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ZELLERSTRASSE

Aktualisiert: 29. Mai 2023

Die heutige Zellerstrasse ist kurz, aber attraktiv! Für Nicht-Ortskundige ist sie etwas schwierig zu finden, sozusagen nur über kleine Nebenstrassen wie Johanna- und Hoffnungsstrasse von der Kilchbergstrasse her erreichbar. Einst war die Strasse aber länger und besser ans Zentrum angeschlossen. Doch es geschah eine richtige Operation, ja es wurde gar eine Amputation vorgenommen! Doch alles der Reihe nach!


Für einmal ist das Strassennamenbuch der Stadt ungenügend, jedenfalls lässt es einen ratlos zurück. Dort heisst es nämlich lapidar, die Zellerstrasse gebe es seit 1893, der Name sei vom «Namen eines Anstössers» herzuleiten. Schaut man im entsprechenden Stadtratsbeschluss 930 (1892) nach, so erscheint die Zellerstrasse in der Tat als Strasse einer «Zuteilungsgemeinde», «für welche eine offizielle Benennung entweder noch ganz fehlt, oder gegen deren jetzige Bezeichnung Rücksichten sowohl des privaten als amtlichen Verkehrs sprechen» – was das auch immer heissen mochte. Deshalb beantragte die «Spezialkommission für Strassenbezeichnung», die Strasse «vom Kreuzungspunkt am Bach durch den Rumpump bis Kilchbergstrasse» neu «Zellerstrasse» zu nennen. Die aktuelle Datenbank für die Strassennahmen weist immerhin neu auf «Jakob Christoph Zeller (1814-1884): Ingenieur. Besitzer der Grundstücke beim Bürgli, durch welche die Strasse angelegt wurde» hin – den Herrn kennen wir schon (vgl. BLOG Rote Fabrik).*


Wer die heutige Zellerstrasse kennt, ist erstaunt, dass diese Strasse 1892 am Bach, d.h. an der Albisstrasse beginnen sollte. Und eben, diesem Umstand wollen wir auf die Schliche kommen. Also: Die Geschichte der Zellerstrasse avant la lettre beginnt mit einer Strasse, die nach Bau der Eisenbahnlinie 1875 von der Siedlung Am Bach dem Trassee entlang nach Süden zum Übergang des Rumpumpsteigs über das Geleise – die Bahn war einspurig – führte.


Ausschnitt Zellerstrasse. Aus: Übersichtskarte Zürich Burger&Hofer. 1896. e-rara.


Mit der Erschliessung von potentiellen Wohngebieten an der Kilchbergstrasse und auf der Terrasse seeseitig – wo heute eben die Zellerstrasse liegt – wurde die Zellerstrasse über den Rumpumpsteig verlängert und mit den kleinen Erschliessungsstrassen Johanna- und Hoffnungsstrasse verbunden. Der Kartenausschnitt von 1896 zeigt den damaligen Zustand. Er zeigt auch schön, wie sich ein Siedlungskern Wollishofens durch Verschmelzung von kleineren früheren Weilern, zum Beispiel Am Bach mit Rumpump, bildete. Die Zellerstrasse war Teil dieser Verschmelzung – mehrere Arbeiterhäuser wurden um 1890 im Baumeisterstil zwischen Strasse und Schiene errichtet. Zellerstrasse 5 steht heute noch (als Seestrasse 369), Zellerstrasse 7 ist verschwunden, es gibt aber eine schöne private Ansichtskarte, wohl um 1920:

Zellerstrasse 7. Private Ansichtskarte um 1920. Sammlung MZ. Nicht gelaufen.


Es scheint, dass in Zellerstrasse 7 damals längere Zeit die Post einquartiert war, jedenfalls ist auf dem Plan oben das so eingetragen. Nummer 7 war aber kein Einfamilienhaus. Es wohnten 1935 folgende erwachsene Männer im Haus:

  • Frei-Held, Maschinist (Eigentümer)

  • Diener, Schiffsführer ZDG (Dampfbootgesellschaft)

  • Frei W El.-Techniker

  • Laupper a. Coiffeurmeister

  • Laupper, Feinmechaniker

Diese mussten ihre Wohnung bald räumen, denn mit dem Bau der Unterführung** der Seestrasse unter der Bahnlinie hindurch 1938 wurde das Haus Zellerstrasse 7 abgerissen. Das Nachbarhaus Zellerstrasse 5 – auch ein Baumeisterhaus – konnte stehen bleiben und ist heute Seestrasse 369. Denn die Zellerstrasse wurde in diesem Bereich zur Seestrasse, die bis heute unter der Bahn hindurch zur Roten Fabrik und weiter bis nach Kilchberg führt.


Damit war die Zellerstrasse von der Albisstrasse abgeschnitten. Eine Erschliessung über die Bahn oder via Rumpumpsteig kam nicht in Frage, weshalb eine längere Diskussion über den Anschluss erfolgte. Die Renggerstrasse, die parallel zur Zellerstrasse eine Verbindung zur Albisstrasse hatte, war noch nicht über den Rumpumpsteig hinaus erstellt. Zum Schluss kam 1942 die Lösung, die wir heute kennen, zur Realisierung: die über den Steig verlängerte Renggerstrasse sollte für den Autoverkehr zwar bis zur Nummer 94 gebaut werden, dann aber mittels eines geschwungenen Fussweges zur stark verkürzten Zellerstrasse verbunden sein. Diskutiert wurde auch, ob die so amputierte Zellerstrasse durch Umbenennung der Johannastrasse wenigstens an die Kilchbergstrasse angeschlossen werden sollte. Man wollte die Heidi-Autorin aber nicht schwächen – die Johannastrasse ist nach Johanna Spyri benannt – und liess es deshalb bei der ursprünglichen Variante, dass Johanna- und Hoffnungsstrasse ihre Benennung behielten, und die Zellerstrasse halt ohne direkten Anschluss an eine grössere Strasse – Albis- oder Kilchbergstrasse – eine attraktive Wohnstrasse wurde bzw. blieb: mit Seesicht und schönen Häusern (siehe auch Blog Urbane Villen).


Fusswegverbindung zwischen Zeller- und Renggerstrasse. Foto SB (6.3.2022).



(SB)


 

* Eine interessante Neuigkeit zur Familie Zeller, die ja auch das Zürcher Stadtbürgerrecht besass, habe ich unlängst aus der württembergischen Stadt Schramberg erfahren: So waren die Zeller unternehmerisch und verwandtschaftlich mit der Familie Junghans, den Gründern der berühmten Deutschen Uhrenindustrie, verbunden. Vgl. Thomas Poller: Erhard Junghans (1823-1870). Frankfurt a/Main 2023.

** Der Bau der Unterführung der Seestrasse unter der Bahnlinie hindurch war Thema im Blog AM BACH. Dort ist auch ein schönes Foto der Baustelle abgebildet.

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