FERNÖSTLICHE TRÄUME

Aktualisiert: 29. Mai

ODER: URBANE VILLEN ZWEI


Markus Zimmermann ersteigert einen Teil seiner Postkartensammlung auf Internet-Börsen. Unlängst ist ihm ein echter Fund gelungen. Eine seltene Aufnahme! Gemeinsam haben wir gerätselt, welche Reihe repräsentativer Villen in Wollishofen auf dieser Karte von 1914, fotografiert und produziert von Fritz Fischer Papeterie, abgebildet sind. Der Ort des Geschehens ist unzweifelhaft auf der Karte – von Hand – angeschrieben: ZÜRICH-Wollishofen. Aber steht von dieser Reihe noch das eine oder andere Haus? Das herauszufinden, ist knifflig. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sicht, die auf der Karte wiedergegeben ist, im heutigen Stadtbild so nicht mehr zur Geltung kommen dürfte, da am Standort des Fotografen wohl andere, jüngere Häuser stehen. Schwierig.


Zürich-Wollishofen, Villen Bellariastrasse 65-79. Papeterie Fritz Fischer.

Sammlung MZ. Gelaufen am 4.4.1914.


Ich löse das Rätsel gerne auf. Eine Villa der Reihe steht noch. Es ist die zweite von links, in der Mitte der Karte, die sog. «Villa Kehl», erbaut 1902 vom Bauherrn Paul Kehl, Gründer und langjähriger Besitzer des «Paul-Kehl-Zürich», des Modegeschäfts «PKZ» mit dem Hauptgeschäft an der Bahnhofstrasse!! Die Villa ist stilreiner Klassizismus, steht an der Bellariastrasse 75, wurde vom renommierten Architektenbüro Pfleghard-Haefeli geplant und realisiert, Baujahr eben 1902. 1914, als das Foto geschossen wurde, lebte Kehl allerdings nicht mehr, er starb 1910, seine Firma wurde als «Burger-Kehl und Co.» weitergeführt. Bei der Villa nahm man in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts Erweiterungen vor, allerdings unter möglichster Schonung der originalen Bausubstanz. Um das Haus von unten fotografieren zu können, muss man heute in Gärten einsteigen, so dass gilt, was oben vermutet wurde: Im heutigen Stadtbild kommt die Villa in ihrer Erscheinung nicht mehr so prominent zur Geltung wie noch 1914!


Die übrigen Villen sind heute nicht mehr, sie wurden abgerissen und durch Neubauten ohne Villencharakter ersetzt. Das Haus ganz rechts dürfte Bellariastr. 65 sein, Baujahr 1908, erst 1986 entfernt! Über die nächsten zwei Häuser weiss ich vorderhand wenig, dann folgt die bereits behandelte Villa Kehl, eine klassizistische Villa sondergleichen. Links der Villa Kehl, am Kartenrand: Bellariastrasse 79. Diese Villa trägt keinen besonderen Namen. Sie ist im englischen Stil erbaut, mit fernöstlichen Anklägen und Jugenstilelementen. So jedenfalls formuliert es der INSA-Band Zürich (S. 313). Erbaut wurde dieses exotische Schmuckstück vom Architekten Conrad von Muralt 1905. Bauherr war E. Fierz-Zollinger, d.h. das E. stand wohl für Emy, also für die Bauherrin, die als Witwe von Theodor Fierz-Zollinger noch Jahrzehnte im feudalen Haus lebte. Abgerissen wurde es 1950. Das ist sehr schade, brachte es doch einen Hauch Exotik nach Wollishofen! Natürlich wurde die Villa später erbaut als die Villa Patumbah an der Zollikerstrasse, und sie war auch weniger extravagant, aber nichts desto trotz bedeutete sie ein wenig Fernweh eines global tätigen Handelsherrn!


Überhaupt: die Karte zeigt mit dem Ausschnitt Bellariastrasse ein gründerzeitliches Zürich, ein gründerzeitliches Wollishofen, mit stilistisch eigenwilligen Villen und feudalen Mehr-familienhäusern, die einen nicht nur an die Zollikerstrasse auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt erinnern, sondern auch an schöne Wohngegenden wie Grunewald oder Dahlem, beide in Berlin.


Betrachten wir also die Villa Nummer 79 etwas genauer mit Hilfe einer auf 1908 datierten Fotografie:


Bellariastr. 79, Fotograf: Johannes Meiner, datiert 1908.

Baugeschichtliches Archiv Zürich


Eine imposante Fassade gegen Süden, mit einer symmetrischen Anlage, einer Mittelachse mit Garteneingang und – links und rechts – zwei vorgesetzten Veranden. Ich bitte, die Säulen der Veranda genauer zu betrachten – sieht doch aus wie in einem ostasiatischen Tempel, ebenso das schmiedeiserne Geländer mit asiatisch anmutenden Formen. Eine eindrückliche, gleichzeitig aber auch eine angenehme Häuslichkeit versprechende Architektur!


Die Fotografie habe ich nicht nur wegen der Villa Bellariastrasse 79 gewählt, sondern auch wegen des Mittel- und des Hintergrunds. Im Mittelgrund erkennen wir zwei markante, 1908 noch relativ junge Gebäude, Häuser der Jahrhundertwende an der Mutschellenstrasse. Das zweiteilige Mehrfamilienhaus mit den markanten Dreiecksgibeln in der Flucht der Fassade der Villa ist Mutschellenstr. 154/156 (unlängst abgerissen), ganz am linken Bildrand das MFH Mutschellenstrasse 182 (steht noch!).


Ein Blick auf die Rainstrasse 1908


Besonders interessant ist auch der Hintergrund der Aufnahme. Vor der Albiskette ist der Ausläufer des Entlisberges gegen Norden sichtbar, auf dessen Horizont die Rainstrasse mit wenigen einzelnen Bauten zu erkennen ist. Am linken Bildrand sehen wir das Doppel-Bauernhaus Rainstrasse 10/12, das glücklicherweise heute noch steht und von früherer Wollishofer Geschichte zeugt. Neben der – ebenfalls heute noch stehenden, aber umgenutzten – Scheune (an der Ecke des Rainfusswegs) erkennt man das erste nach-bäuerliche Haus der Rainstrasse, Nummer 19, das aufmerksame Blogleser:innen schon kennen (siehe BLOG Urbane Villen): die Jugendstil-Villa von Dr. Hafner an der Rainstr. 19. Das nächste Haus – eine prächtige, von Weinbergen umgebene Villa –, ist die heutige Nummer 28. Dieses Haus steht noch. Und hinter dem Busch erkennen wir wohl die heutige Nummer 32. Diese drei Häuser sowie die später erbauten Häuser (fehlende Nummern) kommen in der Fotografie unten meisterhaft zur Geltung! Die fehlenden Nummern sind wenig später dazugekommen!


Rainstrasse 22-32. Mit herrlichen Gärten (wo einst Rebberg war)!

Fotograf Heinrich Wolf-Bender, ca. 1920. Baugeschichtliches Archiv Zürich.



(SB)



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