JUGENDSTIL IN WOLLISHOFEN

Aktualisiert: 29. Mai

Eine erste Bauperiode, die das Bauerndorf Wollishofen urbanisieren und zu einem Stadtquartier machen wollte, kann um 1900 festgetellt werden. Das war auch die Zeit des Jugendstils. Es ist deshalb naheliegend, danach zu fragen: Wo ist der Jugendstil Wollishofens geblieben? Denn: Sieht man vom Jugendstilobjekt par excellence – von Max Blondats Fröschlibrunnen* – einmal ab, so wird man in Wollishofen bei der Frage nach Jugendstil nicht sofort fündig. Und was man – erst nach spezieller Suche – findet, zeigt, dass dieser Stil in Wollishofen nicht generell heimisch wurde. Also keine «Wollishofer Secession» …


Gleichwohl lohnen sich Suche und Darstellung. Darum dieser Blog! Versucht man, sich ein Bild zu machen, welche heutigen Strassen, um 1900 herum als neue Strassen erbaut und die damit erschlossenen Areale überbaut wurden, so landet man vor allem bei der Staub- und der Etzelstrasse, der Rain- und der Drosselstrasse sowie der Kilchberg- und der Zellerstrasse (Aufzählung unvollständig). Natürlich gab es auch an der Albis- und an der Seestrasse in jener Zeit Neubauten. Auf dem nachfolgenden Ausschnitt einer Postkarte ist die Etzelstrasse kurz nach ihrer Eröffnung zu sehen, wie sie – noch ohne Häuser – wie eine Rennpiste über das ehemalige Ackerland führt.


Knabe an der Einweihung des Hans Asper-Schulhauses 1912, Etzelstrasse im Hintergrund. Ausschnitt Ansichtskarte. Sammlung MZ. Gelaufen am 19.4.1912.


An diesen Strassen dürften Spuren von Jugendstil am wahrscheinlichsten sein. Doch leider muss man feststellen, dass die meisten der damals erbauten Wohnhäuser bereits wieder Geschichte sind, d.h. abgerissen und neu überbaut wurden. Das gilt vor allem für die Etzelstrasse, aber auch für andere. Zudem muss man sich bewusst sein: Längst nicht alle Bauten Wollishofens, die in jener Periode gebaut wurden, waren dem Jugendstil selber verpflichtet. Damals konkurrierten mehrere Stile miteinander, neben Jugendstil war auch der Heimatstil «in» – wie z.B. das Hans-Asper-Schulhaus zeigt –, es gab Historismus – man denke an die Villa Zweifel (Enge) – ebenso wie weiterhin klassizistische Bauten – so die Villa Kehl an der Bellariastrasse.


Auf eine markante Villa, die ihren Jugendstil nicht verbergen wollte, haben wir schon im Blog URBANE VILLEN hingewiesen: Rainstrasse 19. Dieses wuchtige Gebäude wurde 1907 von Architekt Veith entworfen und realisiert. Es steht zwar heute nicht mehr, Pläne des Architekten sind aber noch vorhanden, ebenso eine herrliche Flugansicht – vom Helikopter aus, deren Fotograf ist allerdings unbekannt...


Rainstrasse 19, Aufnahme aus dem Helikopter um 1970. Privatbesitz.


Jugendstilarchitektur richtete sich gegen die strenge, symmetrische und rechtwinklige Bauweise des Klassizismus. In diesem Sinne sind nur schon das komplizierte Dach der Veith'schen Villa und die geschwungenen Simse Zeichen des Jugendstils. Noch spezifischer sind einzelne Details, zum Beispiel die unregelmässige Anordnung von Fenstern auf der Fassade oder geschwungene Bögen über Balkonen.


Ausschnitt aus dem Originalplan von August Veith (1907), Südwest-Fassade. Privatbesitz.


Charakteristisch für den Jugendstil sind generell farbige Fenster unter einem Bogen, besonders solche mit in Blei gefassten Blumen. Solche Fenster hatte es in den zentralen Partien der Südwest-Fassade der Rainstrasse 19 – die Fenster wurden vor dem Abbruch des Hauses gerettet und sind heute im Nachfolgebau im Treppenhaus als Schmuck wieder eingebaut.


Eine Villa, die ihren Jugendstil nicht offen zeigt, und vom Inventar Neuer Schweizer Architektur INSA auch offen als dem Heimatstil verpflichtet bezeichnet wird, ist die Villa Mooser an der Seestrasse 431. Das Baugeschichtliche Archiv besitzt zahlreiche Fotos aus dem Innern, viele Details erinnern mich sehr an Jugendstil, wenn auch ganz typische Formen und Muster fehlen. Als Beispiel sei hier eine Stuckdecke angeführt:


Kein Jugendstil? Villa Mooser, Seestrasse 341. Baujahr 1912. Architekt Emil Stähli.

Foto: Hanspeter Dudli, 2004. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Die Frohalpstrasse gehört zwar nicht zum genannten Kernperimeter des Wollishofer Jugendstils, dennoch gibt es dort mehrere erhaltene Spuren. Der Häuserflarz von fünf Einfamilienhäusern, Frohalpstrasse 73-81, hat Jahrgang 1921 und zeigt sich vom äusseren Erscheinungsbild her nicht besonders jugendstilig. Betrachtet man allerdings die Haustüren, die glücklicherweise recht unverschandelt sind, so erkennt man doch einen Hauch von zarter Bewegtheit.


Wollishofer Jugendstildetails Frohalpstrasse 73-81. Baujahr 1921.

Fotos SB. 2021.


Noch deutlicher ist es beim Zentrum für Sprache, der ehemaligen Blinden- und Taubstummenanstalt, ebenfalls an der Frohalpstrasse (Nummer 78, gleich vis-à-vis). Erbaut wurde diese vom Architekten und Kantonsbaumeister Hermann Fierz im Jahre 1914. Von aussen ist das Haus auch nicht direkt dem Jugendstil zuzuordnen, doch im Innern fanden und finden sich zahlreiche Inszenierungen, so ist der Speisesaal mit seinen grosszügigen Rundbogenfenstern, einer zarten weissen Stukdecke und einem filigranen hölzernen Vitrinenschrank noch recht original erhalten. Die Deckenbemalung im Korridor des Eingangsbereichs ist zwar mehrheitlich rekonstruiert, gibt aber den Eindruck, den man 1914 beim Betreten des Gebäudes erhalten hat, gut wieder. Eine besonders markante Jugendstilbemalung war der geschmückte Eingang zur sog. «Schibel-Halle», benannt nach dem vormaligen Direktor der Zürcher Anstalt, Georg Schibel, 1807-1900. Diese prächtige Jugendstilmalerei wurde mutmasslich in den 1980er Jahren leider entfernt.


Blinden- und Taubstummenanstalt. Innenaufnahme. Baujahr 1914.

Foto: Hochbauamt, 1915. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Auf die Vorliebe des Jugendstils für farbige Glasfenster wurde schon hingewiesen. Obwohl ja gerade diese Indizien für Jugendstil besonders fragil sind, haben sich davon in Wollishofen doch einige Exemplare erhalten, so etwa an der Wettsteinstrasse 1, an der Rainstrasse 26 oder der Drosselstrasse 16. Die letzteren beiden zieren den Eingang, beide sind in einer Maueröffnung mit Rundbogen eingefasst. Ein durchaus auch als Jugendstil anzusprechendes Relief ist an der Staubstrasse 4-6, gleich oberhalb der Seestrasse, zu entdecken. Insbesondere die Verwendung von Gold an einer Aussenwand eines Hauses ist recht selten, aber auch recht typisch für Jugendstil (v.a. auch bei der sog. «Wiener Secession»). Sogar die wuchtigen Reliefs am Hans Asper-Schulhaus, das seinen Heimatstil in keiner Weise verbergen kann, ahmen etwas Jugendstil nach. Eine solche Verwendung der Stilelemente ist allerdings eher als Zitat denn als Ausdruck einer klaren architektonischen Botschaft zu verstehen.


Drosselstrasse 16, Jugendstil-Eingangsbereich. Foto: SB (19.11.2021).


Ein Fazit ist gar nicht leicht zu ziehen. Nochmals: Eigentlich würde man erwarten, in Wollishofen auf viel Jugendstil zu stossen, weil das Quartier in der Blütezeit dieses Stils stark gewachsen ist. Dass sich der Stil hierzulande aber eher ziert, hat mit mehreren Faktoren zu tun, worunter mir die Konkurrenz mit dem volkstümlicheren und beliebteren Heimatstil am bedeutendsten erscheint. Jugendstil war vielleicht zu verspielt für die pragmatischen Wollishofer, vielleicht war er auch teurer als mögliche Alternativen. Und eben: Wenn ein Architekt oder Bauherr anfangs des 20. Jahrhunderts ein Bauwerk im Jugendstil errichtete, war das Risiko gross, dass es im langen und dynamischen 20. Jahrhundert bereits wieder verloren ginge...



(SB)

 

* Vgl. Blog FRÖSCHLIBRUNNEN


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