WEINBAU UND LANDWIRTSCHAFT

Aktualisiert: 27. Aug.

Heute ist Landwirtschaft in Wollishofen selten. Es gibt nur noch einen Bauernhof an der Kilchbergstrasse – er gehört der Stadt, erinnert an die bäuerliche Vergangenheit des Quartiers, und er sollte deshalb unbedingt als Hof erhalten bleiben. Natürlich gibt es auch noch andere Spuren von Landwirtschaft, so etwa die Schafe, die im Friedhof Manegg häufig überwintern. Oder die vielen Bienenhäuschen und -betriebe auf Wollishofer Gebiet. Die schönen Schrebergärten am Entlisberg mit Gemüse und Obst. Die Nuss-, Kaki- und anderen Obstbäume auf städtischem bzw. öffentlichem Grund.


Vom Rebberg beim Ortsmuseum ganz zu schweigen!*


Rebberg Erdbrust mit Wöschi Wollishofen im Mittelgrund. Foto SB (14.2.2021)


Wollishofen war bis zur Industrialisierung und Urbanisierung bäuerlich, sehr bäuerlich, aber vor allem rebbäuerlich! Wollishofen verfügte einst über mehr als 10 Trotten. Von diesen Zeugen des Weinbaus ist heute meines Wissens kaum mehr etwas vorhanden. Immerhin stehen noch einige Weinbauernhäuser, so können mehrere Häuser im Weiler Erdbrust klar als solche erkannt werden (Haus «Zur Erdbrust» an der Widmerstrasse 1, Widmerstrasse 8/10 sowie die beiden Flarz-Reihen Widmerstrasse 12-16 und Kilchbergstrasse 97-101).


Auch das Doppelbauernhaus Rainstrasse 10/12 und mehrere Bauernhäuser im Haumesser sind als Weinbauernhäuser zu klassieren, mit Sicherheit das Doppelhaus «Zum Weinberg», heute Seestrasse 288/290. Auch der Hof «Auf Asp» kann als Weinbauerngut angesehen werden, und es dürften, jedenfalls zu gewissen Zeiten, auch Häuser am See wie im Weiler «im Kloster» oder «am Horn» von Weinbauern und ihren Familien bewohnt worden sein.


Hof «Auf Asp» mit Reben im Vordergrund. Um 1900. Ortsmuseum.


Es gibt einige spätmittelalterliche Urkunden im Staatsarchiv Zürich, die mit Wollishofer Reben zu tun haben. Dabei ist auffallend oft die Rede von den Reben im Honrain. Ob das bedeutet, dass der Wein im Gebiet Honrain-Haumesser besonders gut (weil besonders wertvoll) war, darüber kann man nur spekulieren. Die Dokumentendichte könnte darauf hindeuten, ein anderer Grund dürfte allerdings auch darin liegen, dass die Güter beim Honrain häufig von Stadtbürgern besessen worden sind, und auch das Gehöft Honrain selber entstand in der historischen Form, die wir kennen, durch einen Zürcher Ausburger, also einen Zürcher Bürger, der in Wollishofen am See wohnte – ein Zürcher Land- bzw. Seesitz.


Auf die Urkunde, die den Verkauf von «Reben in Honrain» im Jahre 1396 an Töchter des Stadtzürchers Burkart Wilberg bezeugen, haben wir schon im Blog HONRAIN BIS HORN hingewiesen (StAZH W I 1, 590). Knappe 15 Jahre später, 1409, verkauften die «Äbtissin Benedicta von Bechburg und das Kapitel des Benediktinerklosters Zürich» für etwas mehr als 6 Gulden einem Zürcher Bürger im Zusammenhang mit Haus und Reben «am Sneggenbüel in Honrein» eine Gült. Wo sich die Schnecken beim Honrain genau getummelt haben, dürfte nie herausgefunden werden, aber auch hier ist klar, die Reben lagen in einem Areal, das sich sehr nahe am See befand (StAZH C II 2, Nr. 290 b).


Dass es aber nicht nur beim Honrain Reben gab, sondern vor allem auch im Quartier der Erdbrust, zeigt eine Urkunde von 1407, die von «5 Kammern Reben in Ertprust genannt Hessenacker» berichtet (StAZH B VI 304, fol. 194 r, Eintrag 3).


Die schönste und übersichtlichste Quelle für die Geschichte von Reb- und Landwirtschaft ist der geometrische Plan von 1785, der unterschiedliche Nutzungen kartographiert. Er unterscheidet Weinbau-, Wiesen- und Waldflächen sowie Gärten. Auch er zeigt, dass Ende des 18. Jahrhunderts noch ein grosser Teil des urbaren Landes dem Weinbau diente, und dass die Reben vor allem in den Gebieten Honrain und Haumesser (bis zum Bellaria-Rain) sowie Erdbrust lagen.


Geometrischer Plan von Wollishofen 1785 (Zehntenplan). Staatsarchiv Zürich.


Schade, dass der Wollishofer Zunftwein heute von Eglisau stammt!!


Auf dem «geometrischen Plan» sieht man die Rebflächen gut, man sieht aber auch, dass viel Feld und Ackerland ausgeschieden war. Gerade bei diesen Ackerflächen findet man wunderschöne alte Flurnamen, die der Orientierung in der bebauten Flur dienten. So zum Beispiel der «Küh-Gass-Acker» (aus der «Kühgasse» wurde später die Butzenstrasse), «bey den Hirschenstaffletten» und «bey der Stud» im Gebiet der heutigen Kalchbühlstrasse oder «Im Thal», dem Gebiet des heutigen Neubühls. Einige dieser Flurnamen sind auch in heutige Bezeichnungen übergegangen, so etwa «Beym Erli-Gatter», das grosse «Unter-Egg-Feld» oder «Wiesen und Aecker in der Mutschelle».**


Wollishofen war damit nicht nur ein Weinbauerndorf, sondern auch eine ackerbäuerliche Gemeinde. Und ein Gartenparadies! Auf dem genannten Plan sind spezielle Gärten mit einer eigenen Signatur bezeichnet – mehrere kleine Quadrate nebeneinander zeigen die Gärten sozusagen aus der Vogelschau. Solche Gärten befinden sich vor allem bei grossen Höfen, beim Hof Honrain und bei allen grösseren Siedlungen am See, beim Haumesser, bei der Hinteren Mutschelle, beim Muggenbühl und dem Hof «Auf Asp sowie an mehreren Höfen des Ober- und des Unterdorfes. Ein besonders grosses Gartenareal ist zwischen der Mittleren und der Vorderen Mutschelle eingezeichnet – just dort, wo später, im 20. Jh., die «Handelsgärtnerei Maag» ihre Pflanzen pflegte.


Wollishofen mit Kirchen und Alpen – und mit der Handelsgärtnerei Maag im Vordergrund!***

Verlag Beringer und Pampaluchi. Sammlung MZ. Gelaufen am 23.12.1946.


Dass im relativ dicht bebauten Wollishofen von heute das bäuerliche Element weitgehend verschwunden ist, versteht man. Was man aber nicht verstünde, wäre, wenn der letzte Bauernhof trotz möglichen Weiterführungsvarianten aufgegeben würde – zumal der Hof selber der Stadt gehört! Es sollte alles daran gesetzt werden, den Generationenwechsel zu bewerkstelligen und einer neuen urbanen Bauernschaft auch in Wollishofen eine Chance zu geben.



(SB)

 

* Zum Projekt Weinberg beim Ortsmuseum vgl. meinen Blog ORTSMUSEUM.

** Zu den Orts- und Flurnamen Wollishofen vgl. auch das kleine Lexikon von Eric Siegrist. Zürich 1995.

*** Die Glarner Alpen im Hintergrund und die Kirchen im Mittelgrund sind bekannt, ebenso das Hans Asper-Schulhaus.

Im vorderen Mittelgrund sieht man die einstigen Häuser der Etzelstrasse, Nummern 12 (verdeckt), 10, 8 und 4, letztere 1978 abgerissen.

Im Vordergrund die südlichen Flächen der Handelsgärtnerei Maag (Mutschellenstrasse 179/181).



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