WOLLISHOFER GLÜCKSSPIELER

Aktualisiert: 11. März

ODER: WOLLISHOFEN UM 1500


Spiel ist eine menschliche Grundkonstante. Der niederländische Historiker Johan Huizinga hat dazu den Begriff des «Homo ludens», des spielenden Menschen, geprägt. Das Spiel sei Quelle von Kultur und Kreativität, so Huizinga. Gespielt haben Menschen auf jeden Fall immer, es gibt aber auch Konjunkturen für bestimmte Spiele.


Natürlich denkt man in der Schweiz beim Spielen sofort an den «Volkssport» des Jassens. Wie alt diese Tradition wirklich ist, weiss man nicht. Die ältesten Karten, die man kennt, dürften aus dem 15. Jh. stammen. Das Spiel war den Obrigkeiten in Stadt und Land ein Dorn im Auge. Der Rat Zürichs verbot das Spielen, jedenfalls in Wirtshäusern. Wodurch die Spiellaune jedoch nur mässig eingeschränkt wurde, weshalb viele Zürcher Landleute vom Land- oder vom Obervogt wegen Spielens gebüsst werden mussten.


Weshalb war das «unschuldige» Spielen so gefährlich? Weil es Streit erzeugte, vor allem, wenn Alkohol floss, und wenn um Geld gespielt wurde.



Schweizer Spielkarte Anno 1743.



Um 1500 kamen in Europa Lotterien – Glücksspiele – auf. Sie dürften sich aus Angeboten auf Kirchweihen entwickelt haben. Ein besonders schönes Beispiel ist aus der Zürcher Geschichte gut greifbar: der sog. «Glückshafen» von 1504. – Berühmt ist dieser vor allem bei Stadt- und Landhistorikern, ist doch die Liste jener, die am Spiel teilgenommen haben, nicht nur erhalten, sondern auch seit Jahrzehnten von Friedrich Hegi mit der Unterstützung der Antiquarischen Gesellschaft mustergültig ediert («Der Glückshafenrodel des Freischiessens zu Zürich 1504». Zürich 1942).


Die Liste der Teilnehmenden ist lang, in der gedruckten Version belegen die Angaben über 500 Seiten! Im Rahmen des Freischiessens in Zürich organisiert, strahlte die Aktion nicht nur weit in die Alte Schweiz hinein, sondern auch über die Grenzen hinaus, vor allem nach Deutschland. Zahlreiche Loskäufer gaben Wohnsitz in Süddeutschland an, so viele insbesondere aus Reichsstädten wie Augsburg, Ravensburg, Nürnberg, Strassburg und einige mehr. Das Zentrum der Teilnehmer blieb allerdings Zürich, inklusive Zürichs Landschaft. Aus europäischer Sicht ist zu erkennen, wie gross die Ausstrahlung der Limmatstadt kurz vor der Reformation im deutschsprachigen Europa war. Und man muss sich das Ganze auch einmal konkret vorstellen: Die Teilnehmer am Glückshafen dürften alle persönlich vor Ort gewesen sein, indem sie nicht nur am Freischiessen und seinen Festivitäten teilnahmen, sondern sich eben auch in die Liste einschrieben und ihren Beitrag bezahlten! Für das kleine Zürich war das eine Riesen-Organisationsleistung, sicher auch ein grosses Geschäft, es war aber eben auch ein rechtes Risiko, denn schlechtes Wetter und anderes hätten auch zum völligen Flop führen können!



Darstellung Titelblatt des Registers. Aus der Edition des Rodels (S. 1).


Es ist nun interessant zu untersuchen, wer die Wollishofer Teilnehmenden waren, wie sie hiessen, welchen Ort in Wollishofen sie allenfalls als «Adresse» angaben und wie versucht wurde, das Glück mittels mehrfachen Loskäufen von einzelnen Familien zu forcieren. Genaue statistische Auswertungen sind indessen kaum möglich, einerseits wegen unscharfer Angaben, anderseits wegen zu kleiner Stichproben. Und Rückschlüsse auf die gesamte Bewohnerschaft Wollishofens sind auch keine zuverlässig zu machen; auch hier kann das Gebot korrekter Stichproben natürlich überhaupt nicht eingehalten werden. Dennoch sind die Angaben interessant und erlauben einen Blick in den Alltag und die Mentalität der frühneuzeitlichen Wollishofer.


Es waren knapp 70 Leute mit Wollishofer Adresse, die sich 1504 ein Glückshafenlos kauften. Eine genaue Zahl wird absichtlich nicht genannt, weil einzelne Unschärfen nicht auflösbar sind. Die Anzahl von Wollishofern gekaufter Lose ist jedenfalls noch grösser. Schaut man auf die Familien, so kommt man auf circa 30. Die Einträge lauten:

  • Hanns Kryg von Wollishofen

  • Hans Erenknecht von Wollißhoven

  • Hennssli Krygen von Wollißhoven katz, die guett musserin

  • Heini, Elsy, Grettli: Hans Clotters von Wollißhofen kind

  • Rudolf Clotterr by Clottersbach zuo Wollißhoven

  • Jörg Kryg von Wolishoven

  • Hans Krigen von Wolishoven kalb genant Kleini

  • Kuhirtt von Wolishaven

  • Heini Bog von Wolißhoven

  • Jacob Fryman von Wolishofen, Adelheit Frymannin von Wolishofen

  • Hensli Habersat von Wollishoven

  • Rudi, Uli Petters von Wollishofen sun

  • Heini Gynnper von Wollißhofen

  • Rudy Friman, Elsy Frinan, Barbeli Friman, Trini Friman von Wolishofen

  • Annli Remy inn Wolishofen

  • Hans Klotter sun von Wolishofen, genannt Harttmann

  • Gretli Aspar, Reguli Aspar, Lupoltz Aspars Tochter von Wolishofen

  • Trini Rott, Wollishofen

  • Herman Peter mit Grosshans, Kläwi, Kleinhans, Elsi, Gütli, Reguli sowie Anna Peterin, Hermans Husfrow von Wollishofen

  • Petter Liberstein, Burckhart Libenstein, Greth Libenstein von Wollißhofen

  • Hans Gimper mit Anna, Hans der jung, Velix,von Wolishoven

  • Heiny Rott von Wollishoven

  • Elsy Rott, Grettly Rott von Wolishoven

  • Rudy, Regeli, Annli – Lupolt Petters kind von Wolishoven

  • Lutpolt Asper uf Asp

  • Jacob Asper ab Asp by Zurich

  • Claus Asper ab Asp Zürich

  • Hartman, Cleinhans Aspers sun, ab Asp by Zürich

  • Rudolf Clotterr by Clottersbach zu Wollßhoven

  • Figel, Hans Köchlis Tochter am Klotterbach

  • Cunratt, Agnesli und Hartman Köchli am Klottersbach

  • Jacob Kryg von Erdbrust

  • Hans Mol von Erbrust by Hans Leimbacher ze Erbrust

  • Jörg Scheller, Anna Schellerin ze Erdbrust by Kilchberg am Zürichse

  • Rudy Honren mit Elsy, Annly, Trifli von Erdbrust by Zurich

  • Petter Honrain von Erdprust

  • Fremy Wiß, Heini Wiß, Rudy Wiß zuo Erdbrust amm Zürichse

  • Thoman Blüwler von Honre am Zurichse

  • Andres Blüwler, Rudi Raemi von Honerrin Zürich

  • Elsy Artterin ab dem Horn

  • Holder, stott am Spitz RSM Zurich

  • Holderstok am Spytz RSM

Die Liste ist sehr interessant. Zunächst sehen wir wichtige frühe Wollishofer Geschlechter, die später nicht mehr erscheinen: So etwa die Familie Kryg, die Clotter, die Peter, die Rott. Es gibt aber auch solche, die später immer noch da sind: die Asper zuerst, dann aber auch die Bleuler («Blüwler») oder die Arter. Auch die Köchli gehören dazu, obwohl sie im 16. und 17. Jahrhundert zahlenmässig stark gewesen waren, dann aber zurückgingen und im 19. Jahrhundert Wollishofen fast ganz verliessen. Einen zusätzlichen Hinweis verdienen auch die «Clotter», die man heute wohl Kloter schreiben würde, was auf ihre ursprüngliche Herkunft aus Kloten deutlicher hinweist. Es scheint, dass die Clotter sogar dem Dorfbach ihren Namen aufgedrückt haben, ist doch davon auszugehen, dass der «Clotterbach» der Dorfbach Wollishofens war, und die Kloter im Weiler Am Bach wohnten – in den Häusern, die ebenfalls später (auf der Gygerkarte 1667) «Köchlihäuser» hiessen. Diese Ortsangaben sind allerdings Hypothesen, denn belegen lassen sie sich nicht. Auf der sicheren Seite sind wir aber mit den zahlreichen Angaben zu «Erdbrust», die teils allein (ohne Wollishofen) stehen: es heisst dann «Erdbrust am Zürichse».


Zwei kleine Anmerkungen zur Liste sind eher auf der witzigen Seite. Einmal sind – was auf der gesamten Liste keine Ausnahme ist – zwei Wollishofer Haustiere ebenfalls Loskäufer. Einmal ist «Hennssli Krygen» Katze, genannt «die guett müsserin», dabei, dann auch das Kalb von Hans Krig «kalb genant Kleini». So wie viele Familienmitglieder einzeln Lose kauften, um das Glück für die ganze Familie herauszufordern, so wurden offensichtlich auch Haustiere zwecks Chancenerhöhung eingespannt! Eine zweite Bemerkung betrifft die letzten beiden Einträge, die möglicherweise nicht zu Wollishofen gehören: «Holder, stott am Spitz RSM Zurich; Holderstok am Spytz RSM». Erstens wissen wir nichts zum Namen – «Holder» als Personenname ist sonst nicht belegt; Holderstock auch nicht. Dann wissen wir nicht, wo «Spitz» sich befinden soll; Hegi vermutete, dass es sich um ein Gebiet zwischen der Stadt und Wollishofen, nahe beim Wollishofer Pförtli gehandelt habe. Das wäre dann aber Gebiet der späteren Schanzen, oder einfach Engemer Gemeindegebiet. Und drittens wissen wir nicht, was die drei Buchstaben «RSM» bedeuten sollen. Frage: Was wäre zu tun gewesen, wenn Holder oder Holderstock den Hauptpreis gewonnen hätte? Dann wäre die Suche nach den rechten Gewinnern wohl losgegangen...


Noch ein Wort zu den Vornamen. Es fällt auf, dass die drei klassischen Zürcher Männer-Vornamen Hans, Heinrich und Rudolf alle vertreten sind, weitere übliche wie Peter und Jürg ebenfalls. Schon seltener waren später Vornamen wie Lutpold oder Harttmann. Bei den Frauen sind Elsy, Gretli, Annli (von Elisabeth, Margareta und Anna) auch später üblich, auch Barbara und Regula bleiben zürcherisch, Adelheit taucht später vielleicht seltener auf. Bisher nicht gestossen bin ich auf «Figel» und «Fremy», die ich allerdings auch nicht auflösen kann (vielleicht bedeutet «Fremy» ja einfach Verena («Vreni»).


Viele Namen, die wir bisher nicht kannten! Dahinter aber viele Schicksale, von denen wir noch weniger wissen!! Und alles nur, weil die Organisatoren des Freischiessens im Glücksspiel eine zusätzliche Einnahmensquelle entdeckten und nutzten…


HOMO LUDENS



(SB)


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