitischen Änderungen der Revolutionen am eigenen Leib erfuhr, und welche die Geburt des modernen Kantons Zürich miterlebte. Er war deshalb der letzte Bauer, der das Hausheer’sche Lehen als Lehen bewirtschaftete.


Dem Historiker sei noch ein kleiner Zusatz erlaubt: Hans Hausheers Eltern haben wir schon einmal kennengelernt. Im Beitrag über die Ärzte in Wollishofen wies ich auf die Epidemie im Jahre 1744 hin, wo die «Rote Ruhr» viele Wollishofer, darunter mehrere Hausheeren –eben auch die Hauseltern Hans Conrad Hausheer und Anna Köchli – hinwegraffte. Nur zwei Kinder überlebten: Der 1740 geborerene Hans war vierjährig, er meisterte diese Krise, zusammen mit seinem elf Jahre älteren Bruder Hans Jakob (*1729); der wurde später der Chirurg von Wollishofen.

 

Ende des Hausheer’schen Lehens

 

Im Zusammenhang mit den politischen und kriegerischen Ereignissen galt es, nicht nur den Kanton Zürich und andere Kantone, welche die napoleonische Mediation schuf, zu sichern, sondern auch das kantonale Militärwesen zu reorganisieren. Dazu gehörte die Idee, auf der Allmend Brunau und Wollishofen, wie schon früher gelegentlich, umgehend und regelmässig militärische Übungen abzuhalten. Der Kanton wollte zu diesem Zweck die Allmende kaufen.


Die Holzkorporation Wollishofen hatte aber, mit Bewilligung der Stadt, einen Teil der Allmende «verteilt», d.h. an finanzkräftige Wollishofer Bauern verkauft. Für den Kanton galt es also, mit 20 Eigentümern gleichzeitig zu verhandeln, und den Kauf durch einen Abtausch mit andern Wollishofer Grundstücken des Staates abzumildern. Was lag näher, als das Oetenbacher Lehen, das inzwischen dem Kanton überantwortet worden war, und das der modernen Landwirtschaft durch «sehr verzettelten» Areale ohnehin nicht entgegenkam, zu verwenden. Der Bericht an den «Kleinen Rat» im Herbst 1810 lautete dazu: Die Verhandlungen seien so weit gediehen, «daß von den 20. Antheilhaberen 19. derselben sich zu Abtrettung ihres Landestheils gegen Entschädigung mit Güteren von dem Hausheerischen Staatslehen zu Wollishofen, theils gegen Entschädigung an Geld verstanden haben, und daß die gänzliche Beendigung dieses Geschäfts bisher einzig noch durch die beharrliche Weigerung des Caspar Boßhard auf dem Muggenbühl, seinen Antheil anders als gegen Entschädigung an Land auf der Braunau selbst abzutretten, behinteret worden ist.»


Zum weiteren Schicksal des Lehens wurde die Meinung vertreten: «Da übrigens durch diese Acquisition der größte Theil des Hausheerischen Staatslehens zu Wollishofen als Entschädigung abgetretten werden muß, – so wird die Finanzcommißion begwältiget, den übrig bleibenden unbedeutenden Theil nebst den Gebäuden auf Ratification der Regierung verkäuflich von der Hand zu schlagen.» «Unbedeutend» war allerdings das falsche Wort, denn «nach vollzogener Abtauschung würde von dem Hausheer Lehen noch 16 ¾ Juchart bleiben, wovon 2 Juch. Reben.» Deshalb schlug die Finanzkommission vor, diesen «Rest» nicht einfach an irgendjemand zu verkaufen, sondern den bisherigen Besitzer Hans Hausheer zu begünstigen: «Es sei der Rest des Hausheerischen Lehens, dannoch bestehend aus einem Haus, Schopf, Schweinestall u. Waschhaus, nebst 22 ½ Juchart sehr zerstreut liegendem Holz, Wiesen u. Ackerland, dem bisherigen Lehenmann um die Summe von 4,000 fl. käuflich zu überlassen, in der Meinung, dass er auf könftige Martini 500 fl. baar, u. dann je auf Mai alljährlich ebenfalls 500 fl. abzahlt à 4% Zins, bis zur gänzlichen Tilgung der Schuld nebst Bürgschaftsleistung.»*

 

Im Lagerbuch der Gebäudeversicherung ist 1812 der betagte Hans deshalb als alleiniger Eigentümer vermerkt. Nach seinem Tod 1814 ging das einstige Lehen in die Hand der Söhne Conrad und Jakob. Bis in die 1830er Jahre blieb Jakob Hausheer als Bauer im Haus. Ob es die politischen Wirren oder soziale bzw. wirtschaftliche Gründe während der Regeneration waren, ist schwer zu sagen: Tatsache ist, dass die Hausheeren den Bauernbetrieb um 1835 verkauften. Zunächst ging er an Jacob Freimann, ab 1840 kam die Familie Reutlinger aus Hegau nach Wollishofen. Damit begann eine neue Ära, die nochmals rund 100 Jahre Landwirtschaftsgeschichte in Wollishofen erzählt.

 

Wollishofer Dorfzentrum um 1890. Originalgrafik.

(Signiert, aber Name nicht lesbar. Privatbesitz).


Vom Bauernhof zum Gartenbau: die Familie Reutlinger

 

Jakob Reutlinger und Elisabeth Binder lebten in den 1820er Jahren in Hegnau (Volketswil). Sie hatten Söhne, von denen zwei nach Wollishofen «auswanderten». Zuerst Johann Rudolf (*1828), dann Hans Jakob (*1831). Vor allem der zweitere blieb in der Landwirtschaft tätig, ebenso sein Sohn Johann Jakob (*1863). Die Zuzüger in Wollishofen waren in jenen Jahren zwar eher im Gewerbe oder in der Industrie tätig, so etwa beim Unternehmer Hans Ulrich Staub oder in der Stadt. Es gab aber auch einzelne, welche von Wollishofern aufgegebene Landwirtschaftsbetriebe fortführten; neben den Reutlinger zum Beispiel die Trachsler (ab 1840) und die Schmid (ab 1845, ab 1872 mit eigenem Hof), beide an der Mutschellenstrasse.

 

Als Vater Hans Jakob Reutlinger 1897 verstarb, wurde das Gut, das inzwischen unter der Adresse Albisstrasse 68 figurierte, von Sohn Johann Jakob (*1863) übernommen; seine Geschwister wurden ausgekauft, darunter auch Gottfried (*1871), der kein Landwirt mehr sein wollte, sondern eine kaufmännische Ausbildung machte. Die beiden Brüder waren aber Mitinitianten des Quartiervereins 1900, und als 1902 Jakob zwar in den Vorstand des QV gewählt wurde, aber ablehnte, griff man auf den jüngeren Gottfried zu, der zusagte; Gottfried wird (wohl zur Unterscheidung von Jakob) in den QV-Akten immer als «Reutlinger-Hotz» bezeichnet.

 

Jakob Reutlinger (1863-1930) war ein Landwirt durch und durch, und betrieb gleichzeitig ein Milchhandelsgeschäft. Er war aber auch ein Politiker, ein freisinniges Urgestein. Wie er zur Eingemeindungsfrage 1891 stand, ist mir leider unbekannt, aber er war in der Endphase der politischen Selbständigkeit Mitglied des Gemeinderates, nach der Eingemeindung während sechs Amtszeiten Mitglied des «Grossen Stadtrates» (heute Gemeinderat), später auch noch Mitglied des Kantonsrates (1920-29). Im Nachruf auf ihn schrieb die NZZ: «Selten ergriff er in den Ratssitzungen das Wort; doch kam er immer wohl vorbereitet für alle zur Behandlung gelangenden Ratsgeschäfte in die Sitzungen. Vor allem leistete er durch seinen Rat den verschiedensten Kommissionen des Stadt- und Kantonsrats wertvolle Dienste.»Betont wurde auch seine Bürgernähe und sein soziales Engagement, zudem gehörte er der Gründungscrew der Zunft an, und wurde bald auch Zunftmeister.


Blick vom Turm der Neuen Kirche Wollishofen gegen Oberdorf anfangs der 1950er Jahre. Im Zentrum Neubau Albisstrasse 72-76. Sammlung MZ.


Jakob hatte wiederum Söhne, von denen Ernst (*1895) den Fussstapfen des Vaters insofern folgte, als dass er bei der Bearbeitung des Bodens verblieb und Gärtner wurde. Seine Generation brach 1949 das alte Bauernhaus ab und erstellte einen Neubau (Albisstrasse 76) mit Blumenladen und Coiffeur-Salon. Sohn Ernst jun. (*1936) übernahm nach dem Tode von Ernst sen. den Blumenladen, holte dann aber die Lehrerbildung nach und blieb zeitlebens als Lehrer in Wollishofen und Leimbach tätig.


Albisstrasse 76. Baujahr 1951. Foto Dezember 2025 (SB).



Sebastian Brändli


* StAZH MM 1.34 RRB 1810/1112 (25.09.1810), S. 147f. und ein Bericht von Staatsarchivar Labhart-Labhart 1886.

** NZZ 13.03.1930.

Kommentare


Wollishofen

Hof des Wolo - Obervogtei - selbständige Gemeinde - Zürcher Stadtquartier

bottom of page