KALCHBÜHL

Aktualisiert: 29. Mai

Wo ist der Kalchbühl?


Ein Bühl (zürichdeutsch Büel, auch Büchel) ist eine «(kleine) Erhöhung überhaupt», erklärt das Schweizerdeutsche Wörterbuch Idiotikon, also nicht nur ein Hügel in der Landschaft, sondern auch eine Beule am Körper oder anderswo. Ein «Büel» ist eine topografische Bezeichnung, so sagt auch das Zürcher Strassennamenbuch zur Kalchbühlstrasse: «Flurname, Anhöhe, wo Kalkstein gewonnen und gebrannt wurde». Wo genau «Kalch» in Wollishofen gewonnen wurde, weiss man heute nicht mehr sicher. Eric Siegrist, der Ortsnamenforscher Wollishofens, vermutete, der Kalchbühl sei identisch mit dem Büel, dem kleinen Hügel, der für den Geschäftsneubau Kalchbühlstrasse 22 abgetragen werden musste. Das ist sehr gut möglich, denn auf dem «geometrischen Plan» von Ingenieur Johannes Feer von 1788 ist dort ein «Stein-Bühl» eingetragen. Wozu Kalk abgetragen wurde? Diesen brauchte man vor allem, um Sand zu Mörtel zu binden, also im Bauwesen, für Stein- und für Fachwerkhäuser. Dem Kalchbühl in Wollishofen schulden zwei Strassen ihren Namen, die Alte Kalchbühlstrasse und die (neue) Kalchbühlstrasse – wobei die beiden zusammengehören. Zudem gibt es noch den Kalchbühlweg, der in der Tat den oben genannten Steinbühl tangiert!


Die Kalchbühlstrasse bildete in der frühen Neuzeit einen wichtigen Teil des Oberdorfs Wollishofen, hier stand bis ins 19. Jahrhundert das Wirtshaus, das auch Gemeindehaus war, und hier standen vier traditionelle Häuser, die das alte Wollishofen ausmachten, in Reih und Glied: das erste von links kennen wir, es ist das Lavater- oder Weberhaus, das «Hochhaus» Wollishofens avant la lettre (Nr. 3). Das zweite ist Nr. 5, das dritte – ein Doppelwohnhaus – trägt die Nummern 9 und 11. Das letzte Haus, Nr. 13, ist das sog. «zweite» Gemeindehaus, 1750 erbaut, das eben auch als Gesellenwirtschaft diente. Es wurde 1833 durch den Hirschen an der Seestrasse ersetzt; die Kalchbühlstrasse 13 wurde in jenem Jahr als «Haus zum Sonnengarten» an Heinrich Arter verkauft. Von diesen vier Altbauten – dem Zentrum des alten Oberdorfs Wollishofen – steht heute nur noch das Doppelwohnhaus (Nr. 9/11).


In Reih und Glied: Vier Häuser an der Alten Kalchbühlstrasse (Nr. 3, 5, 9/11, 13).

Fotograf: Eduard Steimle (Stauber, Tafel 39.1).


Die besondere Stellung als kleines Zentrum von Wollishofen verdankten das Oberdorf und die (alte) Kalchbühlstrasse der Linienführung der sog. «oberen Landstrasse», die von der Stadt über Wollishofen gegen den Albispass und von dort in die Innerschweiz führte. In Wollishofen blockierte das sumpfige Moorgebiet des Mooses eine direkte Verbindung, weshalb der Weg über die Kalchbühlstrasse und das Nidelbad geführt wurde. Die Kalchbühlstrasse war also Teil der überregionalen Verbindung, führte aber ausserhalb des Oberdorfs einfach quer durch Äcker, Weinberge und Baumgärten. Entlang dieser Achse entstand im 20. Jahrhundert die «Wohnstrasse Kalchbühlstrasse». Dabei folgte die Entwicklung nicht einfach bergwärts, indem das um 1930 erbaute Neubühl vor späteren Wohneinheiten realisiert wurde. Um 1940 erhielt die Strasse zusätzlich einen neuen Start: Man verband den oberen Teil direkt mit der Albisstrasse, die Verzweigung kam zur Albisstrasse 67 zu liegen. So «umfuhr» man das alte Zentrum, und aus der alten Kalchbühlstrasse wurde die Alte… Heute ist diese kaum mehr zu erkennen, kam doch das COOP-Center direkt auf deren Trassee zu liegen.


Eine besondere Erinnerung verdient das Doppelwohnhaus (alte) Kalchbühlstrasse 21/23. Dieses stattliche Bauernhaus wurde 1784 erbaut – und 1994 (noch!!) abgerissen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wohnten hier zwei Bauernfamilien – Bosshard und Reutlinger. Noch heute zeugen sehr schöne Fotografien im Baugeschichtlichen Archiv Zürich von der traditionellen Bauweise, von der sorgfältigen Architektur, vom hablichen Stand ihrer bäuerlichen Besitzer.


Alte Kalchbühlstrasse 21/23. 1990. Foto: Büro für Denkmalpflege.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Die heutige Kalchbühlstrasse führt durch eine gute Wohngegend. Die Entwicklung zum städtischen Wohnquartier war hier rasant! Entlang des Egghügels enstanden im 20. Jahrhundert zahlreiche Wohnbauten, die meisten von Wohngenossenschaften erbaut, einige auch von privaten initiativen Bauunternehmern. Am meisten Bauten besitzt die Baugenossenschaft Waidberg, alle ungeraden Nummern bis zum Honeggerweg gehören dieser Institution. Fast ebensoviele wurden durch die Wohn- und Siedlungsgenossenschaft erstellt. Vor dieser städtischen «Übernahme» standen nur wenige Häuser im genannten Perimeter: so vor allem eine gründerzeitlich anmutende Villa, 1896 erbaut, zunächst Nummer 49, später Kalchbühlstrasse 79. Das Haus gehörte anfangs des 20. Jahrhunderts einer Familie Hausheer – 1925 wohnten darin auch noch zwei Erben dieser Familie, deren Beruf mit «Landwirt» angegeben ist. Später erwarb Landwirt und Pferdehändler Gerteis das Anwesen, älteren Wollishofer/innen ist dessen Nachfolger, Heinrich Brandenberger, noch ein Begriff.


Kalchbühlstr. 79. 1977. Foto: Büro für Denkmalpflege.

Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Walter Altherr, der an der Kalchbühlstrasse aufwuchs, erinnert sich: «Ich habe den letzten Fuhrhalter noch gekannt und auch noch gesehen, wie er mit der Kutsche zu Hochzeitfahrten ausfuhr.» Und Adrian Michael, im obersten Stock der Villa aufgewachsen, meint: «Mehrere Male im Jahr kam der Hufschmied, um die Pferde zu beschlagen. Die Pferde hat er [Brandenberger] allerdings um 1970 verkauft, danach wurde die Scheune als Lagerraum genutzt. Im oberen Teil hatte B. mehrere schwarzlackierte Kutschen, die er für Hochzeiten vermietete, und die am Sechseläuten eingesetzt wurden. Oberhalb der Ställe lebte zeitweise ein Knecht.»


Diese Herrlichkeiten wurden 1983 abgerissen und durch die heutigen Häuser Kalchbühlstr. 77/79/81 ersetzt.


Pferdehandlung Brandenberger (bei Kalchbühlstr. 79). 1977.

Foto: Büro für Denkmalpflege. Baugeschichtliches Archiv Zürich.


Eine Besonderheit ist der Bau Kalchbühlstr. 80/82, der als Geschäfts- und Gewerbehaus errichtet wurde und als Garage Bosshard bekannt wurde. Das Haus ist typische Architektur der 1950er Jahre, als Baujahr ist 1956 angegeben.


Kalchbühlstrasse. 1980. Foto: Büro für Denkmalpflege. Baugeschichtliches Archiv Zürich.



Die Überbauung entlang der Kalchbühlstrasse südlich der Widmerstrasse fand – vom Neubühl an der Kalchbühlstrasse 150 abgesehen – Ende der 1950er und in den 1960er Jahren statt. Dazu gehört auch das grosszügige Alterszentrum Kalchbühl der Stadt Zürich an der Kalchbühlstrasse 118. Diesem erteilte Adäo Soares in seiner portugiesischen Rezension das Verdikt: «Bom serviço e atendimento» (guter Service und gute Pflege).


Das ist ja sehr gut!


Alterszentrum Kalchbühl, Kalchbühlstrasse 118. Foto SB (07.10.2021).



(SB)


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