URBANE VILLEN IN WOLLISHOFEN

Aktualisiert: 8. März

1891 wollte Wollishofen nicht zur Stadt! Dabei gehörte es als Umlandgemeinde kulturell schon längst dazu. Schon zu Zeiten des Alten Zürich besassen viele Stadtbürger Land- und Sommersitze in den Gemeinden rund um den Zürichsee, bekannteste und legendär sind heute die noch erhaltenen wie die «Schipf» in Herrliberg oder der «Bocken» in Horgen.


Auch an der stadtnahen Silberküste gab es solche Anlagen, so etwa in Wollishofen das «Lust- und Wohnhaus» von Hauptmann Bodmer, genannt «Tivoli» (vgl. Blog «Tivoli») oder – noch prominenter – das heutige Muraltengut, knapp ennet der Grenze im Quartier Enge an der Seestrasse 203 gelegen. Das wurde in den Jahren 1777‒1782 vom Zürcher Stadtbürger und Stadtbauherrn Johannes Werdmüller (1725-1801) als vornehmes, spätbarockes Landgut, damals direkt am See, errichtet.


Gründerzeit-Villen


Der stärkere Anschluss an Zürich im 19. Jahrhundert, zunächst verkehrsmässig, später dann eben auch politisch, intensivierte den urbanen Villenbau zunächst noch. So entstanden insbesondere an der Bellariastrasse auf Engemer und auf Wollishofer Gebiet prächtige Anwesen, teils von national reputierten Architekten wie Leonhard Zeugheer entworfen wurden. Die Anwesen enthielten meist nicht nur schöne Villen, sondern auch umfangreiche Gärten – der Rieterpark ist heute noch ein «Relikt», ein schönes Relikt, aus jenen Zeiten. Andere Villenkomplexe sind schon wieder von der Bildfläche verschwunden, weil der Boden für neuere Wohnbauten zu knapp, und deshalb zu teuer wurde. Ein illustratives Wollishofer Beispiel für diese Entwicklung ist die «Villa Greten», seinerzeit an der Bellariastr. 57, oberhalb des Haumessers, gelegen. Leider ist uns keine Postkarte der Villa bekannt, deshalb ein Foto aus der Sammlung BAZ:


Villa Greten, Bellariastr. 57. Baujahr 1886, Abbruch 1944. Aufnahme um 1900.

Fotograf unbekannt. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Der Wollishofer Stadtwanderer Conrad Escher, dem wir zahlreiche Informationen aus dem frühen 20. Jahrhunderts verdanken, hat auch die Villa Greten genauer angeschaut. Er notierte: «Die erst erbaute aller jener Villen ist diejenige des Hrn. Zollinger-Jenny auf der 'Greten'. Greten kommt von Grete (Margarethe) und hat seinen Namen vielleicht von einer Besitzerin, die im Haumesser wohnte. Der Name 'Gret' hat immerhin einen etwas spöttischen Beigeschmack. Von allen diesen Villen genießt man eine wunderschöne Aussicht.» Im INSA-Band wird die von Architekten Albert Müller entworfene Villa als «Landschlösschen in reichem Historismus mit schlankem Erkertürmchen» bezeichnet. Diese Herrlichkeit musste 1944 der Überbauung «Bellariapark» weichen, die nun auch schon wieder ersetzt ist. Die Villa erfreute sich eines 60jährigen Lebens, der Bellariapark etwa 75 Jahre. Wie lange werden die neuen Bauten stehen?


«Bellariapark» in Wollishofen. Aufnahme 1946. Wolf Bender's Erben.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.



Hauptsache Seeblick


Für Villen sehr begehrt waren Standorte mit unverbaubarem Blick auf den See, so zum Beispiel auch an der Zellerstrasse, die parallel zur alten Landstrasse speziell für gute Wohnlagen realisiert wurde. Eindrücklich blicken noch heute die beiden Villen Zellerstr. 58 und 62 in Richtung Süden. Erstere ist die Villa Gutland, letztere die Villa Diana. Auf der blauen Tafel von Nummer 58 steht:


«1909 von den Architekten Robert Bischoff (1876-1920) und Hermann Weideli (1877-1964) für Banquier und Generalkonsul Ernst Vogel erbaut. Die Heimatstilvilla mit grossem Mansardwalmdach zeigt neubarocke Formen. Zusammen mit der gleichzeitig errichteten Villa Diana, Zellerstr. 62, und den zugehörigen Gärten ist die Villa Gutland ein wichtiges Werk von Bischoff&Weideli. Unter Denkmalschutz seit 2002.»

Villa Gutland, Zellerstrasse. Foto SB (14.02.2021).


Es mussten aber nicht immer grossbürgerliche Villen mit grossem Umschwung sein, um die neuen städtischen Wohnbedürfnisse Wollishofens zu befriedigen. Ein schönes Beispiel für repräsentativen urbanen Wohnbau um 1900 ist/war die Jugendstilvilla an der Rainstrasse (Nummer 19), erbaut 1907, abgebrochen 2000. Die Villa wurde vom «Bundesbahndirektor» Dr. Heinrich Hafner in Auftrag gegeben, Architekt war August Veith. Veith baute gemäss INSA-Angaben «einen zweigeschossigen Jugendstilbau unter Mansardwalmdach mit Ziergiebel» – also ein durchaus repräsentatives Wohnobjekt! Freilich war es ein Einfamilienhaus, was ihm zum Verhängnis wurde. Heute steht an seiner Stelle ein Mehrfamilienhaus mit drei Wohnungen! – Zur Illustration ein Bild aus vergangenen Zeiten: Der Anfang der Rainstrasse um 1910 (fotografiert in Richtung Butzenstrasse): Ein noch vollig bäuerliches Wollishofen tritt in Kontakt mit urbanem Jugendstil... (der, wie es scheint, auch den Gartenzaun erfunden hat).


Rainstrasse (Nummern 6, 15 und rechts 19), Aufnahme 1908, Tiefbauamt.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.



(SB)

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