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SCHULE: LEHRER UND SCHÜLER

Aktualisiert: 30. Juli 2023

Wer von Wollishofer Schule redet, kann Schulhäuser meinen (vgl. Blog SCHULHÄUSER). Schule ist aber eben mehr: Schule ist Leben. Und da handelt es sich um Menschen, die sich begegnen. Um Kinder und Jugendliche, um Lehrerinnen und Lehrer, um Eltern und Schulpfleger und und und.


Eine Geschichte all dieser an Schule Beteiligten in Wollishofen in einem Blog zu schreiben, geht natürlich nicht. Ich habe mir beholfen mit einigen Gesprächen, mit ehemaligen Schülern, mit Lehrerinnen, mit Nachkommen von ehemaligen Lehrern. Alle haben mir den Eindruck verstärkt, den ich schon von meinen eigenen Kindern, die in Wollishofen zur Schule gingen, hatte: Schule ist in Wollishofen wichtig. Die Phase der Schulzeit ist für Menschen prägend. Die Schule vermittelt Heimatgefühl. Nicht zuletzt deshalb soll Heimatkunde in Wollishofen der 4. Primarklasse nicht nur die Stadt Zürich, sondern auch unser Quartier behandeln! In diesem Sinne habe ich unlängst eine Klasse auf einer kleinen Exkursion durch Wollishofen geführt – um das eigene Quartier besser kennen zu lernen, um auf historisch interessante Zeugen aus der Geschichte hinzuweisen, aber auch um das Kartenlesen praktisch anzuwenden! Wir starteten beim Schulhaus Manegg, waren im Haumesser, schauten uns den Hof «Auf Asp» an, und beschlossen unseren Rundgang beim Muggenbühl.


Schulinformationen eines Nachbarn


Auf der Suche nach einem Wollishofer mit langer Wollishofer Schultradition stiess ich auf Thomas Fehr. Er wurde 1936 an der Rainstrasse geboren und war Wollishofer Schüler Mitte der 1940er Jahre. Er wohnte fast das ganze Leben an der Rainstrasse, nun ist er seit kurzem in einer betreuten Situation! Er erzählte mir, dass er neben der Familie Schmid aufgewachsen sei, deren Sohn Karl Schmid später Germanist, Professor und Rektor der ETH Zürich wurde. Doch da Karl jun. mit Jahrgang 1907 so viel älter gewesen sei als er, habe sich kein enger Kontakt ergeben. Der Vater von Karl Schmid, ebenfalls Karl, war allerdings auch schon Handelslehrer, und er hatte Thomas‘ Vater Walter an der kantonalen Handelsschule unterrichtet. Dieses komplexe Beziehungsgeflecht ergab dann ein gutnachbarliches Verhältnis! Im gleichen Haus wie Schmids wohnte übrigens auch die Familie Huber – Sohn Léon war mit Thomas eng befreundet; er wurde später der bekannte Tagesschau-Moderator.


Was machte man in den 1940er Jahren in und neben der Schule? Thomas erinnert sich vor allem an die gemeinsamen Abenteuer, manchmal durfte man zum nahen Bäcker, wo gemeinsam Vanille-Glacé verspiesen wurde. Das war das damalige Lieblingsaroma! In Wollishofen besuchte Thomas die Primarschule und dann die Sekundarschule, Klassen 1 und 2. Er erinnert sich gerne an seine Sek-Lehrer – Jakob Knecht für die Sprachen und die Geschichte, Dr. Furrer für Mathematik und die Naturwissenschaften. Die beiden fand Thomas besser als seinen Lehrer in der Primarschule! Jakob Knecht war auch als Historiker Wollishofens tätig; seine Schrift «Wollishofen – Vom Bauerndorf zum Stadtquartier» kam 1951 heraus. Es war explizit als nicht wissenschaftliches Werk, sondern als Volksschrift konzipiert, es wird heute noch gerne zu Rate gezogen.



Sekundarklasse Hans Asper-Schulhaus, Lehrer Furrer und Knecht, 1951.

Foto: Hubert und Walter Haagmans. Staatsarchiv Zürich.


Nach der Sekundarschule besuchte Thomas dann – wie der Vater – die Maturitätsabteilung der Handelsschule an der Rämistrasse 76, die er mit der Matura D abschloss. Damit war er Kaufmann. Als solcher arbeitete Thomas häufig im Ausland, vor allem auch für Volkart Winterthur. Da war er vor allem Kaffeespezialist und handelte auch mit Baumwolle. Mehrere Jahre wohnte er in Brasilien und den USA, bis er an die Rainstrasse zurückkehrte. Lange Zeit war Thomas dann Direktor von Denner. Man sagt, dass er es war, der den Denner-Chef Schweri am längsten «ausgehalten» habe.* Seine Frau Beatrice Fehr-Lüscher war auch eine Rainsträsslerin, ihre Familie wohnte in einem der Moser-Häuser (Rainstr. 62-78, gerade Nummern). – Ein Trio von Rainstrassen-Sekundarschüler/innen aus den 1940er und frühen 1950er Jahren trifft sich übrigens noch heute regelmässig im Café Medina: der Junior ist Urs Esenwein, 1939, der Median Thomas Fehr, Ruth Stuber die Seniorin!


«Emmeli» Emma Hausheer (sitzend vorne links) in ihrer 3. Primarklasse

im Schulhaus Wollishofen. 1901. Privatbesitz.


Von Lehrern (und Lehrerinnen)


Aus der Frühzeit der Wollishofer Schule sind uns die Geschichten um die Errichtung der ersten Schulhäuser bekannt, von den beteiligten Personen kennen wir im besten Fall aber lediglich die Namen der Lehrer. Es waren nur Männer, die diesen Beruf ausübten – ja: Lehrersein war in der Frühzeit gar kein richtiger Beruf, sondern nur ein Nebenerwerb. Jeder Lehrer hatte auch noch einen kleinen oder grösseren landwirtschaftlichen Betrieb. Lehrer als Vollberuf meist erst mit der Gründung der Volksschule im liberalen Zürich der 1830er Jahre. Lehrer hatten vorher auch keine spezielle Ausbildung. Das kantonale Lehrerseminar in Küsnacht wurde 1832 errichtet, erst durch Ausbildung und rechte Entlöhnung wurde das Lehrerdasein nach und nach zum richtigen Beruf. Mit der neuen Volksschule sollten die Lehrer auch nicht mehr unter der Kontrolle des Ortspfarrers stehen, sondern unter der neugeschaffenen der Schulpflege. Lehrer sollten nun selber zu den ehrenwerten Personen eines Dorfes gehören, zusammen mit Pfarrer und Arzt die soziale Spitze der dörflichen Gemeinschaft bilden. Es verstand sich von selbst, dass in jener Zeit nur Männer zu dieser Ehre gelangen sollten...

Die ersten uns bekannten Lehrer Wollishofens waren Wollishofer: Hans Abegg war Lehrer von 1642-60, er starb 1670; Paulus Hausheer, 1649-1711, eine imposante Figur, erscheint auf Urkunden als «Schulmeister», war im Amt von 1670 bis zum Tode; neben Lehrer war er aber auch noch Wirt, später auch «Vorgesetzter» (also Geschworener) und gar Oberster der Kirche als «Kilchmeier». Hans Rudolf Horner (1712-39) begründete eine erfolgreiche Lehrerdynastie, indem sein Nachfolger Hans Konrad Baumann (1739-65) sein Tochtermann, und dessen Nachfolger Rudolf Baumann (1765-81) Enkel von Horner war! Der mittlere dieser Dreierliste war im Amt, als Pfarrer Johannes Schmutz nach Wollishofen kam (1746); im Tagebuch notierte Schmutz die Vertreter der Dorfehrbarkeit, die ihm einen Antrittsbesuch machten; dazu gehörte auch Schulmeister Baumann! Später, nach einigen kürzeren Einsätzen, war es dann vor allem Johannes Baumann, 1790-1851, der der Wollishofer Schule 38 Jahre vorstand und erheblichen Auftrieb gab. Sein Examen 1822 «fiel zur allgemeinen und vollkommenen Zufriedenheit» aus!!! Er hatte eben bereits eine Ausbildung genossen – auch wenn die damaligen «Lehrerkurse» nur kurz waren, bedeuteten sie doch eine erhebliche Verbesserung der Lage. – In Staubers Chronik werden S. 49f. alle ihm bekannten Wollishofer Lehrer der Geschichte aufgelistet! Nur er selber – als Primarlehrer – fehlt auf der Liste!


Otto Wettstein und Emma Wettstein-Hausheer, um 1920. Privatbesitz.


Wichtig für die Entwicklung der Volksschule war Mitte 19. Jahrhundert die Einrichtung von Sekundarschulen. Deren Lehrer erhielten eine besondere Ausbildung, die später gar an der Universität stattfand! Es war lange Zeit ein grosser Wunsch Wollishofens, ein eigenes (stattliches) Sekundarschulhaus zu erhalten. Das Hans Asper-Schulhaus erfüllte diesen Wunsch 1912! Er erfüllte die Wollishofer mit grossem Stolz – auch wenn andere Quartiere und Gemeinden schon früher in den Genuss dieser «höheren Bildung» kamen. Ein besonders aktiver und bekannter Sekundarlehrer im «Hans Asper» war Otto Wettstein, *1883. Die Wettsteins kamen vom Zürcher Oberland, ursprünglich von Russikon. Dass sich Wettstein 1912 in Wollishofen niederliess, war dem grossen und schönen Schulhaus in Stadtnähe zuzuschreiben. Wettstein hatte an der Universität nicht nur Sekundarlehrer, sondern auch Geographie studiert, und mit einem Doktorat über die Geographie des Safientals abgeschlossen. Er war auch Verfasser des Buches «Heimatkunde des Kantons Zürich. Darstellung von Land und Volk.» (1913) und wohnte zunächst als Lediger an der Rainstr. 22 (1913). Im Jahre 1915 heiratete er die Wollishofer Bauerntochter Emma Hausheer aus dem Haumesser, die aber mit ihren Eltern schon an den Simmlersteig 18 gezogen war (vgl. Blogs HAUMESSER und HAUSHEER). Zusammen mit seiner Ehefrau bezog Wettstein dann auch dort seine Wohnung – im Haus der Schwiegereltern, in unmittelbarer Nähe des Schulhauses!**


Von Otto Wettstein ist bekannt, dass er als einer der ersten Sekundarlehrer nicht mehr alle Fächer unterrichten wollte, sondern sich mit einem Kollegen zusammentat, und die Fächer aufteilte. Der Kollege, Albert Bosshart, genannt «Bartli», übernahm Mathematik und Naturwissenschaften, der «Dökti», eben Dr. Wettstein, die Sprachen und sein Studienfach, die Geographie. Der damalige Schulpflegepräsident, der NZZ-Redaktor Jakob Börlin, akzeptierte diese Aufteilung, die später zur Norm des Einsatzes von Sekundarlehrkräften werden sollte.


Schule ist Leben!



(SB)

--

* Vgl. Karl Lüönd. Der Unerbittliche. Karl Schweri (1917-2001) Kämpfer für faire Preise. Zürich 2017, S. 131.

** Das Ehepaar Wettstein-Hausheer hatte auch Kinder, darunter Walter Wettstein, der spätere reformierte Pfarrer von Wollishofen.


Ich danke Ursula Hänni-Hauser (unterdessen regelmässige Bloggerin auf wollipedia) für Unterlagen zu Otto Wettstein und Emma Wettstein-Hausheer.


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