APOTHEKENGESCHICHTEN

Aktualisiert: 23. Feb.

UND EIN INTERVIEW MIT MARGRIT LEUPP


Apotheken sind wichtige Orte! Sie sind nicht nur Orte der Gesundheitsversorgung, sondern auch Orte der Begegnung. Die jüngere Ortsgeschichte soll sich deshalb auch der Apotheken annehmen. Die älteste Apotheke in Wollishofen dürfte sich an der Seestrasse 342, beim Bahnhof, befunden haben. Kurz nach 1900 ist sie belegt, damaliger Apotheker war wohl Arthur Bindschedler. Seine Universalsalbe «Peruphen» war offensichtlich bekannt und beliebt, jedenfalls findet sich im Nebelspalter 1919 folgendes Inserat:



In Wollishofen gab es in den 1960er Jahren vier Apotheken. Als ich einst Frau Dr. Valeria Dora auf diese Frage ansprach, gab sie mir sofort den Hinweis: «Sprechen Sie mit Margrit Leupp. Sie ist seit Jahrzehnten in der Morgental-Apotheke tätig. Sie weiss alles.» Also wurde das Interview, das zum 75jährigen Jubiläum der Morgental-Apotheke mit Frau Leupp geführt wurde, gelesen. Und wir nahmen Kontakt mit ihr auf, um ein eigenes Interview mit ihr zu führen. Sie sagte zu – wir danken ihr für das interessante Gespräch!


Seit 1965 arbeitet die geborene Bündnerin Margrit Leupp in Wollishofen, ununterbrochen in der Morgental-Apotheke. Und dies auch noch nach ihrer formellen Pensionierung – wenn auch mit reduziertem Pensum. Wie kam Leupp von Chur nach Zürich? Und wie kam sie zum Beruf der Apothekergehilfin (heute Pharma-Assistentin)? Vater Leupp, von Winterthur, arbeitete als Maschinen-ingenieur im Auftrag von Werner Oswald (Hovag, heute Ems-Chemie), worauf die Familie nach Domat-Ems zügelte. So ist Margrit Leupp im Bündnerland aufgewachsen. Ihren Beruf hat sie in der Löwen-Apotheke an der Reichsgasse in Chur erlernt – obwohl sie gerne Kindergärtnerin geworden wäre. Doch als sie sah, wie begehrt die Plätze im Kindergärtnerinnenseminar waren, und welche Anforderungen gestellt wurden, habe sie diesen Plan aufgegeben, meint sie. Abgesehen davon war sie unsicher, ob sie als Reformierte im katholischen Domat-Ems eine Stelle als Kindergärtnerin erhalten hätte. Doch die Ausbildung in der Apotheke und in der Berufsschule – das darf sie heute sagen, sechzig Jahre danach – war nicht besonders gut. Das lag einmal daran, dass sie in ihrem Jahrgang die einzige Apothekergehilfin war und sie deshalb keine berufskundliche Schulung erhielt. Und auch in der Apotheke war sie eher Faktotum als Auszubildende. Trotzdem hat sie dann die Lehre mit Bravour abgeschlossen (beinahe die Höchstnote)!


Nach der Lehre wollte Leupp weg aus Domat und Chur. Sie begann in einer Apotheke in Bern. Dort gefiel es ihr nicht. Weil sie wusste, dass in Apotheken Italienisch wegen der zunehmenden Zahl von Gastarbeitern immer wichtiger wurde, beschloss sie, ein Jahr in Italien zu arbeiten. Sie suchte also eine Familie zur Betreuung der Kinder – und landete in Vicenza, bei Familie Bocchese, Seidenfabrikanten. Da war sie gerne und von der Familie sehr geschätzt, dennoch kehrte sie nach dem versprochenen Jahr zurück und suchte in der Apothekerzeitung eine freie Stelle – sie landete 1965 in Wollishofen in der Morgental-Apotheke! Ludwig Deutsch war ihr Chef. Er und seine wichtigste Mitarbeiterin, Margret Thaller, waren beide Bündner. Leupp fühlte sich nur schon deshalb sehr wohl.


«Herr Deutsch» hatte in Basel Pharmazie studiert. Er eröffnete 1941 in Wollishofen die Morgental-Apotheke im soeben fertiggestellten Eckbau am Morgental (Albisstrasse 37). Ob es schon davor Apotheken in Wollishofen gegeben hat, weiss Leupp nicht. Sie weiss aber, dass es später, in den 60er Jahren deren vier gab: Neben derjenigen am Morgental die Moos-Apotheke von Dr. Haas, die Apotheke Wollishofen beim Bahnhof (Seestrasse 342) von R. Orlando sowie die Sonnental-Apotheke (Albisstrassse 28); und alle fanden ihr Auskommen.


Exkurs: Für die Bewilligung, eine Apotheke zu eröffnen, brauchte es 1941 einen «RRB», einen Regierungsbeschluss. Dieser trägt die Nummer 1941/0494. Es werden darin die Bedingungen genannt: eine Bewilligung auf 20 Jahre, für eine Konzessionsgebühr von 700 Franken! Interessant ist auch die Bestimmung, wonach die Konzession den Betrieb einer öffentlichen Apotheke «auf eigene Rechnung und unter Firma des Konzessionärs» bewilligte. Das schloss eine Umwandlung in eine Aktiengesellschaft oder eine andere juristische Person aus! (StAZH MM 3.62 RRB 1941/0494)


Ludwig Deutsch war ein klassischer Apotheker, der sich sehr für seine Kundschaft interessierte. Er war viel im Laden. Auch stellte er einige Heilmittel selbst her – Leupp hat aus Pietät die kleine Arzneimittelwaage aufbewahrt, hinter der er sich stundenlang um die richtige Gewichtung bemühte. Deutsch wusste auch, dass man seine Kundschaft pflegen muss, z.B. mit einem «Spezifikum» in seinem Geschäft: dem grossen Aquarium, in dem gezielt als Attraktion exotische Fische gehalten wurden. Privat wohnte Deutsch an der Morgentalstrasse 77*, und er liebte die Musik: er spielte Klavier und sang auch gerne. Deutsch war aber nicht nur für die Kundinnen da, sondern für die (damals noch wenigen) Mitarbeiterinnen auch ein guter Chef. Er und seine rechte Hand Thaller (die noch länger als Leupp in der Apotheke war) schufen ein sehr angenehmes Arbeitsklima. Und für Leupp war die Familie Deutsch mit der Tochter Ruth ein Zuhause, zumal sie an der Wachtelstrasse, also in unmittelbarer Nähe zur Morgentalstrasse, ein Zimmer bezogen hatte.


Frauen in der Mehrheit: Betriebsausflug Apotheke Morgental. Um 1972. Privatbesitz Leupp.

Das Ehepaar Ludwig und Hilde Deutsch-Luzi mit den Mitarbeiterinnen (v.l.n.r.)

Elisabeth Bäbler, Melitta Waldmeier, Apothekerin Gay, Margreth Thaller, Margrit Leupp.


Rentierte die Apotheke? Gab es Probleme? Für Apotheker in den 1960er Jahren lag das Geschäft noch relativ klar auf dem Verkauf von Arzneien. Diese waren teils von der Industrie gekauft, teils selbst hergestellt. Manchmal gab es Auseinandersetzungen mit den Drogerien (deren es damals in Wollishofen drei gab), aber sonst war es ruhig. Gegen Ende der Deutsch'schen Zeit ergaben sich dann aber doch neue Herausforderungen. So war der Apotheker beispielsweise kritisch gegenüber Grossverteilern, die Migros etwa war Tabu – obwohl diese am Morgental ja lange Zeit direkt benachbart war (quer über den Platz). Man gehörte zum Gewerbe, und zeigte sich solidarisch. Das war dann auch der Fall, als der Discounter Denner anfing, Gesundheits- und Hygieneartikel zu verkaufen. Leupp erinnert sich ans Beispiel «Fenjal», einem Badezusatz, den die Apotheker und Drogisten gegen den neuen Konkurrenten verteidigen wollten. Man erzählt sich, dass manch ein Drogist im Denner das gesamte Fenjal-Angebot zusammengekauft habe, um seine Kunden nicht zu verlieren…


Nachfolger Dr. Fritz Müller, der das Geschäft 1975 übernahm, war ein ganz anderer Typ des Apothekers. Aufgewachsen in Wollishofen, studierte er mit seinem Zwillingsbruder Pharmazie, da doch schon der Vater diesem Beruf verfallen war. Die väterliche Apotheke lag an der Langstrasse, zugleich war der Vater Mitbesitzer einer mittleren Pharmaziefirma («Medinova AG»). Diese war 1945 von einer Gruppe von Zürcher Apothekern initiiert worden und hatte im ausgetrockneten Nachkriegseuropa zunächst leichtes Spiel. Nach dem Doktorat arbeitete Fritz Müller einige Zeit in den väterlichen Betrieben. Um dann auf die eigenen Beine zu kommen, planten die Brüder die Übernahme eigener Apotheken. Dass beide in Wollishofen landeten, war teils Plan, teils Zufall. Klaus übernahm von Dr. Haas die Moos-Apotheke, kurz darauf Fritz jene am Morgental.


Leupp erinnert sich, dass Fritz Müller weit herum bekannt und gefragt war als Hautspezialist. Und er war durch Medinova auch mit unternehmerischen Aufgaben vertraut. Deshalb war ihm klar, dass er für das Morgental einen Neustart wollte. Dazu gehörte auch eine vollständige Erneuerung des Interieurs (obwohl gemäss Leupp die Apotheke vorher doch auch schon recht eingerichtet gewesen war). Für die Erneuerung holte sich Fritz Müller die Hilfe der bekannten Zürcher Designer Trix und Robert Haussmann; deren Stil hatte er in schicken Kleiderläden an der Bahnhofstrasse kennen und schätzen gelernt.


Margreth Thaller im Trix und Robert Haussmann-Interieur der neuen Apotheke Morgental.

Ende 1970er Jahre. Privatbesitz Leupp.


Müller schaute nicht nur auf seine Wollishofer Kundschaft, sondern war auch weiterhin bei Medinova tätig und bestimmte deren Strategie tatkräftig mit. Es galt, die kleine Firma mit weniger internationalen Ambitionen neu zu positionieren. Zudem betrieb die Apotheke Morgental auch Medikamentenhandel, indem Apotheken von Landärzten mit dem Grundbedarf ausgestattet wurden. Gerade dieser Bereich gab Leupp, die bei Deutsch ausschliesslich Kunden im Laden betreut hatte, neue Perspektiven, was auch neue Chancen bedeutete. Dazu wurde sie vom neuen Chef stark gefördert! Das erzählt sie noch heute mit glänzenden Augen. Diese Freuden waren es dann auch, die aufkommende Neigungen verstummen liessen, nach 10 Jahren Apotheke vielleicht doch noch die Kindergärtnerinnenausbildung nachzuholen. Leupp blieb der Apotheke treu, auch als ihr dritter Chef – Entschuldigung: Chefin – die Apotheke übernahm: Dr. Valeria Dora.


Valeria Dora war zunächst als Mitarbeiterin in der Morgental-Apotheke engagiert. Wohl wegen des frühen Todes seiner Ehefrau, wollte Müller seine Apotheke schon bald aufgeben, und er wurde mit seiner Mitarbeiterin handelseinig. Dora übernahm, und wir wissen es: auch sie ist keine Pillendreherin. Ihr Engagement in Beruf und Kultur ist öffentlich. Mir wurde sie seinerzeit als Präsidentin des kantonalen Apothekervereins bekannt – bei der politischen Auseinandersetzung um die Frage der Selbstdispensation der Ärzte. – Für die Apotheke Morgental war der Lokalwechsel über das Morgental hinweg an die Albisstrasse 44 zentral. Auch bei dieser Züglete und Neueinrichtung wurde das Designerpaar Haussmann nochmals aktiv!


Apotheken sind wichtig für ein grosses Quartier. Jene von Wollishofen haben in der Nachkriegszeit rechte Herausforderungen meistern müssen, die mit «Konkurrenz der Grossverteiler», «Selbstdispensation der Ärzte», «Internet», «knapp bemessene und komplexe Krankenkassenregelungen» etc. nur ungenügend umrissen sind. Deshalb gibt es heute noch zwei Apotheken in Wollishofen, immer noch beide an der Albisstrasse.



(SB)

 

*An der Morgentalstrasse 77/79 standen bis letztes Jahr (2020) zwei zusammengebaute, kleine (aber feine) Einfamilienhäuser. Dasjenige des Bündner Apothekers war mit dem Schriftzug «Cresta» bezeichnet -– an der Krete im Übergang vom See zum Sihltal stand das Haus in der Tat. Der massive Nachfolgebau stand bei der Erarbeitung des Blogs im Rohbau, heute ist er fertig und bezogen (Dezember 2021).

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