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WAS BRUCHT E RÄCHTE SCHWYZERMA?

Aktualisiert: 6. Juni

Das 19. Jahrhundert gilt als Jahrhundert der Vereine. In Wollishofen gab die bürgerliche Lesegesellschaft den Takt vor – seit 1798. Zunächst als halb-politische Gesellschaft, dann vermehrt als Trägerin von Bibliothek und Bildung, existieren der Verein und die Bibliothek noch heute. Ein zweiter Mammut im Wollishofer Vereinsleben war der Männerchor. Es gab weitere Chöre, aber kein anderer Verein konnte es mit dem Wollishofer Männerchor in Sachen Heimatliebe, Kollegialität und Geselligkeit aufnehmen. Gegründet wurde er 1849, im ersten Jahr des neuen Bundesstaates.


Schiessen, Singen, Turnen, Lesen, Musik, Volkstum, aber auch Gemeinnützigkeit, Bildung, Geschichte – für viele Hobbies und Aktivitäten wurden im bürgerlichen 19. Jahrhundert Vereine gegründet. Meistens bestanden diese aus lokalen Vereinen, die in einer nationalen Dachgesellschaft zusammengefasst wurden. Deren nationale Festtage wurden zu Orientierungsmarken ganzer Generationen, vor 1848 zu Sendboten der nationalen Vereinigung als Bundesstaat, nach dessen Gründung als Zeichen von Patriotismus und Solidarität. Vorreiter waren die nationalen Schützenfeste, die vor allem in den 1830er Jahren «in» waren, doch auch die nationalen Musiktage, die Trachtenfeste, die Schwingfeste und viele mehr wurden populär und schafften nationale Identität in einer föderalen und vielsprachigen Schweiz.


Wollishofen war mehrfach Durchführungsort von regionalen und nationalen Vereinsfesten. So etwa das nationale Schützenfest 1913, für das beim Bahnhof ein schauerliches Denkmal errichtet wurde, und so den Namen Wollishofens in die Schweiz hinausgetragen hat. Auch das Zunftsängerfest 1904 wurde in Wollishofen durchgeführt, allerdings blieb es nicht nur in guter Erinnerung. Für die vielen Sänger und Zuhörenden war die kleine Kirche an der «alten Landstrasse» (Kilchbergstrasse) zu klein. So wagte man, ein Festzelt zu errichten, und verschuldete sich dabei, denn über die nötigen Gelder verfügte man nicht. Die Kosten beliefen sich auf über 3000 Franken. Zwar konnte der Männerchor im Nachgang mit einem Konzert und einer Sammlung über 2500 Franken einnehmen, dennoch blieb ein Verlust, den man solidarisch zu tragen hatte – weshalb man auch aus dem entsprechenden Zunftsängerdachverband austrat. Hier die Offizielle Festpostkarte des Zunftsängerfestes in Wollishofen Ende Mai 1904.*

Zunftsängerfest 1904. Gebrüder Wehrli, Kilchberg. Sammlung MZ. Gelaufen 6.6.1904.


Nur drei Jahre später wurden die Wollishofer Zeugen einer anderen Grossveranstaltung. In Laufenburg und Rheinfelden wurde das nationale Sängerfest ausgerichtet. Da durfte der Wollishofer Männerchor nicht fehlen. Und es gelang dem Chor, einen Lorbeerkranz als Trophäe zu erringen!


Erhalten ist eine Fotografie aller Sänger – mit Beschriftung auf der Rückseite. Das Original hängt heute im Ortsmuseum an der Wand.


Männerchor Wollishofen. Sängerfest 1907. Ortsmuseum.


Auf dem Foto sind 28 Männer – in Festlaune, fast alle mit einem Glas Bier in der Hand. Sie sind in vier Reihen aufgestellt. Zuvorderst liegen zwei jüngere Männer, Konrad Schlatter und Fridolin Dangel. Letzterer ist ein früher Vertreter der Familie Dangel, die über Jahrzehnte das bekannte Baugeschäft führten – Fridolin war Architekt. Die zweite Reihe sitzt auf Stühlen, v.l.n.r. sind es: Emil Hess, Wirt (oder war's der Steinhauermeister?), Eduard Bleuler, Landwirt, Leonhard Boppart, Wagner, Hans Rellstab, Landwirt in Leimbach, der Sattler Karl Benz sowie Metzger Eduard Denzler (dessen Postur seinen Beruf verrät).


Die dritte Reihe ist kompliziert, die 13 Männer stehen, teils in zwei Reihen: Ferdinand Huber, Kondukteur der Städtischen Strassenbahnen; Paul Wanner, Obermaschinist; Emil Frei, Fotograf; Heinrich Weber, Landwirt; Hans Rohner, Spengler; Robert (Rudolf) Ries, Strassenarbeiter; der Commis Heinrich Glättli; Webermeister Jean Beerli; Kanzlist August Schmid (der Fähndrich mit Fahne); der Commis Alfred Sallaz; Seidenweber Rudolf Schenkel; Schlosser Otto Spinner sowie Fritz Meier, dessen Name so allgemein ist, dass ich ihn nicht identifizieren konnte.


Die vierte, hinterste Reihe besteht aus Hans Lütolf, Feuerschauer; Schmied Hans Bressmer; Wagnermeister Henry Germann (wohl jun.); Fuhrhalter und Landwirt Rudolf Weiss; Seidenweber Joseph Brem; Commis Jean Hausheer (der auch im Turnverein war und dort als Oberturner amtete) und Kesselschmied Wilhelm Klöti.


Es fällt auf, dass viele der Männer im Oberdorf Wollishofens wohnten und Handwerker waren. Sie waren beruflich und herkunftsmässig aber sehr gemischt. Vertreter alter Wollishofer Geschlechter waren ebenso dabei wie Neuzuzüger. Vom alten Wollishofen zeugten noch vier Landwirte, darunter mit Heinrich Weber** ein Vertreter der Wollishofer Weber, die im Lavaterhaus wohnten. Auch Jean Hausheer, wohnhaft an der Redingstrasse, gehörte einer alten ansässigen Familie an. Andere kamen von auswärts – Glättli, Beerli und Spinner wohl vom Knonauer Amt, Boppart, Brem und Sallaz dürften von weiter weg nach Wollishofen gekommen sein.


Titelblatt Jubiläumsschrift Männerchor Wollishofen. 1949.


Geübt wurde jeden Samstag abends um halb Acht im Hirschen, teils auch am Donnerstag von 8 – 9 ¾ Uhr. Es wurden regelmässig Konzerte aufgeführt, häufig auch in der Kirche auf der Egg – teils allein, teils mit anderen Chören (etwa dem Töchterchor Wollishofen), teils auch mit der Harmonie Wollishofen. 1924, anlässlich des 75jährigen Bestehens, wurde zum «76. SÄNGERFEST» des Zunftsängerverbandes Thalwil eingeladen und ein 16-seitiges Programm gedruckt!


Programm Sängerfest 1924 Wollishofen. Sammlung MZ.


Das waren Blütezeiten der singenden Wollishofer. Der Chor war schweizweit bekannt und wurde gar durch Kompositionen geehrt. 1919 wurde dem Verein etwa von Hans Lavater und Josef Reinhart ein Lied gewidmet:


Was brucht e rächte Schwyzerma?


Als Emil Stauber, der Lehrer und Chronist, 1949 seinen 80. Geburtstag feiern konnte, war natürlich auch der Männerchor unter den Gratulanten. Und beim Abschiednehmen von Mitgliedern sang häufig der ganze Chor ein Abschiedslied, so etwa bei den Schreinermeistern der Familie Lienhard. 1949 wurde das 100jährige mit Pomp und Festschrift gefeiert. Und auch für's 125-Jahr-Jubiläum im Jahre 1974 brachte man nochmals viel Kraft auf. Dann hören wir aber bald nichts mehr vom Männerchor. 1976 erscheint ein letztes Lebenszeichen in der Tageszeitung «Die Tat». In den 1980er und 1990er Jahren gab es einen Männerchor «Enge-Wollishofen», es scheint, man habe das Ende durch eine Fusion hinausgezögert. Doch auch dieser Chor erschien kaum mehr in der Öffentlichkeit.



(SB)


 

* Details aus der Jubiläumsschrift 100 Jahre Männerchor Wollishofen. Zürich 1949.

** Vater von Heinrich Weber-Dressler, Architekt, Fotograf und Wollishofer Chronist.




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FREDY SCHÖRGHOFER

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