GREPPI- UND STÜNZI-HÄUSER

Aktualisiert: 29. Mai

Greppi-Häuser und Stünzi-Häuser: die beiden haben gemeinsam, dass sie Zeugen der Wollishofer Industrialisierung sind. Während die Greppi-Häuser, an der Seestrasse, just vis-à-vis der Roten Fabrik, liegend, auch architektonisch-städtebaulich mit dem Juwel der Wollishofer Industrialisierung verbunden sind, muss man bei den Stünzi-Häusern schon mehr wissen, um die Verbindung zu erkennen: sie befinden sich – bzw. befanden sich – an der Butzenstrasse bei der Haltestelle Verenastrasse der Buslinie 70. Heute sind sie abgebrochen und durch eine modernistische Siedlung ersetzt.


«in schönster Lage in Wollishofen»


Als ich erstmals von Greppi hörte – es war lange, nachdem ich den Block als solchen wahrgenommen hatte – hiess es «Greppi-Haus». Ich dachte mir, eigentlich müsste es «Greppi-Block» oder eben: «Greppi-Häuser», im Plural, heissen. Es sind vier eigenständige Liegenschaften, die zwar zusammengebaut sind, und als ein Ensemble wahrgenommen werden. Aber die verschiedenen Nummern haben (heute) verschiedene Besitzer.


Doch es war ein Architekt: Baumeister Angelo Greppi. Greppi ist ein bekanntes italienisches Geschlecht, weshalb ich zuerst dort nach einem «architetto Greppi» suchte. Doch vergeblich: unser Greppi war ein Ticinese, kam von Caslano nach Zürich, um grosse Häuser zu bauen. In Wollishofen hat er das geschafft, ob es noch andere Häuser von ihm in Zürich gibt, weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass Greppi seine vier Häuser nicht sofort verkaufen konnte, und auch, dass er relativ bald nach Fertigstellung des Blocks an der Seestrasse gestorben ist.

Wollishofen vor den Glarner Alpen. Links mittig erkennt man den gewaltigen Baukörper, den die Greppi-Häuser an der Seestrasse bilden.

Verlag Gebrüder Wehrli. Sammlung MZ. Gelaufen 18.7.1905.


Ersteres schliesse ich aus dem Umstand, dass Greppi in der NZZ im Herbst 1896 mehrere kleine Inserate mit dem Titel: «Für Kapitalisten» geschaltet hat, in denen er einen «Neubau» zum Kauf anbot: Er sei «solid ausgeführt, in schönster Lage in Wollishofen. Laden und 4 Wohnungen, vermietet, Rendite 6%.» Auch notierte er, dass die Wohnungen bereits alle vermietet seien. Greppi versuchte also, jede Liegenschaft einzeln zu verkaufen. Wie weit er damit gekommen ist, entzieht sich unserer Kenntnis, denn schon im Jahr darauf verstarb er (1897). Das wissen wir, weil der Notar wegen seines Todes ein Öffentliches Inventar erstellen musste, um alle offenen Geschäftsbeziehungen zu erfassen und zu sichern. In der NZZ vom 4.3.1897 lesen wir deshalb:


Ueber den Nachlaß des am 21. Januar 1897 verstorbenen Angelo Greppi, Baumeister, von Caslano (Kt. Tessin), wohnhaft gewesen an der Leonhardstraße 12 in Zürich I. Geschäftslokal in Wollishofen-Zürich II. hat das Bezirksgericht Zürich durch Beschluß vom 24. Februar 1897 das öffentliche Inventar bewilligt.

Seestrasse 404-412. Foto: Tiefbauamt Zürich. 1931. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Im Inventar Neue Schweizer Architektur (INSA) ist der Block verzeichnet. Es steht dort: Seestrasse Nrn 404-412. Schlichte MFH-Zeile, erbaut 1895, Eckschräge mit Balkonen (Nr. 412).


Die Greppi-Häuser sind Häuser am See. Ob sie deshalb an «schönster Lage in Wollishofen» erbaut wurden, bleibt offen. Nicht weiter untersucht habe ich auch nicht, wer in den über 100 Jahren alles in diesem Mikrokosmos an der Seestrasse gewohnt hat. Es ist aber anzunehmen, dass es auch viele Arbeiterfamilien waren: die Wohnungen waren relativ billig, und die Nähe zur Roten Fabrik und zu weiteren industriellen Betrieben an der Seestrasse sorgte für kurze Arbeitswege.


Baugesellschaft Frohalp - «Stünzihäuser»


Eine ganz andere Geschichte bieten die sog. Stünzihäuser. Städtebaulich sind sie das pure Gegenstück zu den Greppi-Häusern. Von Blöcken kann man hier nicht sprechen, eher ahmte die Architektur bäuerliche Lebensweise nach. Die Häuser waren auch nicht direkt vor dem Fabriktor, sondern in gehörigem Abstand, am Berg oben, an der Butzenstrasse, beim Übergang zum Sihltal. Die Stünzihäuser wurden 15 Jahre nach den Greppi-Bauten erstellt: Baujahr 1911. Wer war Bauherr, wer Architekt?

Wollishofen, sog. Stünzi-Häuser, Butzenstr. 34-46. Fotograf unbekannt.

Sammlung MZ. Gelaufen 6.7.1920.


Auch hier weiss INSA Rat. Auf S. 320 (im Band Zürich) heisst es: «Butzenstr. 34-36 und 42-46. Drosselstr. 1: MFH, Architekt Heinrich Müller, Bauherr Baugenossenschaft Frohalp. Baujahr 1911. Einfacher Heimatstil. Umgebaut und teilweise purifiziert.» Kein Wort von Stünzi, der Industriellen-Familie, die ab 1900 in der Roten Fabrik Seidenstoffe herstellen liess. Anders die Zürcher Wochenchronik, die am 24. Juli 1915 einen längeren Bericht mit «Photographie» schaltete. Der Bericht wird hier vollumfänglich wiedergegeben. Und hier wird (erstmals?) ein Bezug zur Firma Stünzi hergestellt:


«In der Zürcher Wochen-Chronik vom 5. Juni erschienen zwei Bilder vom neuen Entlisbergquartier Wollishofen. Als Pendant zeigt unsre Aufnahme das vor drei Jahren durch die Baugesellschaft „Frohalp" erstellte Frohalpquartier, auf dem Plateau der Butzenstraße in Wollishofen gelegen. Gegenüber dem untern Block liegt das den Ausflüglern wohl bekannte Restaurant „Frohalp", schief vom obern Block das neue Waisenhaus Entlisberg und in nächster Nähe zwischen der Butzen- und Lettenholzstraße die rasch der Vollendung entgegengehende neue Kantonale Blinden- und Taubstummenanstalt. Die beiden Blocks sind mit Drei- und Vierzimmerwohnungen versehen und werden von Angestellten und Arbeitern der Seidenfabrik Stünzi Söhne A. G., von städtischen Angestellten und andern Privaten bewohnt. Im untern Block ist eine kleine Badanstalt eingerichtet, wo den Mietern zum Baden alle Samstag-Nachmittag Gelegenheit geboten wird bei sehr mäßiger Berechnung. Jede Partei besitzt vor dem Hause einen Gartenanteil und hinter den Häusern kann nach Wunsch weiteres Gemüseland zu billigem Preise gepachtet werden, was sehr benutzt wird. Wie aus dem Bilde zu ersehen ist, genießt man eine sehr schöne Aussicht auf die Stadt, den See und den Zürichberg.»


Auch das Staatsarchiv Zürich, wo die Wettbewerbsunterlagen aufbewahrt werden, schreibt den Stünzis die Rolle der eigentlichen Bauherren zu: «Genossenschaftler waren auch Mitglieder der Familie Stünzi. Im Volksmund wurden die von der Genossenschaft getragenen Häuser als Stünzihäuser bezeichnet», heisst es im Archivkatalog.


Und man beachte noch folgendes: Es gab – aus dem Bericht in der Wochen-Chronik zu schliessen – im Wohnungsgrundriss der Überbauung Frohalp keine Badezimmer mit Wanne, so dass es eine gemeinsame «kleine Badeanstalt» brauchte, um Hygiene und Sauberkeit bei den Mietern garantieren zu können...


(Ein Blog zu Sauberkeit und Hygiene folgt.)



(SB)

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