ENNET DEM BUTZEN

Aktualisiert: 31. Mai

ODER: GREENCITY AND NEW MANEGG


Lange Zeit gab es entlang der Sihltalstrasse (die auf Wollishofer Gebiet Allmendstrasse heisst) vor allem Industrie. Zuerst ein bisschen, später dann mehr. Historisch begann es – das kann man im Band V von «Baukultur in Zürich» nachlesen (S. 114) – mit einem «Weizenhaus», das Oberrichter Stocker 1857 am Ufer der Sihl erbauen liess. Das Gebäude wurde in der Folge mehrmals umgebaut und umgenutzt: 1861 als «Tonmühle», 1875 als Spinnerei Manegg und 1904 als Papierfabrik An der Sihl.* In jenen Jahren kam dann die Sihltalbahn dazu, was schon für die Papierfabrik wichtig war, aber auch sonst einen Ausweitungseffekt bewirkte. So errichtete die Zürcher Baufirma Locher hier ihre Zimmerei. Und später – auf der anderen Seite der Strasse – Siemens Albis. Diese industriellen Nutzungen waren insofern unproblematisch, als dass sie gegen die möglichen Überschwemmungen der Sihlufer bis in die Stadt Zürich hinein eher gefeit waren.


Industrie im Sihltal

Spinnerei Manegg, um 1920. Foto: Konsumverein Uetliberg.

Sammlung MZ. Gelaufen 19.8.1922.


Das Fabrikgebäude Manegg wurde an der alten Sihl, dem unbezähmten Fluss, erbaut. Aber man brauchte deren Wasser und Wasserkraft! Bis heute besteht der Kanal, der – unweit der Grenze zu Adliswil – Wasser abzweigt und bis zur Manegg führt, an der Fabrik vorbei, wieder der Sihl zuströmt. Obwohl an der Sihl ein Pionier, war die Spinnerei eher eine Spätzünder-Idee (wie auch die Rote Fabrik, vgl. BLOG). Denn das Ende der grossen Zeit der schweizerischen Textilindustrie war – mindestens für einzelne Zweige der Produktion – in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts bereits absehbar. So übernahm 1905, wie erwähnt, die Papierfabrik An der Sihl das Gebäude.


Die Papierfabrik nutzte den Standort in der Folge ausgiebig und baute ihn aus. Viel später, 1970, wurde für das Werk Manegg ein Industriedenkmal sondergleichen in unmittelbarer Nähe errichtet: ein mächtiger Betonbau. Dieses Zelluloselager wurde 2014 bis auf Turm abgetragen, ganz weg kam es 2020.


Sihlpapier, Werk Manegg. 1982. Foto: Büro für Denkmalpflege.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Auch die Aktien können heute (fast) nur noch per ricardo.ch erworben werden:

Aktie Papierfabrik an der Sihl. 1988. Sammlung MZ.


Wohnen im Sihltal


Schon immer war die Sihl ein unberechenbarer Fluss, was Bauwillige allerdings nicht davon abhielt, auch Wohnbauten an seinen Gestaden zu errichten. Im Gebiet Manegg – auf beiden Seiten der Sihl – standen schon vor 1900 Wohnhäuser, so am Spinner- und am Spulenweg. Seit dem Bau des Sihlsees bei Einsiedeln änderte allerdings das Risiko. Der Sihlsee, ab 1937 fertiggebaut und in Betrieb, erlaubte es einerseits, das Sihlwasser besser zu regulieren, anderseits schuf er ein neues Schreckensszenario für Zürich. Bei Dammbruch wäre ein grosser Teil der Stadt überflutet worden. Weil dieses Szenario eine durchaus realistische Gefahr war, brachte das Tagblatt in meiner Kinderzeit häufig den Warnhinweis und Massnahmen bei Gefahr schon auf der ersten Seite. Ich erinnere mich noch genau an die Grafik, ein Stadtplan mit rot schraffierter Gefahrenzone!!


Vereinzelte Gebäude an der Sihl im Raum Manegg um 1900:

Frymannstrasse, Spinner- und Spulenweg.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Diese Gefährdung hat sich bisher nicht geändert. Immerhin gibt es neue Infrastruktur zur Verhinderung von Stauungen (Rechen) und auch Pläne für einen Entlastungsstollen bei Langnau liegen vor (der überschüssiges Sihlwasser in den Zürichsee ableiten würde). Doch bis zur Fertigstellung dieses Stollens bleibt die Gefahr bestehen (Kritiker halten den Stollen allerdings für zu klein bemessen). Was bauwillige Unternehmen und den Kanton samt Gemeinden dazu brachte, im Sihltal – auf Niveau des Flusses – neue grosse Wohngebiete zu bewilligen und erschliessen, das wissen die Götter. Fakt ist aber, dass auf Wollishofer Gebiet mit dem Sihlbogen, mit Green City und New Manegg grosse neue Überbauungen realisiert wurden und werden, die die ganze Infrastruktur neuer Quartiere benötigen, insbesondere auch Schulhäuser.


Noch im Oktober 2017 veröffentlichte das AWEL (Kantonales Amt für Wasser etc.) eine Broschüre mit dem Titel «Hochwasserschutz an Sihl, Zürichsee und Limmat», in dem die Gefahrensituation eindringlich dargestellt wird. Es heisst da «Risiken steigen von Jahr zu Jahr»: «Die Gefahrenkarte und Analysen des Schadenpotenzials zeigen, dass das Überflutungsgebiet auf dem Sihl-Schwemmkegel eines der grössten Hochwasserrisiken der Schweiz aufweist. [...] Die Zahl der Gebäude in Zürich hat sich seit dem letzten grossen Sihl-Hochwasser von 1910 vervielfacht.» Und eben: die Zahl der Wohngebäude nimmt noch immer rasant zu.


Das Quartier ist (fast fertig) gebaut, es ist, wie mehrere Augenscheine beweisen, auch stark bewohnt, wirkt an schönen Tagen belebt. Natürlich muss man auch noch warten, bis das Hotel vor Ort die Pandemie überstanden hat und die Schulhäuser fertiggestellt und bezogen sind. Über die Architektur schweigt des Bloggers Höflichkeit.


Zentrum Greencity mit Station Manegg der Sihltalbahn. Foto SB (4.3.2022).


Erhalten und schön renoviert: Alte Spinnerei Manegg. Foto SB (4.3.2022).



Stolperstein: Sekundarschulhaus


Während das Primarschulhaus zwischen zwei hohen Gebäudekomplexen zwar etwas beengt, aber doch funktional daherkommen wird, mit Pausenplatz aus Platzgründen auf dem Dach – wir Stadtzürcher Stimmbürger haben dem Projekt ja 2020 zugestimmt –, ist das Sekundarschulhaus noch in Planung. Hier dünkt mich die Arealwahl schwieriger, zwischen Allmendstrasse und Sihltalbahn eingeklemmt, viel zu wenig breit, aber viel zu lang! Gleichzeitig wird dafür ein Areal beansprucht, auf dem heute noch Industriebauten stehen, die für das Bild des Quartiers von grosser Bedeutung sind – und meines Erachtens auch bleiben sollten. Der Architekturwettbewerb wurde vor kurzem abgeschlossen mit drei Gewinnern, von diesen drei lassen zwei die Hallen stehen und integrieren sie in ihr Projekt, das Siegerprojekt hingegen reisst alles ab. Das ist unklug, schon von der Aufgabenstellung her nicht gut gedacht. Auch die NZZ hält den Juryentscheid für «unverständlich»!**


Es ist sehr zu hoffen, dass die Stadt auf diese Vorentscheidung zurückkommt und ein Projekt weiter verfolgt, das die Industriehallen schützt.


Locher & Cie AG Zürich, Zimmerei. Um 1930. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Erhaltenswürdig: Industriebaute Manegg 2022. Foto SB (4.3.2020).



(SB)

 

*Zu Industriegeschichte und Spinnerei vgl. auch das Neujahrsblatt 2022 des Ortsmuseums: Die Spinnerei Wollishofen an der Sihl, von Martin Illi!

** Adi Kälin in der NZZ vom 29. März 2022 (S. 17).

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