WOLLISHOFER ORTSMUSEUM

Aktualisiert: 24. Jan.

Nicht jedes Zürcher Quartier hat ein eigenes Ortsmuseum. Wollishofen verdankt sein Ortsmuseum einer privaten Schenkung. Es war der testamentarische Wille des Ehepaars Betty und Giovanni Sasella-Keller – sie als Abkömmling der während Jahrhunderten aktiven Eigentümerfamilie des Hornerhauses – der Horner. Sie war kinderlos, die letzte Nachfahrin dieses Zweigs eines der ältesten Wollishofer Geschlechter. So erklärt sich wohl auch das Testament.


Es ist unzweifelhaft, dass der Name Horner vom «Horn» herstammen kann, dem Delta des ganz in der Nähe zum See rauschenden bzw. plätschernden Hornbachs. Ebenso unzweifelhaft ist, dass Horner aber auch von Honrain, vom Hof bzw. Weiler Hohenrain herstammen könnte. Dass aus Honrain auch Horneren werden konnte, beweist die Kantonskarte von Gyger von 1667. Die ältesten Vertreter dieses Geschlechts im Haus an der Widmerstrasse – es war ein Doppelhaus 8/10 – sind kurz nach 1500 belegt. Auch für die folgenden Jahrhunderte sind viele Urkunden der Bewohner bzw. das Haus und die Liegenschaft betreffend erhalten geblieben – auch das eine Besonderheit. Die Sammlung ist heute im Besitz des Quartiervereins, der mit dem Betrieb des Ortsmuseums beauftragt wurde.


Obere Erdbrust. Hornerhaus, Widmerstr. 8, und Flarz Kilchbergstr. 97-101.

Fotograf Hch. Weber-Dressler. Ortsmuseum.


Als Betty Sasella, geborene Keller, 1979 starb, und ihr Ehemann ihr 1983 folgte, hinterliess sie ein Testament, das die Liegenschaft und das Haus Widmerstrasse 8 der Stadt Zürich vermachte, jedoch die Auflage enthielt, im Erdgeschoss ein Quartiermuseum zu führen, und im Estrich Platz für die Bedürfnisse des Museums beanspruchen zu dürfen. Der Quartierverein wurde mit dem Betrieb des Museums beauftragt, und seither ist der Vorstand und eine Kommission dauernd mit dieser Aufgabe beschäftigt. Mit der Eröffnung 1985 wurde eine Dauerausstellung konzpiert und präsentiert, die 2015 von Martin Illi und Raymond Naef grundsätzlich erneuert wurde. Im übrigen werden sporadisch Spezialausstellungen erarbeitet und gezeigt, teils zu Aspekten des Quartiers und seiner Geschichte, teils zu lebenden Künstlerinnen und Künstlern mit Bezug zu Wollishofen, denen damit ein Ausstellungslokal zur Verfügung steht. Aus der langen Liste der realisierten Spezial-ausstellungen seien hier nur wenige genannt:

  • 100 Jahre Turnverein Wollishofen (1986)

  • Wollishofen persönlich gesehen (1986)

  • 100 Jahre Samariterverein

  • Wasser in Wollishofen (1989)

  • 90 Jahre Zunft Wollishofen (1990)

  • Werner Büchi, Karikaturist und Grafiker (1994)

  • Gewerbe im Quartier (1995)

  • Waschanstalt «Wöschi» (2002)

  • Im Bergdörfli - 100 Jahre Baugenossenschaft (2012)

  • Brunnengeschichten aus Wollishofen (2018)


Zum Ortsmuseum gehört auch eine umfangreiche Sammlung, ein grosser Teil dieser Sammlung stammt aus dem Nachlass Sasella-Keller und betrifft die Liegenschaft des Ortsmuseums selber. Kern dieser Hausdokumente ist die erwähnte Urkundensammlung, die über 45 Nummern enthält, die älteste von 1515, die jüngsten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Die erste Urkunde von 1515 berichtet vom damaligen Besitzer der Liegenschaft, Hans Horner – es war sein «Erblehensbrief» (bzw. eine zeitgenössische Replik davon). Sein Besitzrecht war kein «Eigen», sondern eine sogenannte «Erbleihe»; es war gekoppelt an eine übergeordnete Verleihung, die zwar vererbt wurde, aber dennoch ein Lehen blieb. Beim Lehen war der Besitz des Bauerneigentümers eingeschränkt, indem eine jährliche Abgabe zu leisten war. Konkret musste Hans Horner seiner Lehensherrin, der Stadtzürcherin Verena Dietschi*, jeweils im Herbst von seiner Ernte «7 ¾ Eimer Wein» abliefern; diese Abgabe nannte man auch «Grundzins». Aus der Art der Abgabe ist unschwer zu erkennen, dass Horner ein Weinbauer war. Zwar gehörte später auch ein Acker im Gebiet des heutigen Friedhofs Manegg zum Gut, dennoch ist von einem Weinbaugut auszugehen. Das ist ja – wenn man die heutige Topografie anschaut – nicht weiter verwunderlich.


Hornerhaus (Ortsmuseum) mit Weinberg. Aufgenommen von SB am 14.02.2021.


Das Bauernhaus Widmerstrasse 8/10 war also ein Weinbauernhaus. Die erhaltenen Urkunden hat Dr. Paul Guyer, der frühere Stadtarchivar Zürichs, alle gelesen und interpretiert. Dank diesen Urkunden konnte nachgewiesen werden, dass die Horner von spätestens 1515 bis in die 1830er Jahre hinein, auf dem Hof wirtschafteten. Manchmal waren zwei Familien im Haus, manchmal gelang es den Hornern, beide Hausteile wieder zu vereinen. Im 19. Jahrhundert ging dann einiges drunter und drüber. Die letzte Hornerin hiess Anna, sie heiratete Jakob Bodmer von Fällanden. Diese Ehe brachte ein Mädchen zur Welt, das aber noch als Bébé starb – keine weiteren Kinder. Deshalb nahm das Ehepaar Bodmer-Horner den 1820 geborenen Johannes Rinderknecht von Stallikon, der wohl Brautkind** der Anna gewesen war, zu ihrem einzigen Erben, was 1824 auch obrigkeitlich genehmigt wurde. Das Haus ging also an Rinderknecht, der in zweiter Ehe Anna Barbara Asper heiratete. Das Hornerhaus war ein Rinderknechthaus geworden. Doch auch dieser Name sollte nicht Bestand haben. Diese Verbindung brachte erneut keine männlichen Nachkommen hervor, die einzige Tochter, Anna Barbara Rinderknecht, heiratete später Dr. iur. Albert Keller – womit das Haus erneut den Namen änderte: es war ein Kellerhaus geworden.


Über 300 Jahre war der Familenname Horner mit dem Hause eng verbunden, dann wurde in einem knappen Jahrhundert ein ziemliches Durcheinander angerichtet...


Welch herrliche Aussicht hatten die Bewohner des Hornerhauses!

Aufgenommen von SB am 14.02.2021.


Heute ist das Ortsmuseum Verkörperung der Wollishofer Identität als ehemalige Bauerngemeinde vor den Toren der Stadt. Einerseits durch die Sammlungen und die Ausstellungen im Hause. Anderseits ist es das Haus selber, das als Weinbauernhaus auf die einstige Lebensgrundlage der Wollishofer hinweist. Auch ist es teilweise noch original eingerichtet, und der schöne Garten und die davor zum See abfallenden Reben sind historische Zeugnisse. Der Weinberg selber wurde 2015 vom Verein Wollishofer Wein*** neu angepflanzt, das Areal war aber auch im alten Wollishofen den Trauben und dem Wein gewidmet – auch wenn auf dem «geometrischen Plan» Wollishofens von 1788 dort keine Reben, sondern «Seewiesen» eingezeichnet sind.


Das Hornerhaus mit eingerichteter Bauernstube, eingebettet in eine ursprüngliche Umgebung, ist und beherbergt ein kostbares Stück Wollishofer Vergangenheit.



(SB)

 

* Verena Dietschi dürfte eine Nachfahrin eines Johans Dietschi gewesen sein, der urkundlich 1433 belegt ist als «Vogt in Horgen und Rüeschlikon» – ein begüterter Stadtbürger, der am linken Seeufer offenbar mehrere Besitzungen hatte. (StAZH C II 18.758)

** Brautkind nennt man ein von Verlobten gezeugtes Kind. Es ist nichtehelich, kann aber durch nachfolgende Ehe der Eltern oder durch Ehelicherklärung ehelich werden.

*** Interessierte melden sich beim Verein: wollishofer-wein@gmx.ch.




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