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ALLE JAHRE WIEDER

Aktualisiert: 1. Juni 2023

«Alle Jahre wieder, saust der Presslufthammer nieder», hiess es im Kinderbuch von Jörg Müller aus dem Jahr 1973. Seit wenigen Jahren saust der Presslufthammer in Wollishofen aber häufiger. Hier einmal mehr aus aktuellem Anlass: ein Zusatzblog!


Renovieren ist besser für das Klima als neu bauen


Es ist paradox. «Renovieren ist besser für das Klima als neu bauen», titelte die Neue Zürcher Zeitung unlängst (vom 17. Februar 2023). Dort wird betont, wie viel Energie Bauen generell brauche, und wie viel klimaschädliches CO2 durch Abriss und Neubau von Wohn- und Geschäftsräumen entstehe. «Graue Energie wird wichtig», und es brauche ein Umdenken in Politik und Baubranche.


Von einem Umdenken ist in Wollishofen nun aber leider gar nichts zu spüren. Neuestes Beispiel, gleich um die Ecke: die Eckbebauung Morgentalstrasse/Besenrainstrasse, erbaut 1926. Längst wurde die Baueingabe gemacht. Dass sie gutgeheissen wurde, sieht man vor allem daran, dass die bisherigen Mieter seit längerer Zeit ausgezogen sind. Das Haus ist geräumt – nur die Polizei macht hie und da Übungen im leeren Objekt, und dieser Tage werden die Bäume rund um die Liegenschaft gefällt. Der Abriss dürfte damit unmittelbar bevorstehen!


Anders als beim Baumeisterhaus Simmlersteig 16, wo ich als geschichtsbewusster Zeitgenosse mich deutlich für Erhalt des Hauses aus historischen und ästhetischen Gründen ausgesprochen habe, komme ich beim Projekt der Liegenschaften Morgentalstrasse 28-30 und Besenrainstrasse 35 nicht leicht zu einem Schluss. Zu wenig bekannt sind mir der Zustand und die Ausbaumöglichkeiten der bestehenden Bauten. Die provisorischen Stahlpfeiler, die die Balkone stützen, weisen auf schlechte Bausubstanz hin, und vielleicht sind auch die Wohngrundrisse so, dass es einfach fürs Renovieren nicht ging. Aber dennoch: Das Gebäude ist eindrücklich, schön gestaltet, etwas heimatstilig, mit den hübschen Rundungen und den Mansarden. Ein Bild des ursprünglichen Bauschmucks kann auf dem Blog MORGENTALSTRASSE besichtigt werden. Irgendwann erlitt auch dieses Haus eine sogenannte Purifizierung...


Der erste Besitzer 1926, Otto Bickel* – kein Unbekannter –, dürfte auch der Architekt gewesen sein; schon bald kamen die Häuser aber in den Besitz der damaligen Rentenanstalt. Bei sinnvollem Unterhalt wäre das Ensemble wohl noch lange Zeit funktionsfähig geblieben, also eigentlich erhaltenswürdig. Nicht zuletzt eben auch aus ökologischen Gründen.


Besenrainstrasse 35. Foto: zvg (10.2.2023).


Verdichtung ja, aber nicht so


Die Raumplanung der Stadt ist unter Druck. Der Souverän hat auf Antrag von Stadt- und Gemeinderat zur Verdichtung grundsätzlich Ja gesagt – in der Hoffnung, das erwünschte Mehr an Wohnfläche nicht mit einem zu grossen ökologischen Verlust berappen zu müssen. Es war die Rede davon, an den Hauptstrassen stark zu verdichten, die Wohngegenden aber maximal zu schonen. Von einer solchen Strategie ist aber, mindestens in Wollishofen, nicht viel zu spüren.


Morgentalstrasse 28-30. 2022. Foto: Wenger Timon. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Wie beim Dammbruch ist eine Welle von Neubauwille über uns hineingebrochen, ungeachtet der bisherigen Bauweise werden grösstmögliche Neubauten erstellt, ganze Parzellen vollständig unterkellert, wo «Gärten» entstehen, in denen kein Baum mehr wachsen kann – in der Hoffnung, der Nachbar lasse seinen Garten mit den grossen Bäumen dann schon noch stehen. Oder – wie bei der Rainstrasse 63 –, wo der Friedhof als Nachbar (als grüne Lunge) für genügend gute Luft und beruhigendes Grün sorgt. Wir reden von überhitzten Städten, wollen mehr Bäume pflanzen und Häuser begrünen – nehmen aber gleichzeitig «Urbanisierung» vor, die das Gegenteil bewirkt.


Diese Art der Verdichtung bedroht nicht nur den traditionellen Charakter des Quartiers, bedroht ist generell die Durchgrünung, und damit auch die Lebensqualität. Schade!



(SB)


 

* Otto Bickel-Schirmer, 1894-1964, wohnhaft in Hirslanden, Architekt zahlreicher stattlicher Villen ebenso wie Mehrfamilienhäuser am Zürich- und Adlisberg – und eben auch in Wollishofen, so zum Beispiel die EFH Rainstrasse 48 und 50 (letzteres bereits 1959 wieder abgetragen).


Nachtrag:

Nun ist es soweit! Der «Rückbau», der Abriss, hat am 26. April begonnen.


Abriss des Gebäudekomplexes Besenrain-/Morgentalstrasse. Foto SB (26.04.2023)







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