HÖCKLER

Aktualisiert: 9. März

Streng genommen gehört der «Höckler» nicht zu Wollishofen, er gehörte zwar immer zur Obervogtei Wollishofen, im 19. Jahrhundert aber zum Gebiet der Enge. Heute gehört der Ort zum Quartier Leimbach. Der Höckler war lange Zeit ein Ausflugsgebiet für ganz Zürich. Von der Stadt aus erreichte man ihn nicht via Leimbach, sondern über Wollishofen, die Sihl querend, direkt. Geschichte und Verkehrsanbindung kann man getrost als Grund nehmen, den Höckler zum Stoff eines Wollishofer Blogs zu machen – was ich im Anschluss an den Blog «Lustorte» nun ausführen werde.


Ein zweiter Grund für einen Höckler-Blog liegt im Umstand der Sihlquerung selber. Die Sihl war noch nicht der zahme Fluss, an den man sich heute gewöhnt hat. Die Sihl war ohne Regulierung durch den Sihlsee ein potenziell sehr gefährlicher, reissender Fluss, besonders nach stärkeren Gewittern in den Schwyzer Bergen. Über Jahrhunderte querte man die Sihl via «Höcklerbrücke», die lange Zeit die einzige Verbindung von Wollishofen zum andern Ufer war.


Die Höcklerbrücke war einst eine klassische gedeckte Holzbrücke. Heute befindet sie sich nicht mehr am ursprünglichen Ort. Bis vor etwa 25 Jahren lag sie in etwa im Bereich des heutigen Autobahn-Dreiecks. Doch beim Bau des Uetlibergtunnels und der Autbahn-Verbindung des neuen Tunnels mit der schon bestehenden A3 wurde die Brücke – schon nicht mehr Holzbrücke, sondern eine solche aus Stahl – südwärts verschoben; sie bildet einen Teil der Neugestaltung des Flussraums der Sihl: das Sihlufer ist auf beiden Seiten Erholungs- und Spaziergebiet – und in Verbindung mit der Allmend Brunau ein Eldorado für Jogger und Hunde (bzw. ihre Besitzerinnen und Besitzer).


Le Pont au Hoeckler. Weymann pinxit. Publié par Herrmann Trachsler. 1840. Privatbesitz.


Der Höckler ist der teils liebliche, teils steile Abhang vom Üetliberg gegen Wollishofen. In der frühen Neuzeit stand in seinem Zentrum, auf dem «Medikerboden», am Schnittpunkt von Strassen und Wegen zwischen Leimbach und Wiedikon auf der einen, Üetliberg und Stadt bzw. Wollishofen auf der anderen Seite, ein Gehöft mit Haupthaus und weiteren Gebäuden. Es war bis ins 19. Jahrhundert hinein ein Lehen des Spitalamts, und so dürfte es zunächst ein regelrechter Bauernbetrieb gewesen sein; belegt ist etwa ein «Lehenmann» Matthias Fischer, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts den Hof pachtete und bewirtschaftete. Später war aber das Gasthaus, das Restaurant, wichtig, zeitweise gepaart mit Übernachtungsmöglichkeiten. Hotel würde ich dem nicht sagen, auch nicht Herberge, wohl aber «Auberge» oder einfach: Ausflugsrestaurant mit Betten.


Auberge du Hoeckler. Weymann pinxit. Publié par Herrmann Trachsler. 1840. Privatbesitz.


Eine touristische Hausse dürfte die Jahrhundertwende zum 19. Jh. gewesen sein. Davon zeugt ein Kunstblatt, das den Grundriss der Anlage zeigt. Es stammt aus dem Jahre 1795 und wird Heinrich Bruppacher von Wädenswil zugeschrieben. Von der touristischen Bedeutung zeugt auch der Besuch, der dem Höckler im Sommer 1800 von der ehrenwerten Bürgerlichen Abendgesellschaft Wollishofen abgestattet wurde.


Der Höckler beÿ Zürich. Heinrich Bruppacher zugeschrieben. Um 1795. Sammlung MZ.


Höcklerbrücke


Wann genau die Nutzung des Hofs als Gaststätte aufgegeben wurde, hält Jean-Daniel Blanc in seinem Buch* über die Sihl fest: «Der Ausflugsbetrieb endete 1873, als die Stadt das Höcklergut kaufte, um das Restaurant abzubrechen.» Grund dafür war die militärische Nutzung. Es gab aber verschiedene Entwicklungen, die die wirtschaftlichen Chancen des Höcklers beeinträchtigten. Das schwierigste war wohl, dass die Verbindung mit der Stadt nicht immer gesichert war. So gab es zwar lange Zeit die Verbindung über die Sihl – mindestens als Fussweg –, doch Stege und Brücken wurden vom Hochwasser der Sihl immer wieder bedroht, im 19. Jahrhundert wurde die um 1820 erbaute Brücke gar weggeschwemmt. In der Folge fand sich niemand, der für den Neubau zuständig sein wollte. Der Kanton, das seinerzeit zuständige Spitalamt, aber auch die Gemeinden Enge und Wollishofen: alle wollten nicht, oder wenigstens nicht allein, zuständig sein. Erst im Vertrag von 1865 wurde erklärt: «Die Gemeinden Enge und Wollishofen verpflichten sich, im Laufe dieses Jahres zu Herstellung der unterbrochenen Verbindung des rechten mit dem linken Sihlufer in der Nähe von Leimbach in gemeinsamen Kosten eine eiserne Brücke zu erbauen, die ihrer Construktion nach mindestens dem ersten Plane des Herrn Ingenieur Seitz entsprechen soll, sowie die zukünftige Unterhaltung derselben zu übermachen.»


Höcklerbrücke 1893. Allmendstr. 84. Fotograf Robert Breitinger.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Eine zweite Bedrohung der friedlichen Landschaft ergab sich durch die Erweitung der militärischen Anlagen des Albisgüetlis in Richtung Höckler. Das mündete in einen Vertrag von 1904 zwischen Stadt und Kanton zwecks «Überlassung des Allmend-Höckler-Areals und des Militärschießplatzes im Albisgütli als Bestandteile des Waffenplatzes Zürich.» Spätestens mit den Schiessübungen auf dem Höckler-Areal war dann eine landwirtschaftliche oder gar touristische Nutzung nicht mehr gegeben.


Heute finden sich am oberen Ende des Medikerweges, beim Nussbaum in der Nähe des Brunnens, noch sichtbare Reste der früheren Anlage; sie sind aber überwachsen und nicht untersucht.


Heutige Höcklerbrücke, am neuen Standort. Foto: Julie Brändli am 09.05.2021.


Die heutige Höcklerbrücke ist das Resultat der Landschaftsgestaltung der Sihl nach Fertigstellung des Üetlibergtunnels und der Verzweigung Zürich Süd (Autobahnkreuz A3/A3W). Die Brücke wurde etwas nach Süden, gegen Leimbach hin, versetzt und instandgesetzt. Heute ist sie viel benutzt von Velofahrern, Spaziergängerinnen, Hunden mit ihren Meister/innen...



(SB)

 

Jean-Daniel Blanc. Die wilde und die zahme Sihl. Hier und Jetzt. Zürich 2021. S. 203.

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