NEUBÜHL

Aktualisiert: 12. Dez. 2021

Eine Wohngenossenschaft, die als architektonisches Denkmal Furore gemacht hat, ist die Siedlung Neubühl, im Süden Wollishofens, an Kilchberg grenzend. Sie ist vom Alter her mit vielen Wollishofer Siedlungen vergleichbar – Gründung der Genossenschaft 1929, erster Wohnbezug Ende März 1931! Aber die Architektur war doch so ganz anders als die übrigen Überbauungen Wollishofens jener Zeit; sie war dem Neuen Bauen, dem Bauhaus-Stil verpflichtet. Und diese Architektur war nicht nur Ausdruck der Initiative, sondern beeinflusste auch die Mieterschaft bzw. wiederum die Genossenschaft selber.


2021 einen Blog zum Neubühl zu verfassen ist nicht möglich, ohne das jüngst erschienene Buch von Emanuel La Roche zu Rate zu ziehen: Im Dorf vor der Stadt. Die Baugenossen-schaft Neubühl 1929-2000, erschienen 2019 im Zürcher Chronos Verlag. Mani La Roche, in Wollishofen an der Rainstrasse aufgewachsen, ist seit Jahren selber Bewohner des Neubühls, er kennt alle wichtigen Persönlichkeiten der Genossenschaft – persönlich oder über direkte Schilderungen von Zeitgenossen. Das macht das Buch sehr persönlich – und sehr lesenswert!


Flugbild Neubühl. J. Gaberell. Sammlung MZ. Gelaufen am 3. August 1966.


Die Monographie von La Roche beweist, was Aussenstehende in der Regel nicht wissen können: Die Überbauung ist nicht nur einfach eine Ikone der modernen Architektur, sondern eine Gemeinschaft, eine Genossenschaft mit Leben, ein Dorf mit allen Vor- und Nachteilen des nahen Zusammenlebens.


Während die Vertreter der Gründergeneration nicht mehr unter uns sind – Planer, Architekten, Genossenschafterinnen und Genossenschafter – leben viele der heutigen Mieter seit Jahren und Jahrzehnten in diesem Dorf. Mit den ersten Pionieren sind auch einige Ideale der ersten Zeit vielleicht verschwunden, vielleicht auch nur verändert worden. Der bekannte Anwalt Wladimir Rosenbaum etwa war ein dezidiert linker Anwalt, und er war der erste Genossenschaftspräsident. Über ihn hat Peter Kamber eine wunderschöne Doppelbiographie geschrieben – über ihn und seine Frau Aline Valangin.* Und auch über das federführende Architekturbüro HMS – Häfeli-Moser-Steiger** – wurde viel geschrieben; das Neubühl bedeutete für das Trio wohl den Durchbruch! Auch wenn, wie La Roche ausführt, HMS aktiv andere Architekten bei Planung und Realisierung beizog, insbesondere auch Gustav Ammann als Landschaftsarchitekten.


Neubühl Luftaufnahme. 1932. Swissair-Foto-AG. Sammlung MZ. Nicht gelaufen.


Im Neubühl wohnten und wohnen viele Prominente – von A- bis C-Prominenz!! Ein Pionier war der Zürcher Literat Rudolf Humm, Autor von «Das Linsengericht» oder «Das Rabenhaus». Bekannt war auch der öffentliche Neubühl-Bekenner Jürg Kaufmann, der Mittelschullehrer und VBZ-Aktivist (Gratistram), der später für die Sozialdemokraten Stadtrat wurde. Ein Ur-Wollishofer und Neubühl-Mieter war auch der langjährige Karikaturist Werner Büchi, der beim Nebelspalter nationale Bekanntheit erreichte, aber auch im Zürich 2 viele Zeichnungen platzierte – die meisten mit Bezug zu Wollishofen, einige sogar zum Neubühl selber. Weniger bekannt ist die Rolle, die das Neubühl während der Dreissiger Jahren als Aufnahme- und Wohnort für Flüchtlinge spielte.


Völlig unbekannt war mir als La-Roche-Leser die Geschichte mit dem Neubühler Katzenverbot. Masste sich der Vorstand 1945 doch an, ein Katzenverbot auszusprechen – was zum heiligen Protest vieler Neubühler Katzenhalter/innen führte. Nachzulesen eben bei La Roche, Seite 307!


(SB)


 

* Peter Kamber. Geschichte zweier Leben. Wladimir Rosenbaum – Aline Valangin. Limmat-Verlag. Zürich 1990.

** Max Ernst Haefeli, Werner Max Moser, Rudolf Steiger.

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