SCHREINEREI LIENHARD

Wollishofen war Ende des 19. Jahrhunderts ein Eldorado für das Baugewerbe, für Maurer, Schreiner und Glaser! Die Stadt wollte wachsen, wollte die eingemeindeten Vororte mit der Stadt verschmelzen und verbinden, wollte Wohnungen und Industrieanlagen bauen, wollte ein stolzes Zentrum der Schweiz sein!


Fensterfabrikant Kiefer stammte aus Württemberg und kam über Riesbach nach Wollishofen (vgl. Blog AM BACH), Schreinermeister Gottfried Lienhard (*1860) stammte aus Üerkheim AG. Lienhard absolvierte eine Schreinerlehre in Uster und kam schon um 1880 als «fertiger Berufsmann» nach Zürich, nach Wollishofen. Um 1890 wohnte und arbeitete er an der Alten Kalchbühlstrasse, ab 1896 finden wir ihn an der Albisstrasse 115, wo er ein Wohnhaus mit Schreinerei errichtete. Gottfried baute sein neues Handwerkszentrum im Niemandsland, «im Moos», der Neubau war «noch einsam auf weiter Flur» (wie sich die NZZ 1971, beim 75-Jahr-Jubiläum ausdrücken sollte). Das stattliche Baumeisterhaus wurde aber bald mit eigenen Anlagen erweitert und von weiteren Häusern «umstellt»; später erhielt es eine neue Hausnummer: Albisstrasse 131.


Baumeisterhaus Albisstrasse 115 mit Schreinerequipe um 1900.

Ansichtskarte. Nicht gelaufen. Privatbesitz.


Die Firma Lienhard startete als Einmannbetrieb, als klassische Bauschreinerei wuchs sie aber schnell – die Schreinerequipe um 1900 zählte immerhin schon sieben Mann. Ihre Produkte waren gefragt. Gottfried glaubte an die Zukunft und nannte seine Firma bald «Mechanische Schreinerei G. Lienhard». Mit den nötigen Maschinen wuchs der Bedarf an Räumlichkeiten, was zu mehreren Fabrik- und Lagergebäuden auf dem Areal führte. Die Firma wuchs bald zu stattlicher Grösse, was es möglich machte, dass man auch grosse Aufträge an Land ziehen konnte. So wurde Lienhard 1907 beispielsweise für die Schreinerarbeiten beim Bau des Riedtlischulhauses in Oberstrass zugezogen. Oder 1914: Da dürfte der Schreinermeister besonders stolz gewesen sein, als mit seiner Hilfe der Neubau der Universität fertiggestellt und eingeweiht werden konnte. Das nach Plänen des berühmten Architekten Karl Moser erbaute Gebäude enthält bis heute herrliche Holzarbeiten im Innern! Die Anerkennung der Öffentlichkeit war der Firma «Lienhard G., Schreinermeister, Zürich 2» sicher – in der NZZ vom 2. Mai 1914 erschien gar eine «Danksagung der Direktion der öffentlichen Bauten an die Unternehmen und Arbeiter, welche am Neubau der Hochschule mitgearbeitet haben.» Darunter war eben unsere Schreinerei. Die Mechanisierung bot neue Möglichkeiten, die Produktepalette war gross und wuchs mit Maschinen und Wagenpark – ein erster Lastwagen wurde Mitte der 1920er Jahre angeschafft!


Erster Lastwagen der Schreinerei Lienhard. Albert sen. freut sich mit Albert jun.

Um 1925. Privatbesitz.


Pionier Gottfried Lienhard war nicht nur ein toller Schreinermeister, er war offensichtlich auch ein überzeugender Vater. Alle drei Söhne des Firmengründers ergriffen den väterlichen Beruf und folgten dem Ruf der Firma. Als der Chef sich zurückziehen und die Führung an die nächste Generation weitergeben wollte, musste ein neuer Name her: «Mechanische Schreinerei G. Lienhard Söhne». Die Qualifikationen der zweiten Generation ergänzten sich gut – kaufmännische und technische Verbesserungen waren die Folge. Und die Nachfrage wuchs mit der grossen Bautätigkeit im wachsenden Zürich. Neben die Bauschreinerei trat verstärkt der Bereich der Möbelfabrikation: Gediegene Möbel und individuelle Inneneinrichtungen waren stärker als je gefragt.


Und die Firma wuchs: Arbeiteten bei der Übernahme der Firma durch die Söhne (1923) noch zehn Handwerker im Betrieb, so waren es beim Wechsel zur dritten Generation Mitte der 50er-Jahre rund 50 Angestellte. Lange Arbeitsverhältnisse zeugen in der Regel von gutem Arbeitsklima und interessanter Arbeit: Spitzenreiter in Sachen langer Verweildauer im Betrieb war wohl Josef Gisler, der 1967 sein 50jähriges Dienstjubiläum als Zuschneider-Maschinist feiern konnte (wie man am 5. April 1967 in der NZZ-Abendausgabe lesen konnte).


Fabrikareal Lienhard Söhne AG. 2005. Fotograf: Hanspeter Dudler.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.



War der Gründer der Schreinerei ein «Zugezogener», galten die drei Brüder der zweiten Generation, die in Wollishofen geboren und aufgewachsen waren, als Einheimische, als gebürtige Wollishofer. Kein Wunder, dass sie als erfolgreiche Schreinermeister der Zunft Wollishofen beitraten: Die drei Brüder Gottfried jun. (*1886), Albert sen. (*1889) und Fritz (*1891) bildeten ein starkes einheimisches Trio, nicht nur in der Zunft, auch im Quartierleben. Albert wurde gar Zunftmeister und engagierte sich zudem politisch im Quartierverein und als Vertreter der Freisinnigen Partei im Gemeinderat.


Vier Generationen Lienhard. Um 1950. Foto in Privatbesitz.


Der Übergang zur dritten Familiengeneration erfolgte nicht so stürmisch wie jener der 1920er Jahre. 1955 übernahmen zwei Cousins das Ruder: Albert jun. und Herbert. Man feierte das 75-Jahre-Jubiläum und schaute optimistisch in die Zukunft. Doch die Welt veränderte sich stark. Konkurrenz erwuchs in verschiedenen Bereichen: Im Möbelgeschäft verloren die kleinen Firmen mehr und mehr Marktanteile an die grossen nationalen und internationalen Firmen – Stichworte sind Möbel Pfister und IKEA –, im Bereich der Inneneinrichtungen spezialisierten sich zahlreiche Firmen mit Design-Know-how erfolgreich im Geschäft. Vielleicht hätte man mit einer beherzteren Strategie, die internes Design-Expertenwissen für Möbelschreinerei und Innenarchitektur aufgebaut hätte, grössere Chancen auf ein Überleben der Familienfirma gehabt. Doch als die vierte Generation mit Hansruedi, der seit 1969 in der Firma gearbeitet hatte, das Geschäft übernahm, waren die Würfel wohl bereits gefallen. Ein wichtiger Punkt war sicher auch, dass das Areal eine pointierte Wachstumsstrategie nicht zuliess, für einen Wechsel und Neubeginn an einem neuen Ort aber die Ressourcen fehlten.


So musste die Firma in der 4. Generation – trotz starker Verankerung im Quartier und trotz grossem Engagement im Berufsbildungswesen – aufgeben: Hansruedi Lienhard vollzog diesen Schritt Mitte der 1990er Jahre. Die Liegenschaft Albisstrasse 131, die der ganzen Familie gehörte, wurde zunächst als Gewerbezentrum von verschiedenen Mietern genutzt. Schliesslich konnte in einem Wettbewerbsverfahren die geeignetste Kandidatin für eine neue Überbauung, die insbesondere auch dem Quartier zugute kommen sollte, ermittelt werden: Das Areal wurde an die Baugenossenschaft Zurlinden verkauft. Die neue Eigentümerin realisierte mit Architekt Adrian Streich bis 2006 zwischen Albis- und Heinrich-Federerstrasse die Überbauung «Lienihof», die seither dreissig Wohnungen vermietet und Räume für Gewerbe und Läden anbietet. Auch eine Wohngruppe des Pflegezentrums Entlisberg fand im Lienihof Unterschlupf.


Nennt man das Deindustrialisierung? Oder Urbanisierung? Oder Tertiarisierung? In diesem Falle verlor das Quartier ein stark verankertes Gewerbe, gewann aber eine durchdachte und lebensfreundliche Wohnzone, die mehr ist als einfach eine weitere Baugenossenschaft. Aber sowohl der Verlust an Durchmischung als auch ein solcher an originärer Bausubstanz einer stadtnahen industriellen Anlage schmerzen halt doch!



(SB)

 

Ich danke dem seinerzeitigen Schreinermeister und späteren Friedensrichter Hansruedi Lienhard für den Austausch und für die Möglichkeit, im Fotoalbum der Familie zu blättern (und die schönsten Fotos auszuwählen)!

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