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PIONIER SPRACHHEIL-KINDERGARTEN

Die Primarlehrerin und Logopädin Hedwig Sulser-Bachmann gründete 1947 den ersten Sprachheilkindergarten der Schweiz in Wollishofen!! Noch heute zeugt das schmucke Schulhaus Auf der Egg von dieser einstigen Innovation. Hedwig Sulser wohnte mit ihrer Familie auch in Wollishofen, an der Thujastrasse.


Die «Tat» war des Lobes voll im März 1954 über Stadtrat Hans Sappeur, der als initiativer und ideenreicher Schulstadtrat geschildert wurde. Das war nicht weiter verwunderlich, denn es standen Wahlen an. Sappeur war im Wahlkampf, und er war Mitglied des Landesrings der Unabhängigen LdU – und die «Tat» war deren unabhängiges Hausblatt! Dennoch ist es sehr interessant, womit ein unabhängiger, kreativer Politiker wie Sappeur in jenen Nachkriegsjahren in Verbindung gebracht werden wollte: Unter dem Titel «Sozialpädagogische Einrichtungen» stellte der Berichterstatter einige Neuerungen der Volksschule vor, für die sich Stadtrat Sappeur seit seiner überraschenden Wahl 1950 tatsächlich besonders eingesetzt hatte. So heisst es da: «So wie er [Sappeur] früher in der Privatwirtschaft sich mit besonderer Liebe und wachem Verständnis der von der Natur benachteiligten Menschen angenommen hat, so widmet er sich nun in seinem Amt mit besonderer Tatkraft jenen Einrichtungen der Volksschule, die von den stadtzürcherischen Behörden ohne gesetzliche Verpflichtung geschaffen oder gefördert werden, vor allem den sozialpädagogischen Einrichtungen.»

 

Wollishofen spielte in dieser Angelegenheit eine wichtige Rolle, denn die erste Einrichtung, die in der Folge vorgestellt wurde, waren Sprachheilkindergärten, deren es 1954 vier in der Stadt Zürich gab – und der erste just in Wollishofen! Die «Tat» schrieb: «Der erste öffentliche Sprachheilkindergarten der Schweiz wurde in Zürich im Schulkreis Uto im Jahre 1947 von Frau Hedwig Sulser-Bachmann im Auftrage der Kreisschulpflege aufgebaut und eröffnet.» Das war zwar noch vor der Wahl Sappeurs in die städtische Exekutive, aber der LdU-Mann förderte die Entwicklung in der Folge kräftig, und eröffnete drei weitere in Wiedikon sowie im Stadtkreis 11 (damals noch mit Schwamendingen).


Ort der Innovation: das beschauliche Schulhäuschen Auf der Egg, Baujahr 1945. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Dass der erste Sprachheilkindergarten in Wollishofen aufgebaut werden konnte, war dem glücklichen Zusammentreffen zweier Umstände zu verdanken. Zum einen war die Kreisschulpflege Uto solchen Neuerungen wohlgesinnt, und zweitens wirkte damals eine Pionierin der Logopädie im Schulkreis: Hedwig Sulser-Bachmann (1904-1988). Sulser-Bachmann war ursprünglich Primarlehrerin, besuchte später das Heilpädagogische Seminar*, und gründete 1942 zusammen mit Dr. med. Karl Kistler und dem Heilpädagogen Hans Petersen sowie weiteren Personen die «Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Sprachgebrechliche», die 1960 zur «Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Logopädie» (SAL) umbenannt wurde. Seit 1947 führte die SAL Kurse für Logopädie durch, in denen sich auch Sulser-Bachmann als Dozentin beteiligte. Sie engagierte sich wissenschaftlich zunächst vor allem für die von ihr und Petersen eingeleitete methodische Erneuerung der sogenannten «Absehmethodik». Sie förderte auch die Forschung über das Stottern, so insbesondere über den Zusammenhang von Linkshändigkeit und Stottern. Und auch als praktische Logopädin wirkte Sulser-Bachmann: sie war in der Folge im Schulkreis Uto tätig: Tochter Ursula (*1938) erinnert sich vor allem an Therapiestunden im Haus des früheren Kindergartens an der Tannenrauchstrasse.


Logopädin Hedwig Sulser-Bachmann zeigt einer Schülerin richtige Aussprache.

NZZ 12.3.1950.

 

1947 startete die SAL eine Initiative für bessere Unterstützung und Förderung von «sprachgebrechlichen Kindern», worauf sich die Schulpflege Uto als erste «mit grossem Verständnis» engagierte (NZZ vom 12.3.1950). Nicht nur betroffene Wollishofer Kinder, sondern auch solche aus benachbarten Quartieren konnten den Unterricht besuchen, nochmals die NZZ: «Die sprachgeschädigten Kinder aus den verschiedenen Stadtkreisen finden in diesen beiden Kindergärten sich zusammen; die von weither kommen, werden im Mittagshort verpflegt.» Ort des Geschehens war das Schulhaus Auf der Egg, das kurz zuvor als kleines Zusatzschulhaus erbaut worden war. Architekt war der bekannte Zürcher Architekt William Dunkel, der 1929 an die ETH als Professor berufen worden war. Bekannte Zürcher Bauten von Dunkel sind das Institutsgebäude Landwirtschaft der ETH an der Schmelzbergstrasse (1956) und das Letzigrundstadion (1958). Aus Wollishofer Sicht ist auf die Wohnüberbauung der Genossenschaft Brunnenhof an der Marchwartstrasse hinzuweisen (1934).

 

Christian Thomas erinnert sich an seine Zeit im Kindergarten Auf der Egg: Dieser habe aus «zwei Hälften» bestanden, einem Raum für den Sprachheilkindergarten und einem für den ‚gewöhnlichen‘ Kindergarten.

«Uns gewöhnlichen Kindern wurde etwas mehr Freiheit erlaubt, aber etwas kam überhaupt nicht infrage: man durfte sich nicht über die Kinder der anderen Klasse lustig machen. Das wurde von unserer freundlichen und fürsorglichen Lehrerin, ‚Fräulein‘ Vollenweider nicht toleriert. Die zwei Jahre an diesem schönen Ort habe ich in bester Erinnerung.»

In der fast ländlich anmutenden Umgebung auf der Egg wirkte Hedwig Sulser-Bachmann während Jahrzehnten als Logopädin im Sprachheilkindergarten sowie als Dozentin – 1979-1984 leitete sie insbesondere die von ihr konzipierten SAL-Kurse für Gruppenleiterinnen an Sprachheilkindergärten. Tochter Ursula, die an der Thujastrasse aufgewachsen ist, durchlief eine typische Wollishofer Schulkarriere: Kindergarten an der Tannenrauchstrasse, Schulhaus Manegg und Sekundarschule im «Wollishofen B», worauf die Lehrerbildung am Seminar Unterstrass folgte. Lehrerin geworden, wie die Mutter, folgte später auch bei der Tochter das Heilpädagogische Seminar HPS: So wurde auch sie Logopädin (was sie als Kind nie hatte werden wollen!). Hatte der Ehemann und Vater auch etwas mit Logopädie zu tun? Das fragte ich Ursula Palmy, die schnell und dezidiert mit Nein antwortete: «Der Vater ging seinem Beruf als Fachmann der SEG, der Schweizerischen Eiergenossenschaften nach, ging morgens früh zum Haus hinaus, um spätabends heimzukehren.»


Drei Einblicke ins Familienalbum: links Hedwig Sulser-Bachmann im Jahre 1973 (an einem Kongress in Paris. Foto Boris Kerner), in der Mitte Tochter Ursula Palmy,

rechts Hedwig und Max Sulser im Familienkreis.


Einen besonderen Hinweis verdient die Arbeit für logopädische Lehrmittel durch Hedwig Sulser, die ihre Tochter weitergeführt hat. So ist noch heute das Standard-Lehrmittel Sätze bauen (2 Bände) im Buchhandel erhältlich - einst herausgegeben von der Mutter, später überarbeitet von der Tochter!




Zum Schluss noch dies: Heute im Zeitalter der integrativen Schule sind spezifische Sprachheilkindergärten nicht mehr en vogue; das Volksschulgesetz verlangt nach integrativen Schulformen. Das Schulhaus Auf der Egg ist heute teils Kindergarten, teils Hort. Wegen meiner Beschäftigung mit diesem Schulhaus bin ich noch auf etwas aufmerksam geworden. Es gibt dort ein Wandbild von Adolf Funk (1903-1996), und was zeigt es? Wollishofen!


Wollishofen. Wandbild von Adolf Funk im Schulhaus Auf der Egg. 1967. BAZ.


Und noch ein Ausschnitt, aktuell fotografiert (2024). Funk dürfte eine ältere Abbildung als Anregung bzw. Vorlage verwendet haben:


Ausschnitt Alte Kirche Wollishofen. Maler Adolf Funk. 2024. Foto SB.




Ich danke Marlis Streuli für die Anregung und Ursula Palmy für die Unterstützung.


(SB)

 

* Der Wollishofer Blogger Sebastian Brändli hat unlängst das Buch BILDUNG FÜR ALLE. 100 Jahre Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik verfasst (im Chronos Verlag). So wurde er auch auf die besondere Stellung Wollishofens in der Geschichte der Logopädie aufmerksam.



Sebastian Brändli an der Vernissage im Januar 2024.

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